Handball

Füchse verpassen die Sensation

Im Halbfinale der Champions League unterliegen die Berliner gegen den THW Kiel mit 24:25

- Schlussphase im Champions-League-Halbfinale zwischen den Füchsen und dem THW Kiel. Es sind noch fünf Minuten zu spielen, soeben hat Füchse-Kapitän Torsten Laen das 23:23 erzielt, erstmals steht es in diesem Spiel unentschieden, damit ist alles wieder offen, die Spannung auf einem Höhepunkt. Doch am Spielfeldrand rudert Füchse-Trainer Dagur Sigurdsson aufgeregt mit den Armen und zeigt auf eine Stelle auf der Tribüne hinter dem THW-Tor. Dann ist die Musik aus, die Stimmung erstirbt. Ein Zuschauer ist zusammengebrochen, der Hallensprecher ruft nach einem Notarzt. Wenig später dann Entwarnung, die Nothelfer haben die Situation im Griff. Die Partie geht weiter. Noch fünf Minuten - und am Ende jubelt Kiel. Füchse-Präsident Frank Steffel sagt nach dem Abpfiff: "Ohne diese Unterbrechung hätten wir diese Partie gewonnen, denn Kiels Spielfluss war gestoppt und wir waren am Zug. Das ist sehr schade."

Großen Charakter gezeigt

Sie haben gekämpft, Moral und erneut großen Charakter gezeigt, doch am Ende sollte es für die Füchse Berlin mit der Sensation nicht klappen. Der Handball-Bundesligist unterlag beim Final Four der Champions League in der Kölner Lanxess-Arena vor 20.000 Zuschauern im Halbfinale dem deutschen Rekordmeister und Favoriten aus Kiel mit 24:25 (12:15). Während der THW heute im Endspiel gegen Atletico Madrid (die Spanier gewannen ihr Halbfinale mit 25:23 gegen AG Kopenhagen) nach der Handball-Krone Europas greift, müssen sich die Berliner mit dem Spiel um Platz drei gegen die Dänen begnügen.

Schweren Herzens und von der Enttäuschung gezeichnet erkannten die Füchse beim Gang in die Katakomben den Sieg für Kiel schließlich an. "Weil sie ja fast die ganze Zeit über geführt hatten", sagte Trainer Sigurdsson, "deshalb haben sie die Partie schon auch verdient gewonnen. Aber meine Mannschaft hat sich nach einem schwierigen Beginn ganz stark zurückgekämpft und wieder einmal großen Charakter gezeigt." Stolz auf die gezeigte Vorstellung war trotz der Enttäuschung über die Niederlage auch Berlins Torhüter Petr Stochl, der mit 18 Paraden eine überragende Leistung gebracht hatte. "Wir hatten Kiel am Rand einer Niederlage. Jetzt gucken wir nach vorne und wollen hier noch Dritter werden. Wir haben eine historische Chance vergeben."

Für die Füchse war schon das Erreichen des Final Fours eine Sensation, immerhin spielen sie das erste Mal überhaupt im Europapokal mit, haben auf dem Weg in die Endrunde den Deutschen Meister HSV Hamburg aus dem Wettbewerb geworfen und einen Elf-Tore-Rückstand gegen Ademar Leon wettgemacht. Gegen Kiel witterten die Berliner nun die nächste Sensation. "Wir sind glücklich, so weit gekommen zu sein und traurig, weil wir eine großartige Chance vertan haben", sagte Kreisläufer Evgeni Pevnov und fand sein Lachen zurück: "Wir hatten Kiel an der Grenze des Wahnsinns."

Die Kieler Fans waren deutlich in Überzahl, es sollte gefühlt also eher ein Auswärtsspiel für die Berliner werden. Und der THW begann auch im Stile einer Heimmannschaft. Mit großem Selbstvertrauen und aggressiver Körpersprache. Die Füchse waren von der großartigen Kulisse wohl doch ein bisschen beeindruckt, jedenfalls kamen sie nur sehr schwer in die Partie hinein. Während sich beim THW die Topstars wie Welthandballer Filip Jicha oder Olympiasieger Daniel "Air France" Narcisse gleich mit schönen Treffern ins Szene setzten, stotterte der Angriffsmotor der Berliner. Nach sieben Minuten lagen sie bereits 2:5 zurück, der THW mit Tempogegenstößen immer wieder zu leichten Toren. Silvio Heinevetter war machtlos. Immerhin hielt Regisseur Bartlomiej Jaszka die Füchse mit seinen Toren im Spiel. Der Pole erzielte im ersten Durchgang fünf Tore. Nationalspieler Sven-Sören Christophersen hingegen erwischte einen schwachen Tag, ihm wollte nicht viel gelingen.

Immer wieder scheiterten die Berliner Angreifer an der kompakten Kieler Abwehr mit dem herausragenden Torhüter Thierry Omeyer. 3:8 stand es in der 13. Minute, Zeit für Trainer Dagur Sigurdsson, seine Mannen noch einmal neu zu justieren. Und die Ansprache wirkte, die Füchse agierten nun besser. Wenig später dann ersetzte Petr Stochl im Tor den entnervten Silvio Heinevetter. Und nach ein paar Minuten der Orientierung war Stochl so richtig auf Betriebstemperatur, der Tscheche wehrte binnen kürzester Zeit vier schwere Würfe der Kieler ab, leitete so Gegenstöße ein. Und endlich trafen jetzt auch die Angreifer, allen voran Alexander Petersson. Der Linkshänder brachte die Berliner wieder auf 9:12 (26.) heran.

Kiels Jicha war nicht zu halten

Nach dem Seitenwechsel zunächst das gleiche Bild, Kiel bestimmte das Geschehen, aber die Füchse zeigten jetzt ihre Kämpferqualitäten. Und tatsächlich konnten sie die Partie offen halten, der Spanier Iker Romero schaffte den Anschluss zum 14:15 (36.), die Berliner spürten jetzt, dass an diesem Tag gegen den THW Kiel womöglich doch etwas ging, allerdings mussten dafür endlich auch die zahlreichen Chancen genutzt werden. Mehrmals landete der Ball an Latte oder Pfosten, zudem bekamen sie den torhungrigen Filip Jicha nicht in den Griff. Der Tscheche war am Ende mit elf Toren bester Kieler Werfer, bei den Füchsen war es Alexander Petersson mit sieben Treffern.

20:22 stand es zehn Minuten vor dem Ende, nun galt es, noch einmal die letzten Reserven zu mobilisieren, und das taten die Berliner auch. Torsten Laen warf den Ausgleich zum 23:23, dann kam die folgenschwere Unterbrechung. Die Schluss-Offensive der Füchse wurde aber nicht mehr belohnt.