Eine Klasse für sich

Starschmiede neben Raumschiff

EM-Serie, Teil sieben: Mit der Schalker Arena vor Augen bereitete eine Gelsenkirchener Schule Özil und Neuer auf Profisport vor

- Das Raumschiff thront keine 200 Meter entfernt auf einer kleinen Anhöhe in Königsblau und Weiß. In der spiegelnden Verglasung der Schalker Arena glänzt das Sonnenlicht. Hier unten, auf dem Holzstuhl in Raum 219 der Gesamtschule Berger Feld in Gelsenkirchen, erliegt man für einen kurzen Moment der Versuchung, die komplette Karriere zweier Weltstars mit diesem Koloss im Rücken zu erklären. Das musste doch klappen, mit dieser Motivation vor der Haustür! Noch vor wenigen Jahren saßen sie auf diesen Stühlen, Manuel Neuer und Mesut Özil. Den Blick während des Unterrichts nach vorn zur Tafel gerichtet oder verstohlen nach draußen. Die beiden Nationalspieler sind hier groß geworden, im Schatten der Schalker Spielstätte, und mit der allgegenwärtigen Erinnerung im Rücken, eines Tages genau dort auflaufen zu wollen.

Besuch an einer Schule, die bei der EM im Sommer beinahe mit einer eigenen Schulmannschaft auflaufen könnte. Gelsenkirchen, Stadtteil Erle, Adenauerallee. An Bundesligaspieltagen parken hier Zuschauer des Revierklubs, an Werktagen die 118 Lehrer der Gesamtschule. Weiter rechts ist das alte Parkstadion zu erkennen, dahinter das Trainingszentrum, mittendrin das Schulgebäude. Eine FC Schalke Schule also? "Wir sind eine allgemeinbildende Schule, die ein starkes fußballerisches Profil hat. Das ist sehr erfolgreich, und darauf sind wir auch stolz", sagt Schulleiter Georg Altenkamp (64).

Die Schule versteht es, sich zu präsentieren. Drinnen angekommen sitzen nun an einem großen, runden Tisch in Altenkamps Büro: der Schulleiter, der Sportkoordinator, der Klassenlehrer von Mesut Özil, der Klassenlehrer von Manuel Neuer, der gleichzeitig Fußballkoordinator der Schule ist, und zwei ehemalige Klassenkameraden. Alle kennen das System "Eliteschule des Fußballs" aus dem Effeff. Seit 1974 gibt es die Schule an ihrem jetzigen Standort, aber mehr als 20 Jahre lang existierten Schule und Verein ohne eine Bindung Seite an Seite. "Im Jahr 2000 schlug der sportliche Leiter des Schalker Nachwuchsbereichs, Helmut Schulte, bei uns auf und sagte: Mensch, wir sind Nachbarn und machen nichts daraus", erinnert sich Fußballkoordinator Arthur Preuß.

Die unmittelbare Nähe wird zum Erfolgsfaktor der Zusammenarbeit: Seitdem haben 137 Schüler das Programm der "Fußballschule Auf Schalke" durchlaufen, trainieren dreimal wöchentlich vormittags auf dem Gelände des Klubs, bekommen nachmittags Nachhilfe, Mentoren an die Seite und werden für Lehrgänge freigestellt. Die Schüler sind in so genannten Sportklassen untergebracht, wo sie mit ganz normalen Schülern zusammen unterrichtet werden - mit gewissen Privilegien.

"Diese Integration ist das Kernstück unserer Arbeit", sagt Altenkamp. Die Schule will keinen Kult, sie will weder Stars noch Fans. Den Fußballern unter den Schülern ist es mittlerweile verboten, in Schalker Vereinskleidung über das Schulgelände zu laufen. "Das war ein langer Prozess", sagt Preuß. Aber durch die jahrelange Arbeit sei man an einem Punkt, wo sich der Neidfaktor der Mitschüler in Grenzen halte - und die Starattitüden der Spieler auch. Manuel Neuer, Benedikt Höwedes, Julian Draxler, Joel Matip, Alexander Baumjohann - die Liste der Absolventen ist ebenso lang wie prominent. "39 Schüler haben den Sprung in den Profibereich geschafft", weiß Preuß.

Mesut Özil ist einer von ihnen, vielleicht der erfolgreichste. Über verschiedene Gelsenkirchener Vereine führt ihn sein Weg 2000 zu Rot-Weiß Essen, im selben Jahr kommt er auch auf die Gesamtschule Berger Feld und wird Schüler von Christian Krabbe. Der 46-jährige Pädagoge ist für sechs Jahre der Klassenlehrer von Özil, der jetzt einer der Stars von Real Madrid ist. "In einer solch langen Zeit wächst man fast wie eine Familie zusammen, die Kontakte gehen weit über die Schulzeit hinaus", sagt er. Als einen bescheidenen, introvertierten Schüler hat er den Sohn türkischer Einwanderer in Erinnerung. Schmächtig, fast zart sei er gewesen.

Für Jochen Herrmann gar "ein bisschen autistisch". Der 50-Jährige ist der Sportkoordinator der Schule, verantwortlich für den Austausch zwischen Schule und Verein. "Mesut wollte Fußball spielen, der Rest interessierte ihn nicht." In der 5. Klasse spielen die acht Klassen des Jahrgangs gegeneinander, Mesut tanzt auf dem Feld alle anderen aus. "Wenn er dann alleine vor dem Tor stand, hat er nicht eingeschoben und jubelnd abgedreht, sondern quer gespielt. Mesut fiel nicht durch viele Tore auf, sondern weil man mit ihm das Spiel gewann", erinnert sich Krabbe. Ob er stolz auf den Schützling Mesut Özil sei, werde er oft gefragt: "Wir sind stolz darauf, dass er auf dem Boden geblieben ist, das ist entscheidend." Die Schule legt Wert auf eine "ganzheitliche Persönlichkeitsbildung", die den Schülern Bescheidenheit und Bodenständigkeit vermitteln soll. Du bist hier nichts Besonderes, einfach ein Mensch mit einem Talent, das geben sie den Spielern mit auf den Weg, sagt Krabbe. Der Verein zieht mit. Özil ist für Herrmann ein "Spätberufener, ein Mitläufer", erst als er 2005 zu Schalke 04 wechselt und 2006 mit den A-Junioren die Deutsche Meisterschaft feiert, "bekommt er Rückenwind". Er verlässt die Schule nach der zehnten Klasse mit der Mittleren Reife und feiert wenige Wochen später im Alter von 17 Jahren sein Bundesligadebüt für Schalke. Über Werder Bremen geht es nach der WM 2010 nach Madrid.

Manuel Neuer wechselt 2000 von einer Realschule in Gelsenkirchen-Buer an das Teilinternat Berger Feld und wird zu einem der "Testballons", wie es Preuß nennt: "Manuels Schulkarriere wäre normalerweise mit der mittleren Reife beendet gewesen, aber wir wollten ihm möglichst lange die Strukturen unserer Kooperation und einen verwertbaren Schulabschluss bieten." In den integrierten Sportklassen fällt Neuer nicht auf. "Er war ein völlig normaler Schüler", erinnert sich sein Klassenlehrer. "Manuel hatte den Schalk im Nacken, und er wusste zu feiern." Als die Schulmannschaft 2001 im Bundesfinale von "Jugend trainiert für Olympia" gegen die Berliner Poelchau-Oberschule der Boateng-Brüder antritt, hält Neuer im Elfmeterschießen drei Schüsse und führt die Mannschaft bei der Abschlussfeier in der Waldbühne als Stimmungskanone an. 2006 verlässt er die Schule mit der Fachhochschulreife. Und heute? Manuel Neuer hat die nach ihm benannte "Kids Foundation" gegründet, eine Stiftung, die sich um sozial benachteiligte Kinder im Ruhrgebiet kümmert. Er finanziert jeder 5. Klasse der Schule an jedem Tag in der ersten großen Pause einen Obstkorb. "Man kann sagen: Manuel verdient ja jetzt auch genug. Aber er muss es nicht machen und tut es trotzdem", sagt Christian Krabbe. Mit der Stiftung liege es Neuer am Herzen, etwas von dem zurückzugeben, was die Schule ihm geboten habe. Der fantastische Blick auf die mächtige Arena im Rücken gehörte als Motivationshilfe sicherlich dazu.

Lesen Sie im nächsten Teil: Philipp Lahm und seine bayrische Schule