Motorsport

Vollgas im Wohnzimmer

Für Rosberg, Hamilton und Co. ist das Monaco-Rennen ein Heimspiel

- Lewis Hamilton hätte seiner Freundin Nicole Scherzinger zuwinken können, während sie in der südfranzösischen Sonne auf ihrem Balkon lag. Doch stattdessen konzentrierte sich der Brite lieber darauf, seinen Formel-1-Rennwagen unfallfrei durch die engen Gassen von Monte Carlo zu lenken. Das gelang ihm auch, besonders schnell war er dabei allerdings nicht: Beim Freien Training am Donnerstag landete er auf Rang elf, die Bestzeit gelang seinem Team-Kollegen Jenson Button.

Der jüngere der beiden McLaren-Piloten erlebt den Großen Preis von Monte Carlo zum ersten Mal als Heimrennen. "Es ist ein fantastisches Gefühl, in deinem eigenen Bett aufzuwachen und einfach nur die Straße hinunterzufahren, um bei der Arbeit anzukommen", sagte der 27-jährige Hamilton, der kurz vor dem Saisonstart aus dem schweizerischen Wollerau an die Cote d'Azur gezogen ist: "Ich habe auch mein früheres Zuhause geliebt, doch das hier ist ein ganz anderer Ort. Ich mag ihn noch ein bisschen mehr." Mit dieser Vorliebe steht Hamilton nicht allein - ganz im Gegenteil. Nico Rosberg, Paul di Resta, Jenson Button, Kamui Kobayashi, dazu die früheren Fahrer Mika Häkkinen, David Coulthard und Alexander Wurz, die heute allesamt als TV-Experten in der Boxengasse umherschwirren - der Formel-1-Zirkus ist nirgendwo so sehr zu Hause wie in Monte Carlo.

Ganz besonders gilt das für Mercedes-Fahrer Nico Rosberg. Im Gegensatz zu Hamilton und dessen Landsmann Button, der vor kurzem hauptsächlich wegen des guten Wetters in das Fürstentum gezogen ist, wird Rosberg am Sonntag an den Schauplätzen seiner Jugend vorbeiflitzen: seiner Schule, seinem Lieblingsstrand, das Kino, in dem er erstmals einen Film auf Großleinwand sah. Rosbergs Eltern zogen kurz nach seiner Geburt in Wiesbaden vor 26 Jahren mit ihm hierher, er kennt die Häuserschluchten, den Tunnel, das Casino und all die anderen berühmten Streckenabschnitte seit der Kindheit.

Einen Heimvorteil will er daraus dennoch nicht ableiten. "So weit würde ich nicht gehen. Aber es ist ein bisschen entspannter als anderswo. Ich bin zu Hause und kann mit der Familie essen." Den heutigen Freitag, der in Monte Carlo traditionell für PR- und Sponsorenveranstaltungen reserviert ist, will er am heimischen Pool verbringen. Natürlich nur, wenn es das Wetter zulässt.

Rosbergs Team-Kollege Michael Schumacher verweist hingegen auf eine andere Facette des ältesten Grand Prix der Formel 1, der sein 70-jähriges Bestehen am Donnerstag mit einer bombastischen Party im Yachthafen feierte: "Einerseits setzen wir Fahrer uns seit vielen Jahren erfolgreich für mehr Sicherheit an den Strecken ein, andererseits fahren wir freiwillig in Monte Carlo." Durch die enge Streckenführung und die erbarmungslosen Leitplanken gilt das Stadtrennen als besonders gefährlich.

Deswegen wurde der Kurs nach dem schweren Unfall von Sergio Perez im Vorjahr an einigen Stellen neu asphaltiert. Damit sollen die für Monte Carlo typischen Bodenwellen ausgeglichen werden. Außerdem wurden die Auslaufzonen in den besonders scharfen Kurven um einige Meter vergrößert und mit rauem Belag überzogen, damit die Autos bei einem Unfall schneller abzubremsen sind.

Dennoch musste das erste Freie Training am Vormittag aus Sicherheitsgründen kurz vor dem regulären Ende abgebrochen werden. Der Motor des Caterham-Boliden von Heikki Kovalainen löste sich im Tunnel in Rauch auf und hüllte die Betonschluchten umgehend in einen so dichten Nebel, dass kein weiterer Fahrer mehr hätte passieren können. Die Renn-Kommissare erklärten die Trainingsfahrt kurzerhand für beendet.

Die Herausforderung für die Piloten ist auf keiner der 20 WM-Strecken größer als auf dem berühmtesten Stadtkurs der Welt. Obwohl eine Runde mit 3,34 Kilometern die kürzeste im gesamten Formel-1-Kalender ist, enthält sie 13 Kurven. Das bedeutet für das Rennen mehr als 1000 Richtungswechsel oder 4000 Schaltvorgänge. Im Durchschnitt schaltet ein Formel-1-Pilot während des Rennens am Sonntag im Zwei-Sekunden-Rhythmus oder alle 54 Meter. "Es ist körperlich eines der anstrengendsten Wochenenden überhaupt", sagt etwa Nico Rosberg.

Für diese schweißtreibenden Nebensächlichkeiten haben die zahllosen Stars und Sternchen am Streckenrand freilich nur wenig übrig. Den Anfang der Promi-Flut machte gestern Familie Geiss, die via Privatfernsehen im Wochenrhythmus für Kopfschütteln ob ihres gedankenlosen Umgangs mit ihrem Millionenvermögen sorgt (Die Geissens - eine schrecklich glamouröse Familie). Der Bekanntheitsgrad der Gäste wird sich bis zum Rennen noch steigern; unter anderem werden Boris Becker und Paris Hilton sowie zahlreiche Hollywood-Stars erwartet, die gerade ein paar Kilometer weiter die Küste entlang das Film-Festival in Cannes begehen.

Nicht zuletzt haben auch die deutschen Fußball-Nationalspieler, die sich gerade im gut 80 Kilometer entfernten Tourrettes auf die EM in Polen und der Ukraine vorbereiten, eine Einladung zum Rennen erhalten. Und auch Hamilton-Freundin Nicole Scherzinger wird das Rennen in der McLaren-Box verfolgen. Dort kann sie ihren Lebensgefährten zumindest nicht vom Fahren ablenken.