Eishockey

Das blaue Wunder von Stockholm

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Marcel Stein

Deutschlands Eishockey-Spieler rätseln über das peinliche 4:12 gegen Norwegen und das damit verbundene WM-Aus

- Auf der großen Bühne fühlt sich Dennis Endras wohl, er gibt gern den strahlenden Helden. Fast wie ein Traum verliefen die vergangenen Jahre für den Torhüter der deutschen Eishockey-Nationalmannschaft. Als das Team 2010 ins WM-Halbfinale einzog, wurde er zum besten Spieler des Turniers gewählt. Sein WM-Glück hatte etwas Unantastbares.

Das machte den Sonntagabend von Stockholm wohl noch unerträglicher für den Torhüter, als er ohnehin schon war. Derart verzweifelt ward Endras bislang nie gesehen. Im letzten Drittel fuhr er zur Bande, schlug wild mit seinem Stock herum, wollte ihn zertrümmern. Bezeichnend war, dass nicht einmal das klappte. Es lief einfach gar nichts bei den Deutschen, 4:12 verlor die Mannschaft. Aber nicht etwa gegen Russland, Schweden oder sonst einen der Großen dieses Sports. Nein, Norwegen hieß der Konkurrent, der Deutschland ins Desaster trieb.

Zweimal verließ Endras in diesem Spiel das Tor, zunächst hatte ihn Bundestrainer Jakob Kölliker ausgewechselt. Später, nachdem er wieder eingewechselt worden war, hatte er schlicht genug, er verkraftete die pausenlosen Einschläge nicht mehr. "Das war eine absolute Frechheit", sagte Stürmer Philip Gogulla zum Auftreten der Mannschaft. Er wiederholte es immer wieder, weil er wie alle nicht fassen konnte, was vorgefallen war. "Wir haben uns abschlachten lassen", befand Thomas Greilinger. Abwehrspieler Christoph Schubert sprach von einem der schlimmsten Tage in der Geschichte des deutschen Eishockeysports.

Fans waren nur wenige nach Stockholm gekommen, aber selbst sie wandten sich ab. Als Versager beschimpften sie die Mannschaft. "Wir können uns nur entschuldigen, das tut uns leid", sagte Kapitän Marcel Goc. Dabei schienen Tage wie dieser der Vergangenheit anzugehören, zu ausgeglichen präsentierte sich das Team bei den vergangenen beiden Turnieren. Deutschland hatte sich von einer Mannschaft, die vor allem gegen den Abstieg spielte, zu einem Herausforderer entwickelt, der im Kampf um das Viertelfinale gute Aussichten hat. Nun jedoch endete das wichtigste Spiel um den Einzug in die Runde der besten acht Nationalmannschaften der Welt im Debakel. Der konsternierte Kölliker resümierte: "Das ganze Team hat versagt." Genau wie er hatten auch alle anderen große Schwierigkeiten, die Blamage zu verdauen. In der Kabine wurde am Montag nur knapp zehn Minuten über alles geredet.

"Die Kampfbereitschaft hat gefehlt", sagte Kölliker am Tag danach. In den vergangenen Monaten hatte der Schweizer viele Sympathien gewonnen, Spieler und Funktionäre waren angetan von seiner unaufgeregten Art. Doch nun fällt in seine noch kurze Amtszeit die höchste Niederlage seit 2008, einem 1:10 gegen Kanada. An der grundsätzlichen offensiven Ausrichtung unter Kölliker störte sich niemand. "Es lag nicht am System", sagte Goc. Er bemängelte die Kommunikation untereinander auf dem Eis, Kölliker vermisste die Leidenschaft. Doch er wollte keinem Spieler etwas vorwerfen, "das hat niemand mit Absicht getan".

Obwohl nun eine große Enttäuschung bleiben wird nach dem verpassten Viertelfinale kann das Turnier immer noch mit einem kleinen Erfolg enden. Da auch die Schweiz das Viertelfinale nicht zu erreichen droht, könnte sich Deutschland in der Endabrechnung vor den Schweizern platzieren und so die direkte Olympiaqualifikation schaffen. Dazu wäre aber wohl mindestens ein Punkt im letzten Gruppenspiel gegen Tschechien am Dienstag notwendig (16.15 Uhr, Sport1). Wie der geholt werden soll, ist nach dem Desaster ungewiss. Andererseits: Mit diesem letzten Eindruck, sagt Kai Hospelt, "will sich keiner in den Sommer verabschieden".