Relegation

Hertha fordert Fortuna heraus

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Am Donnerstag und Dienstag kommender Woche kämpfen Berlin und Düsseldorf in der Relegation um den letzten freien Platz in der Bundesliga

Hertha BSC Berlin

Sie hatten alles richtig gemacht. Nach Düsseldorf zum Spiel der Fortuna gegen den MSV Duisburg waren Otto Rehhagel und Michael Preetz am Sonntag geflogen - und nicht etwa nach Hamburg, obwohl dort mit dem FC St. Pauli und dem SC Paderborn zwei mögliche Relegationsgegner des Bundesliga-Drittletzten Hertha BSC im direkten Duell aufeinander trafen. "Wir glauben, dass Düsseldorf vielleicht unser Partner ist", hatte Berlins Trainer Rehhagel direkt im Anschluss an das 3:1 seiner Mannschaft am Sonnabend gegen 1899 Hoffenheim orakelt. Er sollte Recht behalten, ein 2:2 am letzten Spieltag genügte Düsseldorf - damit fordert Hertha nun Fortuna heraus in den Ausscheidungsspielen um den letzten freien Platz in der Bundesliga der Saison 2012/13.

"Wir sind am Ende froh, dass wir noch mal zwei Extra-Spiele bekommen", sagte Preetz, "aber wir wissen auch, dass wir noch nichts gewonnen haben." Es dürften gegen Düsseldorf zwei Duelle fast auf Augenhöhe werden. Am Donnerstag (20.30 Uhr) müssen die Berliner im Olympiastadion vorlegen; der Zweitligist hat im Rückspiel am Dienstag kommender Woche Heimrecht. Inklusive der Dauerkartenkunden, die freien Eintritt haben, hat Hertha in den ersten Stunden nach Erreichen der Relegation schon über 30.000 Karten verkauft. "Flutlicht, Pokal-Atmosphäre - das wird noch mal ein absolutes Highlight! Gemeinsam mit unseren Fans fighten wir und legen zu Hause den Grundstein für die Rettung", verspricht Vorzeigekämpfer Peter Niemeyer.

Fortuna Düsseldorf

Es war ein versöhnlicher Abschluss für Fortuna Düsseldorf, dieses 2:2 gegen den MSV Duisburg. Und wer gesehen hat, wie intensiv die 51.000 Zuschauer mitgefiebert haben, wird erkennen, mit wie viel Ungeduld man eine Rückkehr in die Bundesliga in der nordrhein-westfälischen Landeshauptstadt herbeisehnt. Seit 15 Jahren schon muss man den Großen, dem FC Bayern, den Borussen aus Dortmund, den Schalkern, zuschauen - viel zu lange für das Selbstverständnis der Fortuna. Jetzt ist die große Chance da, sich gegen Hertha BSC für das Leiden der vergangenen Jahre zu belohnen. "Ich wäre auch gerne mit dem Bus zu den Relegationsspielen gefahren", sagte Jens Langeneke; der Defensivroutinier hatte auf ein Rheinderby gegen den 1. FC Köln gehofft. Nun geht es gegen die Berliner. "Das werden ganz schwere Spiele, da müssen wir noch einmal alles aus dem Tank kratzen", macht Langeneke schon jetzt mobil. Ein Erfolg gegen einen zumindest vom Namen her großen Gegner würde das ohnehin nie zu kleine Selbstvertrauen der Düsseldorfer noch weiter stärken. "Hertha ist natürlich der große Favorit", schob Manager Wolf Werner die Bürde des Siegenmüssens sogleich in Richtung Hauptstadt. Aber: "Dass wir zunächst auswärts spielen müssen, ist mir schon lieber." Es war Thomas Allofs, Fortuna-Ikone und heute Vorstandsmitglied das Klubs, der es auf den Punkt brachte: "Das Spiel gegen Duisburg war das Halbfinale, jetzt kommt das Endspiel." Es werden zwei sein, die den Düsseldorfer Traum wahr werden lassen sollen.

Trainer

Sie waren Lehrer und Schüler. Gemeinsam prägten Otto Rehhagel und Norbert Meier die erfolgreichen 80er-Jahre von Werder Bremen.

Jetzt begegnen sie sich an der Seitenlinie

Hertha BSC: Am 19. Februar übernahm Otto Rehhagel bei Hertha BSC die heikle Mission, den Aufsteiger vor dem direkten Wiederabstieg zu retten. Für diese "Herzensangelegenheit" kehrte er aus dem Ruhestand und nach zwölf Jahren Pause auf die Bühne Bundesliga zurück. Aus den ursprünglich veranschlagten zwölf Spielen bis zum Klassenerhalt sind durch die Relegation nun deren 14 geworden. Er prägte bei seinem Amtsantritt den kultigen Spruch "Attack, attack - go!", zwischenzeitlich schien es jedoch so, als sei der Zauber von "König Otto" verflogen.

Gegner Düsseldorf hatte er 1979 zum DFB-Pokalsieg geführt - im Finale ausgerechnet gegen Hertha. Dort sind heute Rene Tretschok und Ante Covic die wichtigsten Zuarbeiter des "demokratischen Diktators" Rehhagel.

Fortuna Düsseldorf: Er galt nicht wirklich als jemand, der eine Mannschaft an die Bundesliga heranführen könnte. Bis Norbert Meier in Düsseldorf anheuerte. Seit dem1. Januar 2008 zeichnet der heute 53-Jährige für den Aufschwung am Rhein verantwortlich; damit ist er nach Thomas Schaaf (seit 1999 bei Werder Bremen) und Uwe Neuhaus (seit 2007 beim 1. FC Union) die Nummer drei der dienstältesten Trainer im deutschen Profifußball. Meier und Düsseldorf - das passt zusammen. Selbst als der Klub mit sechs Niederlagen in die Saison 2010/11 gestartet war, behielt man die Nerven. Meier bekam das Vertrauen und zahlte es nun mit dem Sprung in die Relegation zurück. Der Aufstieg in die Bundesliga nach nur drei Jahren in Liga zwei wäre das Sahnehäubchen - für Meier und die Fortuna.

Form

Die Rückrunde verlief für Hertha wie auch für Düsseldorf nur mäßig erfolgreich.

Doch gerade noch rechtzeitig haben beide Klubs die für das Erreichen der Relegation nötigen Punkte gesammelt

Hertha BSC: Nach starker Hinrunde mit 20 Punkten und Tabellenplatz elf taumelte Hertha nach der Winterpause phasenweise willenlos dem Abgrund entgegen. Elf Punkte waren der drittschlechteste Wert aller Teams, nur drei Siege gelangen Hertha in 17 Spielen - der wichtigste davon gegen Hoffenheim.

Zu den großen Rätseln dieser Spielzeit gehört es, warum die Spieler nach der Entlassung von Aufstiegstrainer Markus Babbel Ende Dezember nicht mehr an die noch zu weiten Teilen der Hinrunde gezeigten Leistungen in der Lage waren. Ein Erklärungsansatz sind die ständigen Trainerwechsel. Auf Babbel folgte Michael Skibbe, er verlor alle fünf Spiele unter seiner Leistung und war alsbald wieder gefeuert. Auch sein Nachfolger Otto Rehhagel drohte an der Mannschaft zu scheitern. Doch der Altmeister filterte gerade noch rechtzeitig diejenigen Spieler heraus, die für den Überlebenskampf geeignet waren. Er degradierte den unter Babbel und Skibbe unumstrittenen Stammspieler Andreas Ottl zum Reservisten ("Er ist kein Kämpfer") und suspendierte Tunay Torun. "Ich halte es mit Friedrich dem Großen", sagte Rehhagel: "Wer sich an die Regeln hält, hat bei uns keine Schwierigkeiten."

Fortuna Düsseldorf: Die Tendenz der Düsseldorfer Fortunen muss als fallend bezeichnet werden. So sehr die Rheinländer die Hinrunde in der Zweiten Liga dominiert haben, so stark haben sie in der zweiten Halbserie nachgelassen. Ohne Niederlage, mit zwölf Siegen im Gepäck und fünf Punkten Vorsprung auf den ersten Nichtaufstiegsplatz standen die Düsseldorfer souverän an der Tabellenspitze, die Rückkehr in die Bundesliga schien schon so gut wie sicher. Doch nach nur vier Siegen nach der Winterpause setzte das große Zittern ein. Es war vor allem die Leichtigkeit vor des Gegners Tor, die der Fortuna abhanden gekommen war. Trainer Norbert Meier versuchte sich vor dem spannenden Saisonfinale an einer Erklärung. "Wie die Hinrunde verlaufen ist, war nicht normal. Das Gleiche gilt auch für die Rückrunde", sagte der ehemalige Profi. Dass man Fürth und Eintracht Frankfurt an sich vorbeiziehen lassen musste, hat mit nahendem Saisonende auch nicht gerade zur Sicherheit beigetragen. Immerhin haben sich die Düsseldorfer auswärts gegenüber der Spielzeit 2010/11 stabilisieren können. Deshalb werden sie am Donnerstag auch nicht chancenlos im Olympiastadion antreten.

Stärken

Torhüter Kraft auf der einen, Offensivkraft auf der anderen Seite - mit gegensätzlichen Mitteln suchen beide Erfolg.

Besonders gern siegt Düsseldorf zu Hause, Hertha scheint in der Fremde stärker.

Hertha BSC: Herthas bester Spieler in dieser Spielzeit war zweifellos Thomas Kraft. Ohne die durchweg guten Leistungen des 23 Jahre alten Torhüters wäre der Hauptstadtklub mit großer Sicherheit auf direktem Wege abgestiegen. Ein weiteres Plus könnte in der jüngeren Vergangenheit liegen: In der gemeinsamen Zweitligasaison 2010/11 gewann Hertha beide Duelle, 2:1 in Düsseldorf und 4:2 im Olympiastadion. In diesen beiden Spielen dabei waren acht Spieler des aktuellen Teams: Lell, Hubnik, Perdedaj, Kobiashvili, Ramos, Raffael, Rukavytsya und Ronny. Niemeyer fehlte im Rückspiel nur aus Verletzungsgründen. Insbesondere die ehemaligen Münchner Kraft und Lell - so er trotz Fußprellung spielen kann - sowie der Ex-Bremer Niemeyer sollten mit der Nervenbelastung in Spielen im Europapokalmodus umgehen können.

Fortuna Düsseldorf: Die Spiele vor heimischer Kulisse - das ist das Pfund, mit dem die Fortuna seit Jahren wuchern kann. Im Durchschnitt kamen knapp 32.000 Zuschauer zu den vergangenen 17 Partien in die Düsseldorfer Arena. Eine Kulisse, die für die Mannschaft Antrieb und Verpflichtung zugleich darstellte. Dies sieht auch Michael Preetz so, Herthas Manager und ehemaliger Düsseldorfer Spieler: "Die Fortuna ist traditionell heimstark. Sie haben sehr viel Power und Offensivkraft. Ein unangenehmer Gegner." Apropos Offensivkraft: Mit Sascha Rösler wartet ein Routinier in vorderster Front auf die Herthaner, einer, der seinen Körper im gegnerischen Strafraum auch einzusetzen weiß. Der 34-Jährige ist mit 13 Saisontreffern auch Düsseldorfs bester Schütze. Und da Rösler nach der Relegation seine Karriere wohl beenden wird, wird er besonders motiviert sein, das Spieljahr mit dem Aufstieg in die Bundesliga krönen zu wollen. Auch auf Maximilian Beister (elf Tore) gilt es aufzupassen.

Taktik

Beide Teams versuchen es mit modernem Spielsystem.

Vier Abwehrspieler, zwei defensive und drei offensive Mittelfeldspieler und ein Stürmer - die angesagteste Formation bei Hertha und Fortuna.

Hertha BSC: Trainer Rehhagel hat viel experimentiert - aber das 4-2-3-1-System hat sich als das probateste Mittel für Siege erwiesen. Taktgeber in der Offensive ist Raffael, nach Pierre-Michel Lasoggas Ausfall (Kreuzbandriss) ist Adrian Ramos der letzte gesunde Angreifer. Schwächen hat Hertha auf den offensiven Flügeln, selten waren sie in dieser Saison einmal so effektiv und auch defensiv aufmerksam wie Änis Ben-Hatira und Patrick Ebert beim 3:1 gegen Hoffenheim. Ein weiteres Problem ist die Spieleröffnung aus dem zentralen Mittelfeld, hier sind die Berliner Spieler zumeist arg limitiert.

Fortuna Düsseldorf: Michael Ratajczak ist im Tor zumeist ein sicherer Rückhalt, doch auch sein Vertreter Robert Almer kann problemlos den Platz zwischen den Pfosten einnehmen. In der Defensive hat sich Assani Lukimya an der Seite von Jens Langeneke und Tobias Levels zu einer verlässlichen Größe entwickelt. Im Mittelfeld bestimmen Kapitän Andreas Lambertz und Oliver Fink den Takt. Sascha Rösler und auch Thomas Bröker, unterstützt von Maximilan Beister, sollen die gern schnell vorgetragenen Angriffe zum Abschluss bringen. Bevorzugte Taktik von Trainer Meier ist das 4-2-3-1.

( sto,fär )