Tennis

Petkovic, Pech und Pannen

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Klaus Schlütter

Deutschlands beste Tennisspielerin muss nach Knöchelverletzung in Stuttgart lange pausieren

- Schon in dem Moment, als sie mit schmerzverzerrtem Gesicht auf dem roten Sandplatz lag und ahnte, was auf sie zukommen würde, vergoss Andrea Petkovic bittere Tränen. Doch gestern Vormittag nach einer Kernspintomografie im Krankenhaus war sie endgültig am Boden zerstört. Die Verletzung aus dem Achtelfinalspiel des WTA-Turniers in Stuttgart gegen die Weltranglistenerste Victoria Asarenka wirft die Nummer eins im deutschen Frauentennis weit zurück. Zwei Außenbänder am rechten Fuß sind gerissen, das dritte Band ist gedehnt, ebenso das Syndesmoseband. Nur Knochen und Knorpel blieben unversehrt. Die 24-Jährige aus Darmstadt fällt erneut monatelang aus, nachdem sie gerade erst eine schwere Rückenverletzung überstanden hatte.

"Das muss ich erst einmal verarbeiten. Als Profisportler gibt es immer wieder Rückschläge, aber ein solches Verletzungspech ist schon bitter", stöhnte Petkovic, fügte jedoch gleich hinzu: "Ich habe mich schon zweimal mit schweren Verletzungen zurückgekämpft und werde das auch ein drittes Mal tun."

Ihre beispiellose Pechsträhne begann im Jahr 2008. Nach einem Kreuzbandriss musste sie acht Monate lang pausieren. 2011 erlitt sie einen Meniskuseinriss, nahm dennoch an den US Open teil und scheiterte trotz des Handicaps erst im Viertelfinale an der damaligen Weltranglistenersten Caroline Wozniacki. Es folgte im Winter der nächste große Rückschlag mit dem Ermüdungsbruch im unteren Beckenbereich (Iliosakralgelenk), der zu einer weiteren Zwangspause von drei Monaten führte.

Ohne seine Frontfrau verlor das deutsche Fed-Cup-Team gegen Tschechien und musste in die Relegation. Gegen Australien kehrte Andrea Petkovic in die Mannschaft zurück. "Ich fühle mich tausendprozentig fit und bin absolut schmerzfrei", sagte sie vor dem Comeback. Aber infolge ihres Trainingsrückstands konnte auch sie die 2:3-Niederlage nicht verhindern, die Deutschland mit dem Abstieg in die Weltgruppe II bezahlte. Fünf Tage später der nächste Rückschlag.

Beim Stand von 4:4 in dritten Satz wollte Petkovic auf der Vorhandseite einen Ball erlaufen und knickte mit dem rechten Fuß um. Die Weißrussin Asarenka eilte sofort mit einem dicken Eisbeutel herbei. Doch der Knöchel schwoll dick an, und die Weltranglistenzwölfte musste aufgeben. Gestützt von ihrer Gegnerin und der Teamärztin wurde sie in die Kabine gebracht und später mit dem Rollstuhl ins Hotel gefahren.

"Es ist schon frustrierend, nach so langer Pause gleich wieder verletzt zu sein. Da klopft sie in der Weltrangliste an die Top Ten an, und dann geht`s plötzlich in die andere Richtung. Ich hoffe nur, dass sie schnell wieder gesund wird und an den Olympischen Spielen in London teilnehmen kann", sagte der frühere Profi und heutige Vizepräsident des Deutschen Tennis Bundes (DTB), Carl-Uwe Steeb.

Entscheidung über Operation

Nach weiteren Untersuchungen soll entschieden werden, ob Petkovic operiert werden muss oder nicht. Der Uhinger Sportmediziner Dimitr-Alexander Jontschew erklärte: "Bleibt es bei den zwei Bänderrissen, hat sie Glück gehabt. Dann kann sie nach meiner Einschätzung konservativ behandelt werden. Mit einer frühfunktionellen Therapie könnte sie in sechs bis acht Wochen wieder fit sein. Das ist heute möglich. Eine Operation würde sie um einiges länger zurückwerfen."

Unabhängig von der ausstehenden Entscheidung scheint allerdings klar, dass Petkovic die Teilnahme an den French Open in Paris (ab 27. Mai) und am Wimbledon-Turnier in London (ab 25. Juni) abhaken muss. Die Zeit bis zu den Olympischen Spielen (27. Juli bis 12. August) müsste jedoch ausreichen, bei normalem Heilungsverlauf den konditionellen Rückstand wieder aufzuholen.

Des Daumendrückens ihrer Mannschaftskolleginnen und des Mitgefühls ihrer Konkurrentinnen darf sie sich sicher sein. WTA-Chefin Stacy McAllister berichtete in Stuttgart von zahlreichen E-Mails von Spielerinnen. Sie alle hätten sich nach dem Gesundheitszustand von Andrea Petkovic erkundigt und ihr Genesungswünsche aufgetragen. Sie sagte: "Das ist nicht alltäglich und zeigt, wie sehr Andrea im Kreis der Spielerinnen respektiert wird. Sie ist eine Kämpferin, und ich bin überzeugt, dass sie nach diesen Rückschlägen gestärkt zurückkommen wird."

Derweil hat die an Nummer vier gesetzte Polin Agnieszka Radwanska ihre gute Form auch auf Sand bewiesen und ist als erste Spielerin ins Halbfinale eingezogen. Die 23-Jährige besiegte im Viertelfinale die French-Open-Gewinnerin Li Na aus China mit 3:6, 6:2, 6:3. In der Runde der letzten Vier trifft Radwanska heute ausgerechnet auf die Weltranglistenerste Asarenka, die Senkrechtstarterin Mona Barthel aus Neumünster nur sehr knapp 6:4, 6:7 (3:7), 7:5 besiegte. Miami-Siegerin Radwanska schraubte ihre Saisonbilanz durch den Erfolg im Viertelfinale auf beeindruckende 28:4 Siege. Die bislang einzigen Niederlagen in diesem Jahr hat sie gegen Asarenka hinnehmen müssen.