Formel 1

Schumacher stellt alle in den Schatten

Rekord-Weltmeister fährt in Monte Carlo Bestzeit, darf aber nur von Rang sechs aus starten. Vettel im Qualifying nur Neunter

- Triumphal und in bester Sebastian-Vettel-Manier reckte Michael Schumacher nach seiner Bestzeit im Qualifying den Zeigefinger in den Himmel über Monte Carlo. Zwar wird der 43-Jährige wegen seiner Kollision mit Bruno Senna vor zwei Wochen in Barcelona um fünf Plätze nach hinten strafversetzt und verliert die Pole Position an Red-Bull-Pilot Mark Webber, der vor Nico Rosberg und Lewis Hamilton starten wird. Doch mit seiner famosen Runde sendete Schumacher das bisher stärkste Signal seit seinem Comeback vor zweieinhalb Jahren. "Das ist ein sehr schönes Gefühl", sagte der Kerpener nach seiner ersten Bestzeit seit dem 16. Juli 2006 strahlend: "Mein Dank gilt Mercedes, die mich immer unterstützt und mir immer vertraut haben."

In der Box der Silberpfeile herrschte große Erleichterung. Nachdem Geschäftsführer Nick Fry in einem Interview Gerüchte um einen Rücktritt Schumachers am Saisonende angeheizt hatte, waren alle Protagonisten eifrig um Richtigstellung bemüht. Besonders galt das für Teamchef Ross Brawn, der im März angekündigt hatte, dass "nach fünf oder sechs Rennen offensichtlich wird, in welche Richtung wir mit Michael planen". Doch pünktlich zum sechsten Rennen, das am Sonntag (14 Uhr, RTL) im Zocker-Eldorado Monte Carlo steigt, ist nur eines offensichtlich: Das prominent besetzte Fahrer-Roulette kreiselt immer schneller.

Ob Schumacher seinen am Saisonende auslaufenden Vertrag um zwei Jahre verlängert, scheint völlig offen. Er denke nur an die Gegenwart und nicht die Zukunft, sagte der Rekordweltmeister, dessen mauen Saisonstart mit nur zwei Pünktchen Fry zum Anlass genommen hatte, ihm eine gewisse Sehnsucht nach dem Karriereende zu unterstellen: "Wenn es bis Ende des Jahres so weiter geht wie in den vergangenen Rennen, wird er sich möglicherweise diese Frage stellen." Brawn beeilte sich zu sagen: "Insgesamt war unsere Arbeit als Team nicht gut genug. Wir haben Michael in drei von fünf Rennen im Stich gelassen." Und Schumachers Team-Kollege Rosberg bestätigte pflichtschuldig die Harmonie, die zwischen beiden Piloten herrsche: "Es wäre mir sehr recht, wenn er weiter macht." Sie alle wissen um die Brisanz der Frage, ob Schumacher aufhört oder weitermacht. Und sie alle wissen um den Domino-Effekt, den Schumachers Entscheidung im Fahrerfeld auslöst.

Der Rekordweltmeister ist nicht der einzige Star-Fahrer, dessen Kontrakt nach dem Großen Preis von Brasilien Ende November ausläuft: Felipe Massas Papier bei Ferrari, Webbers Vertrag mit Red Bull und die Vereinbarung zwischen Lewis Hamilton und McLaren enden alle mit dem Schluss-Grand-Prix. Und alle daraus entstehenden Szenarien hängen direkt oder indirekt mit Schumachers Zukunftsplanung zusammen.

Klar ist nur eines: Bei Mercedes wären sie hocherfreut, wenn ihr 43 Jahre altes Zugpferd seine Dienste bis 2014 zur Verfügung stellt. Noch parieren die Protagonisten alle Nachfragen. "Wir haben keine Eile", sagt etwa Mercedes-Sportchef Norbert Haug. Dabei drängt die Zeit. Im Hintergrund wird offenbar schon zweigleisig geplant. Haug sagte in Monte Carlo: "Es ist wie in einem Schachspiel. Wenn Bewegung da ist, muss man nachziehen." Im Moment scheint die Formel 1 agil wie seit Jahren nicht.

Ein Kandidat für die Nachfolge Schumachers ist der Schotte Paul di Resta, der derzeit noch bei Force India unter Vertrag steht und mit dem vermeintlich schwächeren Auto schon 13 Punkte mehr geholt hat als Schumacher. "Paul ist auf unserem Radar", sagt Fry. Der 25-Jährige selbst gibt sich zurückhaltend: "Solche Dinge ehren mich, aber im Moment zählt nur Force India für mich." Womöglich bleibt das auch im nächsten Jahr so, denn es soll noch einen anderen aussichtsreichen Kandidaten für das Mercedes-Cockpit geben: McLaren-Star Lewis Hamilton.

Der Brite hat seinen Vertrag trotz vorliegenden Angebots noch nicht verlängert und fuhr bereits als elfjähriger Steppke in einem Mercedes-Kart - seither schätzt man sich. Im Gegensatz zu di Resta würde Mercedes mit Hamilton als Schumacher-Nachfolger jedenfalls keine Aufmerksamkeits- und Sponsoring-Delle entstehen - der Weltmeister von 2008 ist der schillerndste Pilot im gesamten Fahrerfeld.

Eine andere Option als Mercedes bleibt Hamilton kaum. Zwar werden bei Red Bull und Ferrari womöglich auch Cockpits frei - eine Unterordnung Hamiltons unter die dortigen Platzhirsche Sebastian Vettel und Fernando Alonso entspricht jedoch nicht seiner Selbstwahrnehmung.

Der Spanier hat noch einen Kontrakt bis 2016 und ist die unangefochtene Nummer eins bei der Scuderia. Doch wer wird bis dahin sein Stallgefährte? Unter der Woche hatte Konzernchef Luca di Montezemolo angekündigt, die Schonzeit von Ferraris Nummer zwei, Felipe Massa, sei nach fünf schlechten Rennen endgültig vorbei: "Er muss jetzt die Ergebnisse einfahren, die wir von ihm erwarten." Das klingt überhaupt nicht so, als wäre eine Zusammenarbeit in der Zukunft sehr wahrscheinlich.

Und noch einem Fahrer merkt man an, dass er um seine berufliche Zukunft fährt. Webber gewann zwar vier von sechs Qualifying-Duellen gegen die Red-Bull-Galionsfigur Vettel. Der Doppel-Weltmeister, der in Monte Carlo als Neunter ins Rennen geht, sammelte jedoch 13 WM-Zähler mehr als der 35-jährige Australier, der mit seiner Routine als ideale Ergänzung für Ferrari-Heißsporn Alonso gehandelt wird. Gleichzeitig drängt der junge Toro-Rosso-Pilot Daniel Ricciardo ins Red-Bull-Cockpit; den gleichen Weg hatte schon Vettel vor vier Jahren genommen.

Die vielen Niederlagen gegen Vettel setzten Webber im vergangenen Jahr so zu, dass er sogar Rücktrittsgedanken hatte spielte. Vollends entspannt spaziert derzeit niemand durch das Fahrerlager.