Hertha BSC

Leiden ohne Leidenschaft

Hertha will den Abstieg in die Zweite Liga abwenden - doch wen in Berlin interessiert es noch? Eine Ursachenforschung

- Die Strategie gegen jedes Scheitern harrt lange ausformuliert nur ihrer Verkündung. Kann ja sein, dass Hertha BSC gegen 17.20 Uhr einer bitteren Realität ins Auge blicken muss, und der Hauptstadtklub zum insgesamt sechsten Mal in seiner Geschichte aus der Bundesliga abgestiegen sein wird. Dann ist da immer noch jener Rekord, den das Management in diesem Fall inbrünstig nach draußen tragen wird: Niemals zuvor haben mehr Menschen die Hertha-Heimspiele besucht, erstmals werden es bei 17 Partien mehr als 900.000 Menschen gewesen sein - im Durchschnitt über 53.000 pro Heimspiel. Im Quervergleich aller Bundesligisten hat das Champions-League-Niveau.

Aber Fußball wird nicht nach verkauften Karten entschieden. Sondern durch Tore, und davon hat Hertha in dieser Saison zu wenige geschossen und erst recht zu viele kassiert. So droht die Mannschaft abzusteigen - aber wen interessiert das noch?

Der Klub verweist auf besagte Rekordzahlen. Doch hinreichend dokumentiert ist - etwa durch Zigtausende aus Dortmund oder Hamburg -, dass der geneigte Konsument nicht zwangsläufig Hertha wegen ins Olympiastadion geht. Sondern oft genug der Gastmannschaft zuliebe. Gegen die TSG 1899 Hoffenheim wird es sich heute zugegeben ein wenig anders verhalten. Die erwarteten über 50.000 Zuschauer werden zum allergrößten Teil die Heimmannschaft anfeuern - doch halt: 50.000, wenn Hertha "das endgültige Finale von vielen Finalspielen in den letzen Wochen" spielt, wie der Dramatiker und Autor Moritz Rinke es formuliert? Stünde das riesige Olympiastadion in Köln, wo heute der FC Bayern München zu Gast ist, anzunehmen ist, dass dieses letzte Heimspiel in dieser Situation auch gegen Hoffenheim mit 75.000 Zuschauen ausverkauft wäre.

Als bei Hertha am Donnerstag die Führungsspieler um Kapitän Levan Kobiashvili in einem Offenen Brief um Unterstützung baten, kam dieses Werben reichlich spät. Im Zweitligajahr brüstete sich Hertha mit einer "Traumkulisse" von jenseits der 70.000 Zuschauer gegen Paderborn. Jetzt wären Relegationsspiele gegen denselben Gegner das höchste der Gefühle, aber vorher sind da keine Plakate in der Stadt für das Spiel gegen Hoffenheim. Es scheint, als kämpfe auch der Verein nur noch halbherzig gegen das Unvermeidliche an.

Ach, wie schön war 2010! Da wurden hoffnungslos Abgeschlagene eskortiert von Frank Steffels "Kampagne der Herzen". Die brachte nur knapp nicht die avisierten 21,6 Millionen Euro in die Klubkassen, aber auch Wolfgang Thierse rief "auf geht's, Ihr Aufholjäger!". In einem Gastbeitrag für die Berliner Morgenpost erinnerte er an den Karthager Hannibal, und welch vergleichsweise aussichtsreiche Mission Herthas Klassenerhalt doch sei gegen "das wahnsinnige Unterfangen, mit einer Horde Elefanten die gletscherbedeckten Alpen zu überqueren". Letztlich erreichten beide, Hannibal und Hertha, nicht das Ziel. Rom blieb so fern wie der rettende Platz 15.

In dieser Rückrunde nun hat es Abstiegskämpfer nie gegeben. "König" Otto Rehhagel hat bei seiner Inthronisierung die Parole ausgegeben und "Attack, attack - go!" gerufen. Daraus geworden ist die Frage: "Attack, attack - wo?" Auf dem Feld nicht, und auch die städtische Prominenz wirkt merkwürdig müde. "Ich will und hoffe, dass Hertha in der Bundesliga bleibt, denn die Hoffnung stirbt zuletzt", sagt Kulturanwalt Peter Raue, selbsternannter Laie mit Berlinhoffnung. Ähnlich unverbindlich formuliert es der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit, der die Partie heute live im Stadion verfolgen wird: "Noch ist nichts verloren, aber Hertha muss bis zur letzten Minute um den Klassenerhalt kämpfen und endlich die Leistung bringen, zu der diese Mannschaft eigentlich in der Lage sein müsste. Berlin steht zu Hertha."

Auch Frank Henkel hat seinen Stadionbesuch angekündigt. Der Senator für Inneres und Sport sagt zum entscheidenden Spiel der Berliner: "Hertha hat die Chance, mit einem Sieg eine völlig verkorkste Saison zu retten. Das ist die Mannschaft den Fans auch schuldig, die in dieser Saison oft enttäuscht wurden."

Zum eindrucksvollen Schulterschluss von Klub und Fans geriet in Hamburg jüngst das Heimspiel gegen Hannover. Da wurden die Profis des in seiner Existenz bedrohten Bundesliga-Dinos beim Einmarsch in ihre schmucke Arena empfangen von 55.000 weißen Hochglanz-Papptafeln mit der Aufschrift "Wir für euch - ihr für uns". Die Botschaft packte die Profis bei der Ehre und berührte ihre Seelen - am Ende der 90 Minuten stand der erste Heimsieg des seit dem vorletzten Spieltag geretteten HSV im Jahr 2012.

Solche Leidenschaft, die Leidenschaft schafft, ist fraglos auch in Berlin möglich. Ob im Handball, Eishockey oder Volleyball, überall kämpften die Hauptstadtklubs sich zuletzt mit schier unglaublichen Energieleistungen zurück in den Wettbewerb - und in die Herzen ihrer Fans, die unbedingten Willen mit noch mehr Energie von den Rängen dankten. Im Olympiastadion dagegen wird es heute so sein wie immer. Gegen 15.28 Uhr wird der Stadionsprecher die Berliner und Brandenburger aufordern, sie mögen sich bereit machen für 90 Minuten...undsoweiter. Dann recken wie mechanisch zehntausende Arme blau-weiße Schals in die Luft, während aus der Konserve das unvermeidliche "Nur nach Hause" des ebenso unvermeidlichen Frank Zander ertönt. Dieses Ritual tötet längst alle Emotionen - und zufällig spielt Hertha dann zumeist auch mit der Intensität dieses sanften Gedudels Fußball. Kurz vor dem Ende von zwei aufeinanderfolgenden, jeweils höchst unerquicklichen Spielzeiten in der Bundesliga stehen für Hertha nur vier Heimsiege in 33 Spielen - bleibt es bei diesem Wert, hat ihn in fast 50 Jahren Bundesliga keine andere Mannschaft je unterboten.

Abseits des Platzes ist Hertha dafür Spitze: als Lachnummer der Bundesliga. Vielleicht auch aus Gründen der Fehde von Preetz gegen Babbel oder der Entgleisungen ihres Präsidenten ("...einfach mal die Fresse halten!") haben sich viele tausend Sympathisanten enttäuscht von ihrem Verein abgewendet. Ein andermal werden auch sie wiederkommen, aber vorläufig ist ihnen der Abstieg und ein Ende des Schreckens lieber. Der Morgenpost-Blog liefert Zeugnis von der Agonie, die das blau-weiße Universum eingehüllt zu haben scheint. Wer oder was Hertha noch zu Platz 16 verhelfen kann, lautete in dieser Woche eine Umfrage bei "Immerhertha". Anklang fanden die Vorschläge einer Nachhilfestunde für die Profis in Sachen Einstellung durch Ex-Kollege Pal Dardai oder alternativ Lockerheit im Training, vermittelt vom lebenslustigen "Zecke" Neuendorf. Aber 62 Prozent der Stimmen entfielen auf Antwortmöglichkeit: "Diesem Team ist nicht mehr zu helfen."

Wie Hertha zu helfen ist? Vielleicht wäre ein anderer Stadionsong ein Anfang.