Italien

Monti fordert zwei bis drei Jahre Fußball-Pause

Wettskandal stürzt Italien kurz vor der EM ins Chaos

- Italiens Ministerpräsident Mario Monti stellt wegen des bis ins Nationalteam vorgedrungenen Wettskandals den gesamten Profi-Fußball im Land in Frage. "Würde es den Italienern nicht gut tun, wenn wir dieses Spiel für zwei bis drei Jahre komplett stoppen würden?", fragte der Regierungschef in Rom und sorgte damit kurz vor der Europameisterschaft für noch mehr Wirbel im Calcio Italiano. Es sei zutiefst enttäuschend, wenn sich der Sport als unfair und manipuliert erweise, meinte Monti.

Bevor der Regierungschef mit seinen Gedankenspielen für Aufregung sorgte, hatte Italiens Nationaltrainer Cesare Prandelli noch versucht, die Lage zu beruhigen. Obwohl nach italienischen Medienberichten auch gegen Leonardo Bonucci wegen des Verdachts von Spielmanipulationen ermittelt wird, berief der Coach der geschockten Squadra Azzurra den Verteidiger von Juventus Turin in sein EM-Aufgebot. "Bonucci hat keinerlei Bescheid von der Staatsanwaltschaft erhalten. Deshalb kommt er mit uns zur EM", erklärte Prandelli im italienischen Fernsehen. Ob Bonucci nach Hause geschickt wird, wenn der Ermittlungsbescheid der federführenden Staatsanwaltschaften aus Cremona oder Bari doch noch eintrifft, ließ Prandelli offen.

Noch schlimmer als 2006

Domenico Criscito hatte er nach Bekanntwerden der Ermittlungen aus dem Team für das Turnier in Polen und der Ukraine gestrichen. "Eine menschlich schwierige Entscheidung", räumte Prandelli ein. Polizisten durchsuchten das Zimmer des Verteidigers im Trainingslager der Azzurri sowie dessen Haus in Genua. Italienische Medien berichteten, dass die Vorwürfe gegen Bonucci nicht so schwerwiegend sein sollen wie gegen den Abwehrspieler von Zenit St. Petersburg. Bonucci fühlt sich für die EM stark genug. "Alles okay", versicherte der 25-Jährige. Prandelli betonte, dass Bonuccis Situation nicht mit der Criscitos zu vergleichen sei.

Azzurri-Regisseur Daniele De Rossi fürchtet dennoch schon jetzt die Ausmaße des Wettskandals. "Das ist schlimmer als 2006", sagte der Mittelfeldspieler. Vor der WM 2006 waren nur Funktionäre in den Liga-Manipulationsskandal verstrickt. "Diesmal sind es Freunde und Teamkollegen der Nationalelf", klagte De Rossi. Criscito will schnellstmöglich mit der Staatsanwaltschaft sprechen, Bonucci bei der EM auf andere Gedanken kommen. Der nicht nominierte Lazio-Rom-Star Stefano Mauri sitzt seit Pfingstmontag hinter Gittern.

"Das ist traurig und bitter. Jetzt muss gut und schnell aufgeklärt werden", forderte Italiens Fußballverbandspräsident Giancarlo Abete. "Schnell" heißt für ihn nach der EM. "Die Staatsanwaltschaft hat danach alle Zeit", sagte Abete. Der Verbandsboss fürchtet, dass die immer größer werdende Unruhe dem Team in den Gruppenspielen gegen Spanien, Kroatien und Irland zum Verhängnis werden könnte. "So einen Sturm gab es noch nie. Was für ein Chaos bei der Nationalelf", titelte der "Corriere dello Sport".