Sommerpause

Hertha schickt seine Spieler in den Urlaub

Planung der Zweitliga-Saison 2012/13 statt Hoffnung auf ein neues Relegationsspiel. Lell fehlt dreimal unentschuldigt

- Die SMS kam in der Nacht zu Sonnabend. Absender war Cotrainer Rene Tretschok, Adressaten waren alle Spieler von Hertha BSC. Inhalt: Der Verein schickt seine Spieler ab sofort in den Urlaub. Das ist ein starkes Indiz, dass der Hauptstadt-Klub sich von der Hoffnung auf die Neuansetzung des Relegations-Rückspiels gegen Fortuna Düsseldorf verabschiedet und den Abstieg in die Zweite Liga akzeptiert.

Offiziell bestätigen mochte das niemand im Klub. Schließlich hatte Präsident Werner Gegenbauer angekündigt, das brisante Thema mit den Mitgliedern auf der Mitgliederversammlung am Dienstag nach Pfingsten besprechen zu wollen. Zuvor war Hertha am Freitag auch in zweiter Instanz vor dem DFB-Bundesgericht mit dem Antrag gescheitert ist, die Wertung der Partie bei Fortuna Düsseldorf (2:2) vom 15. Mai aufheben zu lassen. "Eine psychische Schwächung konnte nicht erwiesen werden. Eine physische Schwächung lag nicht vor. Es gab kein einheitliches Bild allgemeiner Angst", sagte Goetz Eilers, der DFB-Richter, in seiner Urteilsbegründung. Hertha hat nun 14 Tage Zeit, um über einen Gang vor die dritte Instanz, das Ständige Schiedsgericht, nachzudenken. Das offizielle Statement von Präsident Gegenbauer lautet: "Wir warten die schriftliche Begründung ab und werden sie in Ruhe auswerten."

Der Ausgang dieser Überlegung ist nun klar vorgezeichnet. Nach dem Düsseldorf-Spiel, das unter chaotischen Umständen zu Ende gegangen war, hatte Hertha seine Profis angewiesen, sich für eine mögliche Neuansetzung bereit zu halten. Doch der nun erfolgte Urlaubsbeginn für das Team legt nahe, dass Hertha nach zwei juristischen Niederlagen den Abstieg aus der Bundesliga akzeptiert. Oder erscheint es realistisch, dass die Spieler in zwei oder drei Wochen - wann immer eine dritte Instanz eine Neuauflage ansetzen würde - mal eben aus den Ferien kommend, vernünftig spielen könnten?

Für einen Hertha-Spieler wird die vergangene Woche allerdings ein Nachspiel haben. Die Belastung war übersichtlich. Gerade dreimal hatte Trainer Otto Rehhagel zum Training gebeten. Alle nahmen teil, nur Christian Lell fehlte - bei allen drei Einheiten. Dem Vernehmen nach ohne Entschuldigung. Lell war schon am Tag vor dem entscheidenden Relegations-Rückspiel aufgefallen, als er mit mehreren Mitspielern sowie den Trainern Rehhagel und Tretschok aneinander geraten war. Um diese Sorte Profis will Hertha im kommenden Spieljahr einen Bogen machen: Um jene, die bei der Sortierung zwischen Ich-AG und Teamgeist immer wieder ins Schleudern geraten.

Obwohl Hertha insgesamt den Eindruck eines sehr erschöpften Vereines macht, geht es mit Hochdruck weiter. Am Dienstag steht mit der Mitgliederversammlung samt Präsidiums-Neuwahl ein weiterer Tag an, an dem grundsätzliche Weichen gestellt werden. Setzt die Mehrheit der Mitglieder auf Kontinuität mit Präsident Werner Gegenbauer, der mit Manager Michael Preetz weitermachen will? Oder gibt es eine Mehrheit für die Kritiker, die bisher nicht durch ein Zukunftskonzept aufgefallen sind, aber als erstes Preetz entlassen wollen?

Trotz dieser ungewissen Perspektiven arbeitet Manager Preetz intensiv an der Planung für das Zweitliga-Jahr 2012/13. Hertha hat durch die Relegation und die juristische Auseinandersetzung gegenüber der Konkurrenz schon drei Wochen Zeit verloren. Dennoch bleibt es die Aufgabe, einen Kader zusammenzustellen, der laut Präsident Gegenbauer "den sofortigen Wiederaufstieg" schaffen soll. Die Schlüsselpersonalie ist bereits entschieden. In Jos Luhukay (48) kommt ein Trainer, der für wenig Glamour nach außen, aber strikte Disziplin nach innen steht. Hertha hat diverse Vorgespräche geführt, nun gilt es zu Verträgen zu kommen.

Eine der Lehren dieser Abstiegssaison besteht darin, einen größeren Schwerpunkt auf Eigenschaften wie Charakter, Herz, Leidenschaft zu legen. Korsettstangen einer neuen Mannschaft sollen deshalb Torwart Thomas Kraft, Roman Hubnik, Peter Niemeyer, Maik Franz, Fabian Lustenberger und Pierre-Michel Lasogga werden. Auch Levan Kobiashvili soll bleiben (falls der DFB den Georgier nicht wegen der von Schiedsrichter Wolfgang Stark angezeigten Tätlichkeit für sehr lange Zeit sperren sollte). Kapitän Andre Mijatovic wird als Führungsperson geschätzt. Aber der Kroate wird auf einiges Geld verzichten müssen, um auch Teil des neuen Kaders zu sein. Eine besondere Kategorie ist Raffael. Der introvertierte Brasilianer ist auf seine Art ein Kämpfer für Hertha, was er zuletzt bei seinem Auftritt im Sakko vor dem DFB-Bundesgericht bewies. Doch gleichzeitig würde Herthas Bester dem Verein die höchste Ablösesumme einbringen. Deshalb stehen die Zeichen hier auf Trennung. Neben Mönchengladbach und Bremen ist der FC Schalke am Mittelfeld-Dribbler interessiert. Auch Adrian Ramos wird Berlin verlassen, ebenso Ronny und Patrick Ebert.

Christian Lell hat sich anscheinend schon länger verabschiedet, sein ehemaliger Bayern-Kollege Andreas Ottl wird folgen. Tunay Torun und Änis Ben-Hatira haben, über die Saison gesehen, die Erwartungen nicht erfüllt. Hier wird Luhukay entscheiden, wie es weitergeht. Eine wesentlich stärkere Rolle soll 2012/13 der eigene Nachwuchs spielen. Hier setzen Trainer und Manager auf Alfredo Morales, John Brooks, Sebastian Neumann, Nico Schulz, Fanol Perdedaj, Fabian Holland und Marco Djuricin. Mit Blick auf die schwierige Finanzlage kann sich Hertha nur punktuell verstärken. Gesucht wird ein offensiver Mittelfeldspieler. Der umworbene Enis Alushi vom SC Paderborn hat sich jedoch gegen Berlin und für Kaiserslautern entschieden - und damit für die Nähe zu seiner Freundin Lira Bajramaj (1. FFC Frankfurt). Zudem sucht Hertha einen Stürmer und einen schnellen Offensivspieler für beide Außenbahnen.