Bundesliga

Fern-Duell der traurigen Helden

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Uwe Bremer

Hertha und Köln, beide 1963 Gründungsmitglieder der Liga, kämpfen verbissen um den Klassenerhalt

- Die T-Shirts mit der Aufschrift "Adiós Señor" werden erst nach dem Abpfiff ausgeteilt. Aber schon während der Partie auf Schalke wird Hauptsponsor Gazprom auf seine Werbeeinblendungen auf der LED-Leuchtbande verzichten. Stattdessen werden Dankesbekundungen für Raul gezeigt, den Weltstar aus Spanien, der sein letztes Heimspiel für den FC Schalke bestreitet. "Es wird sicher Tränen geben", sagte Raul. 520 Kilometer südlich von Gelsenkirchen, beim SC Freiburg, wird das Sinfonieorchester des SWR vor dem Anpfiff im Mittelkreis Platz nehmen. Und live und unplugged den Stadion-Klassiker "You'll never walk alone" spielen. Nach der Partie lädt der Sport Club seine Fans zur großen Fan-Party.

Die Bundesliga in Feierstimmung. Nur den Beteiligten, denen ist nicht nach Feiern zu Mute. Zwei Traditionsklubs der Liga, beide 1963 bei der Gründung dabei, spielen um den Klassenerhalt. Hertha BSC tritt auf Schalke an - und liefert sich als Vorletzter ein Fernduell mit dem Drittletzten, dem 1. FC Köln, der in Freiburg gastiert. Den Schlüssel, wer Schlusslicht Kaiserslautern als zweiter Absteiger folgt, hält der FC in der Hand. Köln liegt zwei Punkte vor Hertha auf Relegationsrang 16. Gewinnt Köln, ist Hertha im Fall einer Niederlage oder eines Unentschieden auf Schalke heute um 17.20 Uhr abgestiegen.

Zwei Abstiegskrimis mit vier Teilnehmern, die Berliner Morgenpost hat sich bei den Vereinen umgeschaut.

Köln hofft auf Trainer Schaefer

In der Dom-Stadt herrscht Aufbruchstimmung. Der neue Hoffnungsträger heißt Frank Schaefer. Der Interimscoach wurde auf der überraschend ruhig abgelaufenen Mitgliederversammlung am vergangenen Montag von den Anhängern sogar mit Ovationen gefeiert. Der Nachfolger von Stale Solbakken ist nicht nur in guter Erinnerung, weil er schon einmal, 2011, dem FC den Klassenerhalt gesichert hat. Auch aktuell scheint Schaefer die Mannschaft erneut wachzurütteln. Beim 1:1 gegen den VfB Stuttgart lieferten die Kölner die beste Leistung der Rückrunde.

Um eine Schwäche der Mannschaft zu beheben, der FC stellt mit 67 Gegentoren die schwächste Defensive der Liga, hat der neue Trainer das alte System mit zwei Stürmern auf ein kompaktes 4-2-3-1 umgestellt. "Trotz allen Drucks gehen wir mit Optimismus und Spielfreude in die Partie", sagte Schaefer: "Wir fahren nach Freiburg, um drei Punkte zu holen."

Theoretisch kann Köln noch den Tabellen-15. Augsburg einholen. Aber FC-Torwart Michael Rensing sagt: "Es geht darum, den Relegationsplatz vor Hertha zu verteidigen." Rechtzeitig zum "Endspiel" in Freiburg meldete sich auch Lukas Podolski zurück. Der Stürmer-Star hat eine Mittelohr-Entzündung auskuriert und trainierte am Donnerstag wieder mit der Mannschaft. "Ich gehe davon aus, dass ich spiele und dass wir in Freiburg gewinnen", sagte Podolski.

Freiburg will durchziehen

Mit einem 0:0 in Hannover hat der Sportclub vorzeitig den Klassenerhalt gesichert. Bis Montagmorgen um 5 Uhr wurde im Freiburger Szenelokal "Coucou" gefeiert. Aber seit Dienstag kennt Trainer Christian Streich kein Pardon. Von wegen, die Anspannung werde nachlassen, weil das Saisonziel erreicht ist. "Köln wird es hier nicht leicht haben", kündigte der Trainer an. "Ich bin überzeugt, dass der Klassenerhalt meine Mannschaft eher beflügelt als demotiviert." Im letzten Heimspiel verzichtet er auf Nettigkeitsgesten. Es gibt mehrere Spieler wie Andreas Hinkel, die zuletzt keine Rolle gespielt haben und den Verein im Sommer verlassen werden. Die wird er nicht einsetzen, um sie für den Trainingsaufwand zu belohnen. Streich hat angekündigt, mit der besten Formation anzutreten. Der Trainer hat eine alte Rechnung zu begleichen. Im Oktober 2003 hatte er schon einmal dem 1. FC Köln mit Trainer Frank Schaefer gegenübergestanden: Im DFB-Juniorenpokal schied die von Streich trainierte Freiburger A-Jugend aus, 0:2 hieß es nach zwei Toren eines gewissen Lukas Podolski.

Gefühlt bedeutete das 1:2 gegen Schlusslicht Kaiserlautern am vergangenen Wochenende den Berliner Abstieg. Aber Trainer-Dino Otto Rehhagel (73) betont die Chancen des Vorletzten. "Wir haben noch zwei Spiele und sind zwei Punkte hinter dem Relegationsplatz. Solange es rechnerisch möglich ist, bleiben wir am Ball."

Hertha geht ins Kino

Hertha hat sich seit Mittwoch in ein Trainingslager fernab der Hauptstadt, in Castrop-Rauxel, zurückgezogen. Rehhagel hat in vielen Einzelgesprächen versucht, die Spieler aufzubauen. Nach dem Abschlusstraining auf dem Sportplatz des SV 04 Langendreer in Bochum entspannt sich die Lage in der Innenverteidigung. Nachdem zuletzt fünf Manndecker verletzt gefehlt hatten und Aushilfs-Vorstopper Peter Niemeyer gegen Schalke seine Gelb-Rot-Sperre absitzt, gibt es Hoffnung. Obwohl Roman Hubnik (Sprunggelenksverletzung) und Christoph Janker (Leistenprobleme) noch nicht vollständig fit sind, stellen sie sich zur Verfügung.

Beide konnten die letzten Trainingseinheiten mit der Mannschaft absolvieren. Und Hertha wird gegen das beste Angriffsduo der Liga dringend auf eine gute Defensive angewiesen sein. Schalkes Klaas Jan Huntelaar und Raul haben allein in dieser Saison 39 (!) Bundesliga-Treffer erzielt.

Der blau-weiße Tross hatte im Trainingslager am Donnerstag einen freien Abend und ging gemeinsam ins Kino: Geschaut wurde "Ziemlich beste Freunde", ein Film aus Frankreich über zwei sehr verschiedene Menschen, die trotzdem zueinanderfinden und sich gegenseitig unterstützen. Einen guten Teamspirit wird Außenseiter Hertha auf Schalke benötigen, um dort bestehen zu können.

Immerhin, die Statistik macht Hertha ein bisschen Mut. Trainer Rehhagel hat in sechs Vergleichen gegen Schalkes Huub Stevens noch nie verloren. Dagegen wird der Umstand, dass Hertha keines der letzten acht Spiele gegen Schalke gewinnen konnte, sicher nicht zur Mannschaftsansprache von Rehhagel gehören. In Gelsenkirchen sieht Trainer Stevens die Schlagzeilen um Raul, um das Abschiedsbuch, in das sich Fans aus aller Welt eintragen können, um die Wünsche der Kollegen, die auf dem Videowürfel in der Arena eingespielt werden, mit gemischten Gefühlen.

Schalke braucht einen Sieg

Schalke braucht als Dritter im Duell mit Gladbach um die direkte Qualifikation für die Champions League gegen Hertha drei Punkte. Deshalb soll die Verabschiedung des Spaniers nach der Partie erfolgen. Zudem warnt Stevens vor der Auswärtsstärke: "In Leverkusen hat Hertha in Unterzahl ein 0:2 in ein 3:2 gedreht. Wir dürfen sie auf keinen Fall unterschätzen."

Andrerseits, so verrückt ist die Liga in dieser Saison: Sollten beide Fußball-Dinos am Wochenende verlieren, werden beim Saisonfinale die Karten neu gemischt. Hertha hat Heimrecht gegen Hoffenheim mit Ex-Trainer Markus Babbel. Köln empfängt Bayern München.

( Mitarbeit: abi,jab,OM )