Wettskandal

Kurz vor der EM: Razzia bei Italiens Nationalelf

Mauri wegen Verstrickung in Wettskandal verhaftet

- Noch vor dem Frühstück erschienen die Carabinieri. In blauen Uniformen kamen fünf Beamte ins Trainingslager der italienischen Nationalmannschaft im Florentiner Stadtteil Coverciano. Ihr Ziel am frühen Montagmorgen, 6.25 Uhr: Auswahlspieler Domenico Criscito. Der Linksverteidiger von Zenit St. Petersburg soll in einen großen Wett- und Manipulationsskandal verstrickt sein. Die Polizisten übergaben dem 25-Jährigen den Ermittlungsbescheid und durchsuchten Räume im Verbandstrainingszentrum. Am Mittag gab Verbandsvizepräsident Demetrio Albertini bekannt, dass Criscito nicht für die EM nominiert werde.

Die Razzia erschüttert Italien. Insgesamt stehen 19 Spieler, Ex-Profis und Trainer im Fokus der Ermittler. Landesweit gingen Beamte gegen die des Sportbetrugs Verdächtigen vor. 14 Personen wurden vorübergehend verhaftet, drei unter Hausarrest gestellt und zwei wurden aufgefordert, sich bei den Behörden zu melden. Stefano Mauri, Spielführer von Lazio Rom und Teamkollege des deutschen EM-Stürmers Miroslav Klose, wurde ebenso verhaftet wie Kachaber Kaladse (ehemals AC Mailand, jetzt CFC Genua) und Omar Milanetto, Mittelfeldspieler des Zweitligaklubs Padova Calcio. Auch Antonio Conte, Juventus Turins Meistertrainer, soll in die Affäre verstrickt sein.

Es ist der größte Skandal im italienischen Fußball seit den ruchbar gewordenen Spielabsprachen im Frühjahr 2006. Damals war Juventus Turin der Titel aberkannt worden, der Klub in die Zweite Liga strafversetzt, und insgesamt knapp zwei Dutzend Personen waren verurteilt worden. Geläutert hat die sechs Jahre zurückliegende Affäre den italienischen Fußball allerdings nicht. Im Gegenteil: Während 2006 ausnahmslos Funktionäre angeklagt wurden, richten sich die Ermittlungen nun auch gegen Spieler.

600.000 Euro Bestechungsgeld

Criscito etwa soll während seiner Zeit beim CFC Genua von Spielabsprachen zugunsten einiger Wettpaten gewusst haben. Der Staatsanwalt von Cremona hat offenbar Beweise dafür, dass in der vergangenen Saison das Spiel gegen Lazio Rom (2:4) manipuliert wurde. Dabei sollen Spieler beider Mannschaften, darunter auch Lazio-Kapitän Mauri, mit 600.000 Euro bestochen worden sein. Der Gewinn der Wettmafia soll um ein Vielfaches höher ausgefallen sein. Auch gegen den früheren Nationalspieler Conte wird ermittelt. Der 42-Jährige ist als Trainer von Juventus Turin gerade Meister geworden. Doch eine frühere Tätigkeit steht nun auf dem Prüfstand: Als Trainer des AC Siena soll Conte in der Saison 2010/2011 von Spielabsprachen gewusst und sie begünstigt haben. Dabei soll es um bis zu acht Partien gehen. Contes Wohnung wurde von der Polizei durchsucht.

Neben Conte steht ein weiteres Idol des italienischen Fußballs am Pranger. Der ehemalige Nationalspieler Giuseppe Signori (43) war schon im Juni 2011 wegen illegalen Wettens vorläufig festgenommen worden. Nun wird gegen ihn wegen Geldwäsche ermittelt. Ein Freund Signoris und sein Steuerberater wurden unter Hausarrest gestellt. Im Zuge internationaler Ermittlungen wurden in Ungarn auch fünf Mitglieder einer Organisation um den Singapurer Tan Seet Eng verhaftet, der laut den Behörden einen asiatischen Wettring geleitet haben soll. Wo der Skandal in Italien endet, ist längst noch nicht klar. Für die Beteiligten aber hat er dramatische Folgen: Criscito war fest als Verteidiger für die EM eingeplant gewesen. "Ich habe damit nichts zu tun", sagte er Pfingstmontag nach seiner Ausbootung.