Europameisterschaften

Mensing schwimmt zu Jubiläumsgold

Die Berlinerin sorgt bei der EM in Debrecen für den 250. deutschen Europameistertitel

- Erst Minuten später, als das Rennen längst beendet war, und Jenny Mensing auf dem obersten Siegertreppchen die deutsche Nationalhymne hörte, realisierte sie den größten Erfolg ihrer Karriere. "Ich musste mehrmals tief durchatmen", sagte sie kurz danach über jenen Moment, als sie zur Europameisterin über 100 Meter Rücken gekrönt wurde.

Die gebürtige Berlinerin sorgte am vierten Tag der Schwimm-Europameisterschaften für das fünfte Gold der DSV-Mannschaft in Debrecen - und für den insgesamt 250. deutschen Europameistertitel. Mit 26 Jahren schwimmt sie derzeit so schnell durchs Wasser wie nie zuvor. "Das ist das Größte, was ich je erreicht habe", sagte sie. Nachdem die Rückenspezialistin jahrelang im Schatten vieler ihrer Teamkollegen schwamm und selbst ihr deutscher Rekord kürzlich bei den nationalen Titelkämpfen untergegangen war, katapultierte sie sich jetzt ins ungewohnte Rampenlicht. Die zweite Medaille des Tages für den Deutschen Schwimmverband (DSV) steuerte der Darmstädter Marco Koch (22) mit einer starken Leistung und Platz zwei über 200 Meter Brust bei.

Während die Silbermedaille für den jungen Brustspezialisten fast schon zu erwarten war, hatte mit dem Sieg von Mensing kaum jemand gerechnet. Eine Medaille gleichwohl wäre ein realistischer Tipp gewesen, war sie doch erst Dienstagabend zu Silber über die doppelte Distanz durchs Becken gerauscht. Und eigentlich liegt auch genau dort, auf der etwas längeren Strecke, ihre Stärke. "Erwartet haben wir bei diesen Europameisterschaften aber gar nichts, nur gehofft, dass eine Medaille dabei heraus kommt", sagte die Polizeikommissarin.

In 1:00,08 Minuten sicherte sie sich am Ende mit fast einer halben Sekunde Vorsprung den Sieg sogar deutlich vor der Italienerin Arianna Barbieri. Ganz cool reckte sie danach den Finger gen Hallendecke - das Lächeln kam erst später, als der Schmerz nachließ. Kurzzeitig musste sie sich draußen an einer Bande abstützen, so wacklig waren ihre Beine. "Der Akku ist auf jeden Fall geschrumpft. Aber ich stehe noch", sagte sie lachend.

Mensing musste lange auf diesen großen Moment warten, hatte in der Saisonvorbereitung noch einmal allen Mut und alle Kraft zusammen genommen, um sich den Traum von ihren ersten Olympischen Spielen zu verwirklichen. Die Norm erfüllte sie dann schon bei den Deutschen Meisterschaften vor anderthalb Wochen in Berlin. Kurz vor ihrem nationalen Rekord dort über 200 Meter Rücken hatte jedoch Jan-Philip Glania überraschend und mit einer famosen Zeit die gleiche Strecke gewonnen. Alles fokussierte sich auf ihn, und der Trubel war noch längst nicht vorbei, als Mensing ins Wasser sprang. In Debrecen nun war es anders. Sie musste gar so viel reden, erklären und Glückwünsche entgegen nehmen, dass sie kaum noch ein Wort heraus bekam. "Meine Stimme ist fast weg", sagte sie heiser.

Vor sieben Jahren wollte Mensing eigentlich schon mit dem Schwimmsport aufhören. Nichts ging mehr. Sie verbesserte sich kaum noch, verschlechterte sich dann sogar. "Ich war mit mir sportlich unzufrieden", sagt sie. Doch Mensing änderte ihren Plan, verließ ihre Heimatstadt Berlin und suchte den sportlichen Neuanfang beim SC Wiesbaden. Als Heimat bezeichnet sie heute beide Städte. "Die Zeit genießen kann ich natürlich am besten zu Hause bei Mama", ergänzt die 26-Jährige. Dort, am Rande der Hauptstadt, hat sie Ruhe vom Training und anderen Terminen. Doch mehr als vier oder fünf Besuche im Jahr lässt ihr Kalender kaum zu.

Mit Bronze bei den Europameisterschaften vor zwei Jahren in Budapest/Ungarn erkämpfte sie sich die erste Belohnung für die Jahre des Trainings. Bei den Weltmeisterschaften 2011 in Shanghai/China lief es jedoch mit den Plätzen 20 und 21 ganz anders als erhofft. Aufgeben aber war nicht drin. "Ich habe mich zusammengerissen und hart trainiert", sagt sie. Und noch etwas: Mensing wollte athletischer werden, veränderte ihr Kraft- und Athletiktraining und krempelte ihre Ernährung um, isst seitdem nur noch Gesundes. "Am Anfang dachte ich, dass schaffe ich nicht", gibt sie zu. Doch der Plan ging auf, führte zum Deutschen Rekord, der Olympianorm sowie zu EM-Silber und Gold.

Im Gegensatz zu Mensing haderte der EM-Zweite Marco Koch trotz seiner Klasse-Leistung in Ungarn ein bisschen mit sich und seinem Rennen. "Die eine oder andere Wende war nicht optimal", sagte der Darmstädter, ergänzte aber: "Die Zeit ist saugut." In 2:09,26 Minuten musste er nur den ungarischen Weltmeister Daniel Gyurta ziehen lassen. Geht es nach Koch, werden sich die Kräfteverhältnisse schon bald ändern. Seine Kampfansage war mehr als deutlich: "Ich hoffe, er ist bei den Olympischen Spielen zu packen. Ich fahre ja nicht zum Spaß dorthin."

An die Spiele in London will Jenny Mensing noch gar nicht denken. Und auch die Siegesfeier verschob sie lieber. "Meine Belohnung?", sie lachte. "Ich werde schlafen gehen." Immerhin muss sie früh aufstehen, um Freitagvormittag schon im Vorlauf über 50 Meter Rücken zu sprinten.

Olympiahoffnung Mehr über die Asse der EM und ihren Weg nach London unter www.morgenpost.de/sport