Otto Rehhagel

Altmeister unter Starkstrom

| Lesedauer: 4 Minuten
Daniel Stolpe

Taktik, Personal, Einstellung: Rehhagels Maßnahmen führten Hertha noch in die Relegation

- Wie es sich in Berlin gerade im Fußball mit der Demut und einem ewigen Mangel hieran verhält, hat Markus Babbel in seiner Zeit in der Hauptstadt hinlänglich erfahren dürfen. Gewinnt Hertha BSC, wird von der Champions League geredet, aber nach Niederlagen vom Abstieg. "Der Mittelweg fehlt", stellte Babbel fest, und jetzt, nach dem 1:3 seines neuen Arbeitgebers Hoffenheim gegen seinen alten Verein, geriet sogar Otto Rehhagel in Überschwang. "Ich träume, dass wir eines Tages einen Fußball spielen wie Barcelona", sagte der alte, erfahrene Fußballlehrer, und in diesem Augenblick musste Babbel neben ihm wohl denken: Für den Moment hat Hertha sich gerade noch so in die Relegation gerettet - und jetzt schon wieder überirdische Ziele?

Deren Verwirklichung dürfte etwas mehr Zeit in Anspruch nehmen als die zwei Spiele, die nun noch vor Rehhagel und dem drittschlechtesten Team dieser zu Ende gegangenen Bundesliga-Saison liegen. Neun Tage noch, ehe Rehhagel sich nach Abschluss der Ausscheidungsspiele gegen Düsseldorf wieder in den Ruhestand zurückzieht. Doch für den Moment ist auch gar nicht Barcelonas Kunstfertigkeit gefragt. Solides Berliner Handwerk ist schon vollkommen ausreichend. Das 3:1 gegen Hoffenheim war vom Kampf geprägt: 27 Fouls begingen Spieler von Hertha - so viele wie in keinem Spiel zuvor in dieser Saison.

Lange Zeit war Rehhagel ohne Wirkung geblieben, aber im rechten Moment steht der Altmeister als Retter da. Ein zartes "Danke" hatte Manager Michael Preetz ihm bei ihrem gemeinsamen Jubel ins Ohr gehaucht, als Änis Ben-Hatiras Treffer zum zwischenzeitlichen 2:0 einen direkten Abstieg weitgehend ausgeschlossen hatte. Der Dank war bei Rehhagel gut aufgehoben. Zugegeben, viele Siege hat er in seiner kurzen Mission mit Hertha nicht gefeiert. Ganze drei sind es seit dem Wochenende, aber dieser Sieg im letzten Saisonspiel war sein Sieg. Der Sieg der richtigen Taktik, der richtigen Auf- und Einstellung. "Sieg oder Untergang" - unter dieses unmissverständliche Motto hatte Rehhagel die Partie gestellt. In der Vergangenheit waren Herthas Sensibelchen an solchen Drucksituationen regelmäßig zerbrochen. Aber nicht diesmal. "Die Trainer haben die richtigen Worte gefunden, die Nervenbelastung war immens", gestand Matchwinner Ben-Hatira.

Schönspieler raus, Kämpfer rein

Erst recht hatten Rehhagel und seine Mitstreiter Rene Tretschok und Ante Covic präzise jene Spieler identifiziert, die Hertha auch mit ihrer Mentalität zum Sieg verhelfen würden. Er sortierte Schönspieler aus und bot Kämpfernaturen auf. Niemeyer und Levan Kobiashvili, aber auch Fanol Perdedaj und Patrick Ebert. Überhaupt, Perdedaj und Ebert - Berliner Jungs, denen bewusst war, was ein Abstieg für die Stadt bedeutet hätte, genau wie Ben-Hatira und Fabian Holland. "Sie haben das Herz am rechten Fleck. Die kämpferische Einstellung unserer Mannschaft war heute top", durfte Preetz hernach erleichtert feststellen - und ohne die Namen der Reservisten Ramos und Ottl ausdrücklich auszusprechen, richtete der Manager auch über "unsere Leistungsträger, deren Formschwächen mit ein Grund für unsere Situation sind".

Fabian Holland, der Kapitän der U23-Mannschaft, war als linker Verteidiger gewiss die größte Überraschung einer insgesamt mutigen, aber von großer Überzeugung getragenen Aufstellung. Alle eingesetzten Spieler, sogar inklusive des eingewechselten Ronny, einte eine nie gesehene Körperspannung. Aber auch Rehhagel selbst brannte an allen Enden. "Mister 100.000 Volt war gegen meine Person ein Schwachstrom-Elektriker", formulierte er später am Abend launig. Diese selten erlebte Mischung aus Pflichtbewusstsein, Energie und Adrenalin versammelte zuletzt auch das bis dahin eher unbeteiligt durch die Saison lustwandelnde Berliner Publikum.

Der Traum vom Klassenerhalt lebt weiter - und noch an der Berliner Trainerbank, die er eineinhalb Jahre lang selbst besetzt hatte, wünschte Babbel seinem Nach-Nachfolger, dass er seine Mission nun auch erfolgreich zu Ende bringt. "Er ist ein fantastischer Trainer und Mensch", sagte Babbel, der in München einst Schüler des Lehrers Rehhagel war. "Es freut mich für ihn, dass er die erste Hürde geschafft hat. Jetzt drücke ich die Daumen, dass sie die zwei Relegationsspiele auch noch positiv gestalten."