Mitgliederversammlung

Herthas Tag der Entscheidung

Der Berliner Fußballklub steht vor einer der wichtigsten Mitgliederversammlungen der jüngeren Geschichte: Den durchaus gewünschten Präsidenten Gegenbauer gibt es nur im Paket mit dem stark kritisierten Manager Preetz. Geht das gut?

- Hertha BSC erwartet eine Rekordbeteiligung. Die Kapazität im Saal 1 beträgt 4500 Plätze. Im Fall des Falles kann zusätzlich der benachbarte Saal 2 geöffnet werden. Dann würden 6300 Besucher Platz finden bei der mit Spannung erwarteten Mitgliederversammlung im ICC am Dienstag ab 19 Uhr.

Nach dem (mutmaßlichen) Abstieg in die Zweite Liga ringt der Hauptstadt-Klub unter dem Funkturm um seine Ausrichtung für die Zukunft. Anders als in den Vorjahren, wo es zwar immer mal wieder rumpelte im Vereinsgefüge, letztlich aber niemand für eine anderes Ziel zur Verfügung stand, steht diesmal eine Richtungswahl an.

Es wird ein neues Präsidium gekürt, das bis 2016 amtieren soll. Die Vereinssatzung sieht je nach Wahlverhalten fünf bis neun Plätze vor, dafür gibt es 14 Kandidaten. Die zwei verschiedenen Richtungen entzünden sich jedoch an jemandem, der nicht zur Wahl steht: an Michael Preetz (44), Geschäftsführer Sport und Kommunikation/Medien. Nach dem zweiten Abstieg innerhalb von drei Jahren prasselt die Kritik auf ihn ein. An der Frage, ob er im Amt bleiben oder gehen soll, entscheidet sich die Zukunft von Hertha BSC.

Werner Gegenbauer reist von Mallorca aus nach Berlin an, dort hatte er am Pfingstmontag seinen 62. Geburtstag mit der Familie gefeiert. Der bisherige Präsident ist der einzige Kandidat für den Chefposten. Es steht zu erwarten, dass der starke Mann im Verein gleich im ersten Wahlgang ein deutliches Ergebnis erhält für eine weitere Amtszeit.

Doch Gegenbauer tritt heute Abend mit einer Forderung an, die Hertha BSC zwingt, intensiv über die Wahlen und die möglichen Folgen nachzudenken. Der Präsident verknüpft sein Amt mit dem von Michael Preetz. Gegenbauer will den früheren Torjäger trotz der sportlichen Misserfolge auf dem Manager-Posten belassen, obwohl er weiß, dass es schwer wird, dafür eine Mehrheit unter den Mitgliedern zu gewinnen. Seine Haltung begründet Gegenbauer gegenüber der Morgenpost so: "Weil ich glaube, dass alle Entscheidungen im Sinn von Hertha BSC gefällt worden sind. Dass nicht alle Entscheidungen aufgegangen sind, ist bei einem Abstieg unstrittig. Darüber werden wir auch Rechenschaft ablegen. Aber ich glaube, dass Michael Preetz der richtige Mann für die Neuausrichtung ist, die ansteht."

Diese Meinung hat Folgen. Sollte Gegenbauer in dem neu gewählten Präsidium damit in der Minderheit sein, und sollte das neue Gremium gleich zu Beginn der Amtszeit Manager Preetz entlassen, wird Gegenbauer wohl sofort zurücktreten. Personen, die Gegenbauer wohl gesonnen sind, verteidigen dessen Verknüpfung von Präsident und Manager als eine klare Haltung. Die umso respektabler sei, weil Gegenbauer sie vor der Wahl äußere. "Wenn Sie 'Preetz weg' wollen, müssen Sie ihr Kreuz bei einem anderen Namen machen", sagte Gegenbauer einem Mitglied bei der Veranstaltung "Hertha im Dialog" am vergangenen Donnerstag.

Kritiker monieren, Gegenbauer zeige schlicht einen deutlichen Mangel an Demokratieverständnis. Sollte sich im neu zusammengesetzten Präsidium eine Mehrheit für die Beurlaubung von Preetz finden, müsse der Präsident ein solches Votum mittragen und nicht gleich wieder das Handtuch werfen.

Schon bei der zweiten Wahl des Abends wird diese Zuspitzung deutlich werden. Da tritt in einer Kampfkandidatur um den Posten des Vizepräsidenten der Anwalt Thorsten Manske (46) gegen Amtsinhaber Jörg Thomas (63) an. Gegenbauer unterstützt Manske, der wiederum den Manager im Amt belassen will. Thomas, der seit 1994 Vizepräsident ist, fordert dagegen von Preetz, dass der Manager nach dem zweiten Abstieg "die Konsequenzen ziehen" möge.

In der Tat haben die bisherige Vereinsführung und der Manager einigen Anlass zur Kritik gegeben. Ingmar Pering, der erneut ins Präsidium gewählt werden möchte, argumentiert: "Dass Werner Gegenbauer der Meinung ist, dass es niemand besser machen würde als Michael Preetz, ist absurder Quatsch. Was wir benötigen, ist ein sportlicher Leiter, der ein modernes Fußballkonzept bevorzugt und dabei ein entsprechendes Jugendkonzept einbindet." Ungeachtet einiger Bundesliga-Einsatzzeiten für junge Spieler wie Alfredo Morales, Sebastian Neumann, Fanol Perdedaj oder zuletzt Fabian Holland tut sich Hertha schwer, seinen erfolgreichen Nachwuchs nachhaltig in der Profimannschaft zu verankern.

Ebenfalls richtig ist, dass Hertha in den vergangenen anderthalb Jahren selten mit modernem, attraktiven Fußball geglänzt hat. Von der chronischen Heimschwäche, die die Mannschaft regelämäßig im Olympiastadion befällt, ganz zu schweigen. Diesen Umständen jedoch glaubt Michael Preetz bereits Rechnung getragen zu haben - mit der Verpflichtung von Trainer Jos Luhukay (48.). Der neue Übungsleiter, der mit Aufsteiger FC Augsburg die Bundesliga gehalten hat, wird im ICC auch anwesend sein und sich mutmaßlich für eine Zusammenarbeit mit Preetz aussprechen.

Heute Abend werden in der dritten Runde nach Präsident und Vizepräsident die einfachen Präsidiumsmitglieder gewählt. Wohl alle werden sich in ihrer dreiminütigen Vorstellungsrede in der Personalie Preetz positionieren. So wird die Vorstandswahl eine verkappte Managerwahl. In der 'Pro Preetz'-Fraktion werden Manske, Renate Döhmer und Michael Otto verortet. Zur 'Contra-Preetz'-Fraktion werden gerechnet: Hans-Jürgen Ahlhoff, Lutz Kirchhof, Pering, Norbert Sauer, Axel Schmidt, Michael Sziedat und Thomas. Als 'neutral' gelten Dirk Schultze-Petzold, Carsten Wolter und Marco Wurzbacher. Präsident Gegenbauer wird ein Konzept vortragen, in dem von einem drastischen Sparkurs die Rede sein wird. Das wird maßgeblich die Profimannschaft betreffen, aber auch die Geschäftsstelle. Im Nachwuchsbereich hingegen soll sogar mehr investiert werden. Die Frage ist, ob eine Mehrheit der Mitglieder gewillt ist, dieser Argumentation samt personeller Konsequenz mit Preetz zu folgen.

Die andere Seite hat ihre Haltung bisher in der Hauptsache auf das Argument gestützt, dass der Manager weg muss. Wer stattdessen kommen soll und wohin die Reise gehen soll, das will die Gruppe um Pering und Thomas erst mit dem neu gewählten Präsidium diskutieren. Angeblich bestehen Kontakte zum Ex-HSV-Manager Dietmar Beierdorfer. Pering sagt dazu zur Morgenpost: "Ich möchte niemanden verbrennen, der möglicherweise Interesse hat, deshalb nenne ich jetzt keine Namen. Bei dem jetzigen Konzept aber weiß ich, dass wir damit zweimal in der Zweiten Liga gelandet sind."

Welche Ursachen ein Rücktritt Gegenbauers hätte, vermag niemand vorher zu sagen. Ex-Spieler Michael Sziedat sagte lapidar: "Na und, dann wäre der auch weg." Die finanzielle Vernunft legt aber nahe, auch darüber nachzudenken. Dem Vernehmen nach hat Gegenbauer in den vergangenen zehn Jahren insgesamt 20 Millionen Euro in Hertha investiert (in Form von Genussscheinen, Anleihen und Spieler-Beteiligungen). Dazu Pering: "Gegenüber dem Präsidium hat er davon nie etwas gesagt."

Fakt ist: Gegenbauer hat sich um gute Sponsoren gekümmert. Die Bahn bleibt trotz des Abstiegs Hertha treu, und auch die Schweizer Investorengruppe, die 15 Millionen Euro bei Hertha anlegen will, kommt über Gegenbauers Kontakte. Deshalb will auch Pering heute Gegenbauer wählen, wie nach einer Umfrage im Hertha-Blog "Immer Hertha" die meisten Mitglieder. Eine klare Mehrheit aber gibt es auch gegen Michael Preetz.

So wird die Personalie des Managers wohl über Herthas Schicksal entscheiden.