Serie: Eine Klasse für sich, Teil 6

Mit 16 noch in der zweiten Mannschaft

Morgenpost-Serie, Teil 6: Per Mertesacker war fußballerisch ein echter Spätentwickler

Wer Memory mit Bildern der deutschen Nationalspieler und ihren Müttern spielt, würde die Mertesackers als eines der ersten Pärchen aufdecken - zu offensichtlich ist die Verwandtschaft. Bärbel Mertesacker ist groß gewachsen, schlank, hat kurze Haare. "Ich bin der Kartoffelsalat aus dem Integrationswerbespot des Deutschen Fußball-Bundes", sagt sie zur Begrüßung in ihrem Büro in der Erich-Kästner-Schule in Pattensen. Sie ist hier, wo Per Mertesacker bis zur 10. Klasse zur Schule ging, Sekretärin.

Der Kartoffelsalat, den sie in der Werbung auf den Tisch stellt, passt gut zu Mama Mertesacker, zu ihrem Sohn und der ganzen Familie. "So was von normal" sei der Per, sagt sie. Normal, bodenständig, das sind die Begriffe, die Bärbel Mertesacker immer wieder benutzt, wenn sie über ihren Sohn, dessen Schulzeit und die Anfänge seiner Profikarriere berichtet. Ein bisschen Gymnasium, ein bisschen Fußball, mehr sei da nicht gewesen, sagte Per Mertesacker selbst während des Konföderationenpokals 2005, als er sein erstes großes Turnier bestritt, über diese Zeit. "Der ist durchs Leben geflutscht", sagt Mama Bärbel: "Per wurde ins Wasser geschmissen, und er konnte schwimmen. Er wurde aufs Fahrrad gesetzt und konnte Radfahren." Er spielte Fußball und wurde Nationalspieler.

Wer Bärbel Mertesacker zuhört, wie sie den Werdegang ihres zweiten Sohnes (von drei) beschreibt, bekommt den Eindruck, als kam bei Per Mertesacker alles einfach so, wie es die Natur für ihn vorgesehen hatte. Mertesacker absolvierte nicht den typischen Werdegang eines Jungprofis: Er war auf keinem Fußballinternat. "Wir wollten nicht, dass er mit 14 Jahren woanders hingeht", sagt Bärbel Mertesacker, "er hatte hier ja alles." Per ging nach der Zehnten ein paar Kilometer weiter auf die Kooperative Gesamtschule in Hemmingen. So wie alle, die aus Pattensen kommen und das Abitur machen wollen. "Das Abi war uns wichtig", sagt Mama Mertesacker, "wir haben ihm gleich gesagt, dass er gar nicht zu überlegen braucht, das abzubrechen."

Dafür gab es aber auch lange Zeit keinen Grund. Nicht viel deutete auf die große Profikarriere hin, die Mertesacker im vergangenen Jahr zum FC Arsenal nach London führte: In C- und B-Jugend spielte er gar nur in der zweiten Mannschaft von Hannover 96. "Der war von 96 schon abgeschrieben worden", sagt Waldemar Krause, Hausmeister an der Ernst-Reuter-Schule. Im zweiten Team trainierte er den jungen Per. Krause fuhr ihn häufig zum Training in die 15 Kilometer entfernte Landeshauptstadt. Seine Tochter ging mit Per in eine Klasse. Die Welt in Pattensen ist klein.

"Nichts war auf eine Profikarriere ausgerichtet", sagt Bärbel Mertesacker über die Zeit, als ihr Sohn 16 Jahre alt war, in der zweiten B-Jugend spielte und in die Oberstufe nach Hemmingen wechselte. Dennoch hängt heute in Heinz Pohls Büro ein Trikot seines ehemaligen Schülers an der Wand. Seit 1997 leitet Pohl den Sportbereich an der KGS Hemmingen, damals kooperierte die Schule mit dem nahegelegenen Olympiastützpunkt. Pohl unterrichtete Mertesacker in Mathematik. Einer der Leistungskurse von Per, der, wenn er gekonnt hätte, wohl nur Sport gewählt hätte, glaubt Pohl. Er zeigt ein Foto aus dem Abi-Buch. Sein Mathe-LK. Herr Pohl sitzt am Schreibtisch. Neun Schüler gruppieren sich um ihn herum, an der Tafel prangen Formeln und ein aufgemalter Wuschelkopf, der seine Mitschüler deutlich überragt. Daneben ein Pfeil und "Per". Er war nicht da, als das Bild aufgenommen wurde. Wie so häufig.

Denn in der A-Jugend hatte er plötzlich den Sprung zu den Profis geschafft. "Für Per war das nicht so einfach", sagt Pohl, der sein graues Haar zum Pferdeschwanz gebunden hat. Vormittags war das Training der Profis in Hannover, vormittags war auch Pohls Mathe-Leistungskurs.

"Da hat sich Per vorsichtig freistellen lassen", sagt Pohl. Zu Pers Schulzeit (von 2001 bis 2004) begann erst die Zusammenarbeit mit Hannover 96. "Per war ein Türöffner", sagt der Mathematik- und Sportlehrer, auch wenn bereits Borussia Dortmunds Kapitän Sebastian Kehl hier seine Schulzeit absolviert hatte. Heute kommen die 96-Jugendtrainer Daniel Stendel und Hartmut Herold an die Schule, trainieren die Kinder und Jugendlichen dreimal in der Woche. Die 1700 Schüler sind heute an einer Eliteschule des Fußballs. Schon in der fünften Klasse wird gesichtet. Versäumt einer der geförderten Sportler Unterricht, gibt es Extrastunden beim Fachlehrer, Nachhilfebetreuung und eine spezielle Lernsoftware für daheim. Mertesacker machte das alles noch selbst. Er suchte sich die Unterrichtsmaterialien zusammen, lernte nebenbei und flutschte durch die Schule. Noten? Ganz gut, über dem Durchschnitt.

Und dann, am 29. September 2005, Per Mertesackers 20. Geburtstag, rief Jürgen Klinsmann an und holte ihn in die Nationalelf. Das Handy hatte er sich besorgen müssen, sein Verein wollte das so. Damals hatte der Schlacks gerade seine erste volle Saison als Profi hinter sich - und plötzlich war er Nationalspieler. Wie Bärbel Mertesacker davon erfuhr, weiß sie nicht mehr. Ein großes Bohei hat es jedenfalls nicht gegeben. "Per hat nicht viel erzählt."

Erst ein Jahr zuvor hatte Mertesacker seine Abiturprüfung abgelegt. Auf einem Sportplatz hinter der Schule. Pohl zeigt ihn. Ein kleiner Schotterweg führt zu einem roten Grandplatz. "Das wird aber bald ein Kunstrasenplatz", beschwichtigt Pohl. Kehl und Mertesacker zahlen einen Teil des neuen Untergrunds. Sie wollen wohl auch, dass sich keiner ihrer Nachfolger mehr bei Regen in der Schlacke wälzen muss. Pohl läuft auf den Rasen zu. Er deutet auf den A-Platz, auf dem Mertesacker sein fußballerisches Können benoten ließ. Der Platz gehört dem SC Hemmingen-Westerfeld, am Kopfende liegt das Vereinsheim. Auf der Auswechselbank wirbt die "Bauunternehmung Kellner". Es ist so normal und bodenständig hier. Mehr Kartoffelsalat geht nicht.

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