Serie: Eine Klasse für sich, Teil 3

Alle lieben den schüchternen Schelm

Wie die deutschen Nationalspieler ihre Schulzeit erlebten. Serie, Teil drei: Mario Götze aus Dortmund

- Die hellen Handydisplays strahlen im Halbdunkel des Schulflurs wie kleine Scheinwerfer. Yannick, Leon und Sebastian stecken die Köpfe zusammen. Große Pause am Helene-Lange-Gymnasium in Hombruch, einem Stadtteil im Süden Dortmunds. Die drei Fünftklässler starren wie gebannt auf Leons Smartphone. "Irgendwo müssen die Bilder von Mario doch sein", murmelt der Zehnjährige und scrollt mit flinken Fingerbewegungen durch sein Fotoarchiv. Nach einigen Momenten gibt er auf: "Nein, hier sind sie doch nicht. Vielleicht auf dem iPad? Das liegt aber oben im Klassenzimmer..." Luxusprobleme für einen Fünftklässler. Der, nach dem sie suchen, ist der berühmteste Sohn der Schule und heute eines der größten Talente des deutschen Fußballs: Mario Götze.

Ein Schulzentrum in einem Wohngebiet, wie es überall in Deutschland stehen könnte. Flachdächer auf grauem Waschbeton, hier und da ein paar verwaschene Farbtupfer, es regnet. Drinnen, im Helene-Lange-Gymnasium, herrscht geschäftiges Treiben. Kinder und Jugendliche rennen durch das Schulgebäude, warten während der Pause vor den Klassenzimmern auf ihre Lehrer. Im ersten Stock sitzen in Raum 214 Friedel-Heinz Knoch und Gerd Bredthauer. Die beiden Lehrer sind alte Hasen, wenige Jahre vor dem Ruhestand, und wer Kenner des Dortmunder Mittelfeldspielers sucht, kommt an diesem Ort und an ihnen nicht vorbei. Knoch kennt Götze - er hält sich die Hand jetzt knapp über den Hosenbund - "seit er so groß ist". In der 5. und 6. Klasse war der 62-Jährige Götzes Deutsch- und Klassenlehrer. "Das war ein Schelm sondergleichen", sagt Knoch und erinnert sich an den "ansonsten schon etwas stilleren Mario", der aber mit einem Grinsen auf dem Gesicht auch gern Streiche spielte. Was hat die Schulzeit dem heute jungen Erwachsenen mitgegeben? Wie wurde aus dem "schüchternen Schelm" der Mittelfeldmotor bei Borussia?

Götze kommt im August 2002 als Zehnjähriger an das Gymnasium in Hombruch. Er spielt schon zu dieser Zeit für seinen jetzigen Verein und durchläuft dort fast alle Nachwuchsabteilungen. "Du hast nicht gemerkt, wie diszipliniert er seiner Leidenschaft nachgegangen ist. Er hat den Leuten nicht weinerlich vorgehalten, dass er in den Weihnachtsferien wieder mal statt in den Skiurlaub ins Trainingslager musste, sondern das lief ganz selbstverständlich nebenher", erinnert sich Klassenlehrer Knoch.

Während die Klassenkameraden in den Sommermonaten die Nachmittage im Freibad "Froschteich" neben der Schule verbringen, investiert der heute 19-Jährige seine Freizeit in den Fußball. Die ganze Familie Götze tickt so: Die beiden Brüder sind dem Sport genauso verfallen, der jüngere Felix geht in die 8. Klasse der Schule und spielt in Borussia Dortmunds D-Jugend, der ältere Fabian läuft für die zweite Mannschaft des VfL Bochum auf. "Was die Familie für ihre Kinder tut, ist ein Wahnsinn. An den Wochenenden war die Mutter mit dem einen, der Vater mit dem anderen auf den Sportplätzen unterwegs, und der dritte Sohn wurde von einem Freund der Familie zu den Spielen begleitet", sagt Knoch. Wenn heute jemand neidisch auf Götzes Karriere sei, solle er sich erst einmal klarmachen, was hinter dem Erfolg stecke: "Das ist nicht einfach nachmittags zwischen Kaffee und Abendessen eine Stunde Fußball spielen, das ist knochenhartes Training", sagt Knoch.

Ein guter Kenner dieser fußballerischen Entwicklung ist Gerd Bredthauer. In der 7., 9. und 10. Klasse ist der 63-Jährige Sportlehrer von Götze, der die Schule nach der 11. Klasse im Sommer 2009 verlässt und auf ein benachbartes Sportgymnasium wechselt. "Mario war ein sportliches Allroundtalent. Egal ob im Geräteturnen, im Badminton oder im Hochsprung, er hat immer durch Bestleistungen geglänzt", sagt Bredthauer. Als Götze in der 10. Klasse wegen eines Trainingslagers die Vorbereitung auf die Hochsprungnoten verpasst, scheint ihm das nichts auszumachen: "Der kam dann in der wichtigen Stunde dazu, sprang einmal rüber und war locker im Einser-Bereich." Aber mit den sportlichen Erfolgen prahlen? Knoch winkt ab: "Mario hat sich nie in den Vordergrund gedrängt, er war kein Mann der ersten Reihe, eher einer, der seine Akzente im Hintergrund gesetzt hat." Dann packt er seinen Schlüssel, springt auf, und sagt: "Und jetzt zeigen wir Ihnen mal ein paar Plätze." Ein Rundgang zu den Wurzeln des jungen Mario, sozusagen. An der Turnhalle der Schule geht es los, die ihre besten Jahre schon sichtbar hinter sich hat, "der Charme der 80er-Jahre", nennt es Knoch, "die ist vor kurzem erneuert worden", weiß Bredthauer, aber die alten Spuren sind immer noch sichtbar. Backsteinwände ringsum, teils mit fleckigem Teppich ausgekleidet, abgeschossene Handballtore links und rechts. Der Sportlehrer erinnert sich an viele Fußballspiele in dieser Halle: "Die Klasse wollte immer kicken." Gekämpft hätten sie, wie die Wilden, in der Halle gehe es ja sowieso immer sehr eng zu. "Drei, vier Leute lagen dann immer am Boden, und einer stand, mit dem Fuß am Ball: Mario. Scheinbar mühelos passierte das, das hat mir imponiert. Diese unglaubliche Koordination habe ich später bei keinem Schüler mehr gesehen..." Schon in der 6. Klasse bemerken die Lehrer das natürliche Verhältnis Götzes zu seinem Spielgerät. "Wie er sich an den Ball herangepirscht hat, wie er ihn bekommen hat, wie er mit ihm umgegangen ist, das war schon etwas Besonderes", sagt Knoch. An eine solche Karriere habe damals trotzdem keiner gedacht.

Es geht weiter, das erste Klassenzimmer ist auch heute wieder die Heimat einer 5. Klasse. Sogar der Kunstunterricht wird kurz unterbrochen für den Reporter und die beiden Lehrer, und als Knoch die jungen Schüler fragt, ob zwei oder drei von ihnen für ein Foto wohl einmal an die Tafel gehen wollen, wo das Poster des Spielers mit der Nummer 11 hängt, gibt es kein Halten mehr. Alle stürmen nach vorn, wollen auf einem Bild mit ihrem Idol sein. "Wenn der BVB gewinnt, bekommen wir montags immer keine Deutsch-Hausaufgaben, weil unsere Lehrerin selbst Fan von Mario ist", ruft einer, und "Mario hat mit meinem Bruder in Hombruch gespielt" ein anderer. Götze ist für die Schüler der Star der Schule, und die alten Bücher, in denen sein Name steht, sind heiß begehrt. Koch sagt: "Vor allem Schülerinnen aus den unteren Klassen kommen dann manchmal zu mir und fragen mich, ob sie das Buch behalten dürfen."

Lesen Sie morgen Teil vier der Serie "Eine Klasse für sich": Jerome Boateng