Premier Legaue

Manchesters filmreife Meisterschaft

| Lesedauer: 4 Minuten
Florian Haupt

Zwei Tore in der Nachspielzeit - England staunt über das wundersame Finale der Premier Legaue

- Alex Ferguson beschwerte sich nur zaghaft. "Sie haben es gegen zehn Mann und mit fünf zusätzlichen Minuten geschafft", erinnerte der Trainer von Manchester United in seiner Grußadresse an den neuen Meister. Aber dann rang er sich doch noch so etwas wie einen Glückwunsch ab, denn er weiß ja selbst am besten, dass Fußballspiele eben nicht nach 90 Minuten zu Ende sind - wegen seiner vielen späten Siege nennen sie die Nachspielzeit auf der Insel auch "Fergie Time". Am Ende einer Premier-League-Saison jedoch, in der wenig so lief wie erwartet, wurde auch noch diese Weisheit über den Haufen geworfen. Die Nachspielzeit wurde zur Mancini Time, zur Agüero Time, zur Scheich Mansour Time. Zu den fünf Minuten von Manchester City.

Als sie am Seitenrand angezeigt wurden, lagen die Gastgeber 1:2 zurück gegen Aufsteiger Queens Park Rangers. Die beste Heimmannschaft der Liga gegen das schwächste Auswärtsteam. Die Fans verfluchten mal wieder die Sternenkonstellation, die sie zu diesem Fußballklub gebracht hat. Einem Klub, der Generationen lang noch immer ein Weg gefunden hatte, es zu vermasseln. Der es mal fertig brachte, in einem entscheidenden Spiel gegen den Abstieg eines der schönsten Tore der Fußballgeschichte zu schießen - ins eigene Netz. 1998 war das, auch gegen die Queens Park Rangers. Der Trainer Joe Royle, sprach danach von einer praktisch unheilbaren Krankheit: "Cityitis".

In dem Stadion, das Ferguson einmal als "Tempel des Untergangs" verspottet hatte, nahte nun also das ultimative Begräbnis. City drückte erfolglos gegen zehn Mann, derweil das vor dem letzten Spieltag punktgleiche, aber mit der schlechteren Tordifferenz ausstaffierte United in Sunderland führte. Aber dann demonstrierte der Fußball, dass er manche Plots auch nur deshalb so ausdauernd erzählt, um sie eines Tages umso fulminanter brechen zu können. Edin Dzeko köpfte einen Eckball zum 2:2, da lief die zweite Minute der Nachspielzeit. City kam schnell wieder in Ballbesitz. Und ab dem Moment, in dem Sergio Agüero in den Strafraum zog, würde jeder ambitionierte Sportfilm auf Superzeitlupe wechseln. Wie er noch einen Verteidiger abschüttelt, wie er aus rund acht Metern halbrechts abzieht, wie der Ball im Netz zappelt und damit Urschreie auf den Tribünen auslöst. Wie also Maradonas Schwiegersohn in der vierten Minute der Nachspielzeit das Tor erzielt, an das sich der blaue Teil der Stadt immer erinnern wird, das 44 Jahre Warten auf den Titel beendete, das eine Verliererstory in eine Siegergeschichte umschrieb.

6:1 im Derby gegen United

Dann ging es weiter mit einer Party, die wenige Minuten zuvor unerreichbar weit weg schien, aber angesichts der immensen Investitionen von Scheich Mansour natürlich nicht allein einer Außenseiterromantik folgt. Fast eine Milliarde Euro soll er seit 2008 aus Abu Dhabi in den Klub umgeleitet haben, und als City im Herbst ein historisches 6:1 im Derby bei United herausschoss, schien der Titel ein Selbstläufer zu werden. Der Weg zum Glück wurde jedoch weit steiniger als erwartet. Vor wenigen Wochen lag City sogar acht Punkte zurück, ehe es zur Aufholjagd ansetzte. Die frenetischen Schlussminuten gegen QPR spiegelten dieses Comeback noch einmal wie in einem Brennglas. "Ich bin sehr stolz auf meine Spieler", sagte Trainer Roberto Mancini: "Bis zur letzten Sekunde wollten sie diesen Titel."

Stolz sein darf der Italiener auch auf sich selbst. Wer einen Kader mit Diven wie Mario Balotelli und Carlos Tevez moderiert bekommt, kann einen so schlechten Job nicht machen. Trotz der latenten Bedrohung des Teamfriedens schaffte Mancini es, seiner einst als Söldnertruppe verschrienen Equipe so etwas wie Herz einzuimpfen. Nicht umsonst gewann die City-Weltauswahl den Titel letztlich mit den urenglischsten aller Methoden - der Brechstange, der Leidenschaft, der Epik.

Dem Klub hätte nichts Besseres passieren können. Diese Meisterschaft versöhnt nicht nur das alte City des Dramas mit dem neuen des Erfolgs, sie gibt dem Plastikprojekt der Scheichs auch den Legendenstoff, ohne den ein Fußballklub nicht auskommt. Das emotionale Kapital eines solchen Saisonfinals ist unbezahlbar.