DFB-Bundesgericht

Rehhagels bittersüßer Abgang

Scheidender Hertha-Coach bietet dem Publikum einen großen Schlussakt

- Otto Rehhagel liebt die alten Meister. Goethe zitiert er gern. Mit Vorliebe aus dem "Zauberlehrling". Der Schüler probiert in Abwesenheit des Meisters einen Zauberspruch aus. Es gelingt. Der Junge ist stolz und doch bald verzweifelt, da die Lage außer Kontrolle gerät. "Die ich rief, die Geister, werd' ich nun nicht los." Erst der Zauberer kann nach seiner Heimkehr das Chaos mit einem Hexspruch lösen. Auch Rehhagel gilt als Mann mit magischen Fähigkeiten. Zumindest im Betreuen von Fußballmannschaften. Erworben in vier Jahrzehnten auf den Trainingsplätzen und in den Stadien dieser Welt. Doch ausgerechnet auf seiner letzten Mission konnte der 73-Jährige das Chaos nicht mehr lösen. Einer der erfolgreichsten Trainer, den Deutschland je hatte, tritt mit einer Niederlage ab; dem Abstieg von Hertha BSC in die Zweite Liga. Die Zaubersprüche blieben wirkungslos, des Meisters Magie ist erloschen.

Nicht aber sein Feuer. Denkwürdig war der letzte große Auftritt allemal. Rehhagel hatte seinem Publikum noch einmal eine große Otto-Show geboten. Nur war die Arena diesmal nicht mit Rasen ausgelegt, sondern mit Parkett. Der Trainer war Herthas letzter Joker. Zum zweiten Mal. Der Zeuge Rehhagel sollte am Freitag das Bundesgericht des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) dafür gewinnen, dass das Relegationsspiel zwischen Fortuna Düsseldorf und den Berlinern (2:2) unter irregulären Bedingungen zu Ende gegangen und daher zu wiederholen sei. Es gelang nicht. Wie zuvor das Sportgericht, wertete auch die zweite Instanz die nach einem Platzsturm für 21 Minuten unterbrochene Partie als gültig. Die nach der Zwangspause ausgetragene Spielzeit von gut einer Minute sei regelkonform verlaufen.

Auch Rehhagel fehlte vor Gericht in Frankfurt nur eine Minute, um eine komplette Halbzeit voll zu machen. 44 Minuten hatte er Richter Goetz Eilers seine Sicht der Dinge geschildert. Und dabei das Repertoire der Charaktereigenschaften, Vorlieben und Ansichten aufgeboten, die seine Karriere mit drei Meisterschaften, drei Pokalsiegen, einem Europapokal-Sieg und dem EM-Titel von 2004 geprägt haben: Sein Stolz auf das Erreichte, auf den Werdegang vom Bergarbeitersohn zu einem berühmten Einwohner Deutschlands. Sein Glaube an die Weisheit der Älteren und die Richtigkeit seiner Meinung.

Als der Richter Rehhagel aufforderte, sich vorzustellen, sagte dieser: "Ich brauche da doch nichts sagen. Wir leben in einer Medienwelt. Wenn ich jetzt den Arm hebe, macht es klick, klick, klick. Dann wissen die Leute in Australien, dass ich den Arm gehoben habe." Ja, man kennt ihn und möge ihm nun bitte zuhören. In der Folge entwickelte sich kein wirkliches Gespräch, sondern eher ein Vortrag. Echte Furcht habe er in Düsseldorf nicht gehabt, sagte er, eher "Halb-Angst". Was Angst bedeute, wisse er als Kriegskind nur allzu gut: "Ich habe 1943 in Essen in einem Keller gesessen, als uns die Amerikaner bombardiert haben." Über Düsseldorf sagte er, dass er sich über das Verhalten seiner Bürger sehr gewundert habe. Die Stadt werde schließlich Klein-Paris genannt. Da würden die Einwohner doch eher "lustwandeln" denn Fußballplätze stürmen. Spätestens jetzt hatte Rehhagel das Publikum auf seiner Seite.

Dass er in Frankfurt zehn Tage nach Saisonende überhaupt vor Gericht erschienen ist, ist Rehhagel hoch anzurechnen. Aus der Rente hatte die Hertha ihn im Februar geholt. Elf Jahre nach seinem bislang letzten Bundesligajob, fast drei Jahre nach seiner Pensionierung als griechischer Nationalheld. In den Ruhestand hätte er zurückkehren können nach der Partie in Düsseldorf. Nachdem sich seine 14-Spiele-Rückkehr als sportliches Missverständnis herausgestellt hatte. Doch Rehhagel blieb.

Hatte er in den Wochen zuvor zunehmend wie das ratlose Gespenst eines Trainers gewirkt, blühte er am Ende auf. Rehhagel sagte seinen Urlaub ab, trainierte eine Woche lang ein lustloses, weil auf dem Papier abgestiegenes Team und legte sich vor Gericht ins Zeug. Als Herthaner wurde "das Kind der Bundesliga" (Rehhagel über Rehhagel) 1963 geboren. Als Herthaner erlebte es 49 Jahre später ein bitteres Ende.

Aber eines mit Verve. Wie sehr es in dem Mann mit den blauen Augen und der Zahnlücke immer noch brodelt, zeigte sich am Ende der Verhandlung von Frankfurt. Als die Gegenseite Rehhagels Ausführungen zunehmend unterbrach und hinterfragte, geriet dieser außer sich vor Zorn. "Waren Sie beim Spiel?", blaffte er den Anwalt der Düsseldorfer an und war auch nach Beendigung seiner Zeugenaussage kaum zu besänftigen. Wütend lief Rehhagel den Flur im DFB-Quartier auf und ab, telefonierte mit seiner Frau Beate, seinem Sohn Jens und fasste einen Entschluss. Er wollte nun nicht wie geplant nach Berlin zurück, sondern vor Ort bleiben. Bis die Sache durchgekämpft ist. Erst Christoph Schickhart, Herthas Anwalt hatte eine Verhandlungspause beantragt, konnte den Trainer beruhigen und ihn überreden, sich doch ins Flugzeug zu setzen.

Hertha steigt (höchstwahrscheinlich) in Liga zwei ab. Und Otto Rehhagel? Er wird wohl erst mal Urlaub machen mit seiner Beate. Ob Hertha wirklich seine letzte Station war, ließ er zuletzt offen. Es ist aber anzunehmen. Wahrscheinlich zählt Rehhagel nicht zu den Menschen, die ihre eigenen Entscheidungen groß hinterfragen. Sein Trainer-Kollege Hans Meyer hat ihn neulich als "sehr zu seinem Vorteil beratungsresistent" bezeichnet.

Ein neutraler Beobachter muss aber zu dem Schluss kommen, dass sich Rehhagel mit seinem Comeback keinen Gefallen getan hat. Ohne Hertha wäre Rehhagel als der Mann in Erinnerung geblieben, der aus jeder Zitrone süße Limonade machen kann. Der mit Bremen den Bayern Paroli bot, der mit Aufsteiger Kaiserslautern Meister wurde und der mit griechischen Rumpelfüßen die EM gewann. Es ist Rehhagel zu gönnen, dass in der Geschichtsschreibung diese Erfolge überleben und dem letzten Kapitel weniger Bedeutung beigemessen wird. Denn wie sagte schon Goethe: "Es irrt der Mensch, solang er strebt."