Eishockey

Rekordmeister, Feiermeister

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Marcel Stein

Die Eisbären begießen den sechsten Titel zünftig - und Manager Lee plant die Zukunft

- Zum Rekordtitel brauchte es offenbar auch ein bestmarkenverdächtiges Umfeld. Es gab gleich mehrere Gebiete, auf denen die Eisbären Berlin probierten, Spitzenleistungen aufzustellen. Wie groß etwa können Bierlachen in einer Kabine von Profisportlern werden? Sehr groß - und dazu knöcheltief. Wie schnell können 50-Liter-Fässer leer werden nach dem Gewinn einer Deutschen Meisterschaft? Sehr schnell - über mehrere Stunden kam das Servicepersonal fast mehr ins Schwitzen als die Berliner zuvor im Spiel gegen die Adler Mannheim. Im Zehnminutentakt rollten die Fässer in die Kabine. Aber getrunken wurde ja nicht alles, sonst wäre das Experiment mit den riesigen Pfützen nicht so gut gelungen.

Sie wissen halt, wie richtig gefeiert wird, die Eisbären. Seit langem sind sie der Taktgeber in der Deutschen Eishockey-Liga (DEL), am Dienstag gewannen sie ihren sechsten Titel innerhalb von acht Jahren, sie sind nun alleiniger Rekordhalter in der DEL, weil sie im Finale die Adler distanzieren konnten. Bei den meisten Spielern war es schon hell, als sie ins Bett kamen. "Es gibt jetzt nur ein Gas, und zwar Vollgas", sagte Stürmer Florian Busch. Sein Plan sieht vor, mindestens eine Woche lang alles zu geben.

Er wird nicht der einzige bleiben. Laurin Braun tauchte irgendwann mit nacktem Oberkörper im VIP-Raum der Berliner Arena auf. Der ist mit nicht gerade billigen Fliesen ausgelegt, egal, Sven Felski stapfte mit den blanken Kufen seiner Schlittschuhe durch. Es wirkte, als wolle er die Dinger gar nicht mehr ausziehen. Auch nicht seine Hose und die Schwitzwäsche, die jetzt ohnehin mehr bier- als schweißgetränkt war.

Felski erlebte einen Tag, der noch ein Stückchen besonderer war als der seiner Mannschaftskollegen. 37 Jahre ist der Stürmer alt, seit er elf ist, spielt er für diesen Klub. Dieses fünfte und letzte Finalspiel war gleichzeitig sein 1000. Erstligaeinsatz. "Das ist überragend, das gibt es nie wieder", sagte er: "Was kann denn noch schöner sein?" Zumindest im Sport nicht viel. Vielleicht war es sogar sein letztes Spiel.

Es wäre der beste Rahmen, in dem jemand abtreten und seine Karriere glücklich beenden kann. Nicht nur wegen des Titels oder wegen der 1000. Es war einfach eine überragende Serie, die spannendste seit zehn Jahren, zwischen den beiden besten Mannschaften des Landes. "Das war der schwerste Gegner, den wir haben konnten", sagte Eisbären-Trainer Don Jackson. Alle anderen Titel der Berliner fühlen sich irgendwie leicht an gegen diesen sechsten. Zum ersten Mal mussten sie in einem Finale über fünf Spiele gehen, trafen dort auf einen Konkurrenten, der ein sehr diszipliniertes und defensivstarkes Team aufgebaut hat, der über eine gesunde Mannschaft verfügte, während den Eisbären drei Topspieler fehlten. "Dazu kannst du nicht viel sagen. Die Emotionen und die Leidenschaft sind unglaublich", erzählte Stefan Ustorf, der verletzte Kapitän.

Dieses Finale hat viele Geschichten geschrieben, es hatte große Sieger, bitterste Niederlagen, unfassbares Nervenversagen, fast unmögliche Aufholjagden. Momente, an die sich viele lange erinnern werden. "Dieses vierte Spiel in Mannheim, das war das beste, dass ich je mitmachen durfte", sagte Rob Zepp, Berlins grandioser Torhüter. Vielen seiner Teamkollegen geht es genauso, Mannheim war praktisch Meister, nur 14 Minuten entfernt von der Schlusssirene und mit einer 5:2-Führung im Rücken. "Wir wurden dafür bestraft, am Sonntag nicht den Sack zugemacht zu haben. Dafür, was in diesem Spiel passiert ist, fällt mir bis heute keine passende Erklärung ein", sagte Adler-Trainer Harold Kreis. Seine Mannschaft ging K.o. wie ein Boxer und verlor 5:6 in der Verlängerung. Auch am Dienstag waren die Adler lange besser als die Berliner, führten sogar, aber unterlagen doch 1:3. Kreis brachte die Enttäuschung auf den Punkt: "Wir können uns auch was einreden, gut gespielt und so weiter. Alles bla bla bla! Wir haben Silber, und das ist traurig!"

Und er musste anerkennen, dass das Imperium, das sich die Berliner geschaffen haben, das mächtigste ist, das es in den vergangenen 40 Jahren im deutschen Eishockey gab. Diese Mannschaft hatte so viele Verletzte zu beklagen über die ganze Saison, dass der Titel fast unerreichbar schien. "Ich weiß nicht, ob andere Mannschaften das leisten können, was wir geleistet haben", sagte Torhüter Zepp. Es war ein Sieg der Philosophie, des steten Aufbaus, der Kontinuität. Sieben Berliner gewannen alle sechs Titel. Das bewirkt ein einzigartiges Zusammengehörigkeitsgefühl. Das ist vielleicht der wichtigste Faktor der Erfolgsgeschichte der Eisbären. "Diese Mentalität kannst du nur schwer beschreiben, wenn du sie nicht selbst erlebt hast", sagte Darin Olver. Der Stürmer verbrachte seine erste Saison beim EHC, gemeinsam mit Barry Tallackson, der zum besten Spieler des Play-off gewählt wurde. "Genau wegen dieser Momente bin ich hierher gekommen", sagte er mit dem Meisterpokal in der Hand.

Regehr geht nach Schweden

Ob die Berliner Dynastie weiter in dieser Form bestehen bleibt, ist dennoch nicht selbstverständlich. Die Adler haben gemerkt, dass charakterstarke Mannschaften mehr bringen als allein teure, sie passen sich den Berlinern an. Die müssen nun sehen, wie sie ihren Kader ausrichten. Starker Ersatz für Topverteidiger und Überzahlspezialist Richie Regehr wird benötigt. Dem Kanadier liegt ein hochdotiertes Angebot aus Schweden vor, das er nicht ablehnen wird. "Vor mir liegt einiges an Arbeit", sagt Manager Peter John Lee. Gehen wird auch Stürmer Jonathan Sim, weil er keinen Vertrag mehr erhält. Das könnte auch Angreifer Tyson Mulock treffen. Ob Urgestein Sven Felski weiterspielt, ist ebenso unklar.

Gedanken muss sich Lee auch darum machen, wie er mit Denis Pederson (36) und Stefan Ustorf (38) verfährt. Der eine konnte über ein Jahr wegen einer Knieverletzung nicht spielen, der andere fehlt seit Dezember wegen eines Schädel-Hirn-Traumas aus. Beiden bleibt ohnehin nicht viel Zeit in ihrer Karriere, aber sie wollen sich nicht festlegen, sondern weiter den Genesungsverlauf abwarten. Allerdings muss der Manager auch planen, er benötigt mindestens einen hochklassigen Mittelstürmer als Ersatz. Doch ihm fällt es auch schwer, sich von verdienten Profis zu trennen. Spontan wollte er nach dem Titelgewinn dazu nicht viel sagen, lieber feiern. "Hat noch jemand Kopfschmerzen", twitterte Verteidiger Nick Angell am Mittwochmittag: "Ich ja, aber ich liebe es!!!!"