Serie: Eine Klasse für sich, Teil 4

So schnell wie Usain Bolt

Wie die deutschen Nationalspieler ihre Schulzeit erlebten. Serie, Teil vier: Ex-Herthaner Jerome Boateng

- Vielleicht hätte Jerome Boateng das Projekt "Lernen mit Hertha" geholfen. So oder ähnlich hätte es wohl in Berlin geheißen, wenn Rüdiger Barney das, was er Anfang des neuen Jahrtausends in London kennengelernt hatte, in die deutsche Hauptstadt transportiert hätte. "In der vergangenen Saison hat ein Stürmer 30 Tore geschossen, in der aktuellen nur 20. Wie viel Prozent von 30 sind das?", umreißt der Schulleiter der Poelchau-Oberschule in Wilmersdorf die Idee von "Lernen mit Arsenal". Dreisatz für Kinder, die sich mehr für Fußball interessieren als für Dreisatz, aber Barney scheint bis heute nicht besonders angetan von dem pädagogischen Konzept.

Und so ist das einzige, was von "Lernen mit Arsenal" in Berlin übrigblieb, ein Foto von ihm mit dem Meisterpokal im ehrwürdigen Highbury, der früheren Heimstätte des FC Arsenal. Umgesetzt wurde das Konzept hier nie - und Jerome Boateng blieb im Klassenzimmer hinter seinen Möglichkeiten zurück. Barney steht vor der Fotowand in seinem Büro. Sein Finger wandert vom englischen Meisterpokal zu Falko Götz, dem ehemaligen Hertha-Trainer, und Sebastian Deisler, wie er von Änis Ben-Hatira bewundert wird. Von Jerome Boateng, dem ersten deutschen A-Nationalspieler, den die Poelchau-Oberschule hervorgebracht hat, hängt hier nichts.

Wahrscheinlich macht Jerome Boateng das nicht viel aus. Schule war nicht sein Ding. Dabei hätte Christine Zedel damals, 2001, als sie Jerome und 32 weitere Kinder im siebten Schuljahr übernahm und ihnen Deutsch, Geschichte, Erdkunde, Sport und - zumindest für ein Jahr - Kochen näherbrachte, darauf gewettet, dass der kleine Junge aus Wilmersdorf das Abitur schaffen würde. "Aber je besser er im Fußball wurde, desto schlechter wurden seine Leistungen in der Schule", sagt seine ehemalige Klassenlehrerin. 2005 verließ Jerome Boateng die Poelchau. Mit einem Hauptschulabschluss.

Zedel sitzt am Tisch in Barneys Büro. Die 64-Jährige hat mit ihren kurzen grauen Haaren und dem gewinnenden Lächeln etwas von Heidi Kabel: mütterlich und zupackend. Und Jerome war unter den vielen jungen Fußballspielern, Turnern, Leichtathleten und Tischtennisspielern nicht der einfachste: "Er war zurückhaltend im Unterricht", sagt Zedel. "Doch die Grenze zwischen Zurückhaltung und Phlegma ist fließend", sagt Barney, der Jerome in Mathe unterrichtete.

Zedel wollte ihn animieren. Wusste sie doch, dass er so viel mehr konnte. Auch seine Mutter Nina verriet kurz vor der WM 2010, dass sie es sich gewünscht hatte, dass ihr Jerome mehr für die Schule tun und generell mal etwas anderes machen würde als Fußball spielen - beim Training, auf dem Bolzplatz, auf der Playstation. Doch spätestens als Jerome mit 13 Jahren von Tennis Borussia zu Hertha BSC wechselte, wurde der Ehrgeiz für Deutsch, Geschichte, Erdkunde und Mathe immer kleiner. "Es gab kein Fach, für das er sich begeistern konnte", sagt Zedel. "Was ist dein Ziel?", hat sie den jungen Jerome einmal gefragt. Seine Antwort: "Mindestens so gut sein wie mein Bruder." Auf dem Fußballplatz.

"Jerome stand immer im Schatten von Kevin", erzählt Barney. Das "Prince", das sich Jeromes eineinhalb Jahre älterer Halbbruder in Anlehnung an deren ghanaischen Vater einst zulegte, gab es damals noch nicht, als der Kevin "viel mehr gehypt" wurde als Jerome, erzählt Barney.

Dabei war auch in Jerome schon früh ein riesiges Talent erkennbar. Schulleiter Barney zeigt zwei Fotos von 2003, "Jugend trainiert für Olympia". Im Finale gegen die Lausitzer Oberschule aus Cottbus hatte sich der Torwart verletzt. Jerome ging in den Kasten, die Poelchau-Oberschule gewann zum ersten Mal den Wettbewerb. Auf den Mannschaftsfotos, die Barney auf den Tisch legt, steht der lange Held fast schüchtern im Hintergrund. Neben ihm: Änis Ben-Hatira, Patrick Ebert - und sein Halbbruder Kevin. "Sportlich extrem stark", sagt Carsten Richter, der Sportkoordinator der Poelchau-Oberschule, "so viel fußballerische Klasse wird es kein zweites Mal geben."

Richter kam erst 2007 an die Poelchau, die Eliteschule des Sports und des Fußballs. Da war Jerome Boateng schon auf dem Sprung von Hertha zum HSV. Doch unter Berliner Jugendtrainern wird noch immer viel über Jerome gesprochen. Die Rede ist von 60-Meter-Pässen mit links und das mit gerade einmal zwölf Jahren, von Begeisterung, die der damalige Zehner Jerome auslöste. Und davon, dass Jerome schon als B-Jugendlicher auf den ersten 30 Metern mit Sprintolympiasieger, -weltmeister und -weltrekordhalter Usain Bolt hätte mithalten können.

Richter, 42 Jahre alt, mit blauem Poelchau-Oberschule-Pullover, Drei-Tage-Bart und hochgekrempelten Ärmeln ist auf dem Sprung. Zusammen mit Christine Zedel muss er gleich noch Abiturprüfungen abnehmen. Doch wenn sie schon mal hier zusammensitzen, kommen die beiden sofort auf andere ehemalige Schüler zu sprechen. Auf Sejad Salihovic und Ashkan Dejagah, oder auf die Barneckis: Francis, der einst bei Werder Bremen spielte, sich aber nie wirklich durchsetzen konnte und mittlerweile bei BSV Schwarz-Weiß Rehden in der Oberliga Niedersachsen kickt, und seine Zwillingsschwestern Sylvie und Nicole, die beide für den FC Bayern in der Fußball-Bundesliga der Frauen auflaufen. "Und wo ist der 'Schorchi' mittlerweile?", fragt Barney. Christopher Schorch, einst Real Madrid, unter Vertrag beim 1. FC Köln, ausgeliehen an Energie Cottbus. Die Antwort wusste keiner. Es sind einfach zu viele. Da verlieren Barney, Zedel und Richter den einen oder anderen schon mal aus dem Blick. Doch Jerome, den verloren die Lehrer auch ohne eigenes Foto an der Wand nie aus dem Sinn. Das dürfte ihm gefallen, "denn Jerome hatte ein riesiges Aufmerksamkeitsbedürfnis", sagt Zedel: "Auf dem Platz war er ein Star." Das wusste er - und ließ es mitunter die jüngeren Schüler spüren. Die Kleinen hatten Angst vor dem schon so jung so großen Jerome. Jähzornig war er. Und so überraschte es Christine Zedel auch nicht, als sie sah, wie ihr kleiner Jerome in Leverkusen den Bayern-Kollegen Thomas Müller packte und anbrüllte. "Ich find das sehr menschlich", sagt Zedel: "Für ihn ging und geht es halt immer um Leistung." Zumindest auf dem Fußballplatz.

Lesen Sie morgen Teil fünf der Serie: Bastian Schweinsteiger, Bayern München