Fußball

Tim oder Tom? Das letzte Wort hat der Fan

Der Fußball-Anhang hat längst das Kommando übernommen - und in Hoffenheim droht eine Sitzblockade

- Man hat Tom Starke seinen Namen am Sonnabend nicht mehr angesehen. Ein Bild des Jammers gab er nach dem Schlusspfiff ab. Er sah aus, als habe er sich tagelang weder gekämmt noch geschlafen, schweißgebadet stand er vor der Kamera und sagte: "Ich bin auch nur ein Mensch."

Von der tief stehenden Sonne war Hoffenheims Torwart im Spiel gegen Nürnberg geblendet worden - aber vor allem von der Botschaft, dass bald der aus Bremen kommende Tim Wiese seinen Job kriegen soll. So was schlägt aufs Gemüt, da schwächelt auch der Starke, und sein einziger Trost war der Treueschwur seiner Fans im Stadion. "Das ging runter wie Öl. Das bewegt mich", sagt der Tom.

Tim wird es anders sehen. Für ihn waren diese TV-Bilder aus der nahenden neuen Heimat nur halb so bewegend - denn die Transparente, die ihm galten, waren statt menschlich eher feindselig: "Koan Wiese!" Das hätte nicht kommen dürfen. Nicht jetzt - nicht drei Tage, nachdem die "Koan"-Fraktion der militanten Neinsager auf der Richterskala der grässlichen Irrtümer mit einer glatten 10 überführt worden ist. Wenn es nach denen gegangen wäre, würde nämlich kein Mensch jetzt vom "Magischen Manuel von Madrid" schwärmen - und Hertha BSC nicht mit Thomas Kraft absteigen, denn der stünde immer noch im Bayerntor.

Vor einem Jahr hat Bayern-Präsident Uli Hoeneß den Härtetest gemacht. Die Quizfrage hieß: Wenn der Teufelskerl Neuer zu kriegen ist, macht der bayrische Ultra-Fan dann a) vor Vorfreude einen Kopfstand mit Schraubensalto - oder brüllt er b) dem besten Torwart der Welt ins Gesicht, dass er beim Teufel bleiben soll? Richtig war Antwort b), und nun wiederholt sich die Geschichte in Hoffenheim. Dort steht Trainer Babbel plötzlich mit dem Rücken zur Wand und entschuldigt sich: "Wenn man Tim Wiese ablösefrei kriegen kann und ich selber ein Fan von ihm bin, dann muss ich das machen für den Verein." Als Trainer.

Aber auch als Fan? Nein, der sagt locker und losgelöst von allen Zwängen, wie die Musik zu spielen hat - und will in diesen Zeiten der zunehmenden Volksabstimmungen nicht mehr nur Eintritt zahlen, Tore bejubeln und Knallkörper abschießen, sondern gefälligst auch gefragt werden, ob der Tim oder der Tom ins Tor gehört.

Schuld hat das Fernsehen

Verstehen wir uns jetzt nicht verkehrt: In ihrer Menschlichkeit können Fans zum Knuddeln lieb sein. Die in Schalke bringen mit ihren warmherzigen Plakaten ("Datt mit Raul erzähl' ich mein Enkel!") den Weltstar zum Weinen. Aber auf der anderen Seite haben sie mit ihren Machtgelüsten schon Rudi Assauer früher so in den Wahnsinn getrieben, dass der fluchte: "Sollen wir vor dem Spiel Handzettel verteilen, und die Zuschauer schreiben ihre Aufstellung drauf?" Dabei waren die Fans damals noch handzahm. Inzwischen platzen sie vor Selbstbewusstsein - und gönnen sich Allüren wie eine Diva.

"Wenn du deine Birne jeden Tag in der Zeitung siehst, wirst du irgendwann total Banane", hat der Ex-Weltmeister Icke Hässler gesagt, ähnlich ist es vermutlich mit dem Fan, der sich zu oft im Fernsehen sieht. In Farbe und in Großaufnahme, tobend, jubelnd und gähnend wird er als Hauptfigur des Spiels eingeblendet, kriegt gar nicht mehr genug von diesem Gefühl der Bedeutsamkeit - und nachdem auch noch der Funke vom Wutbürger auf den Wutfan übergesprungen ist, meutern nun sogar die Hoffenheimer.

Tim oder Tom? Da drohen Sitzblockaden, und notfalls vermummt werden sich die Starke-Getreuen unerschrocken in den Strahl der Wasserwerfer stürzen. Mindestens aber auf dem Stadionparkplatz der Rhein-Neckar-Arena anketten an der Anhängerkupplung von Babbels Auto, weil der sich hinter ihrem Rücken in die Verhandlungen mit Tim Wiese verstrickt hat. Für den Transfer ist alles in die Wege geleitet worden, sagt der Babbel frank und frei.

"Wiese - betreten verboten!", stand im Stadion bedrohlich auf einem Pappendeckel. Der zweitbeste deutsche Torwart wird sich gut überlegen, ob dieses Minenfeld im Kraichgau wirklich das ist, was man eine gemähte Wiese nennt. Zu lesen war im Sinsheimer Stadion bereits: "Wiese du Arschloch". Was würden Sie tun, wenn Sie Herr Wiese wären?

Markus Babbel muss schauen, dass er einen Klassetorwart findet, ach je. Denn wenn er einen etwas weniger guten hat, der gelegentlich sogar einen Flatterball unterschätzt und auch noch Punkte kostet, will selbst der treueste Fan irgendwann nichts mehr wissen von Tim oder Tom, sondern brüllt fuchsteufelswild durchs Stadion: "Koan Babbel!"

Fan ist ein Traumjob.