Trainingslager

Hertha beschwört den Geist von Castrop-Rauxel

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Martin Kleinemas

Berliner konzentrieren sich seit gestern in aller Abgeschiedenheit auf die entscheidende Partie gegen Schalke

- Castrop-Rauxel also. Hier, mitten im Ruhrgebiet, soll sie sich also entscheiden, die Zukunft von Hertha BSC. Wer sich in seiner totalen Ahnungslosigkeit über das Städtchen im Kreis Recklinghausen informiert, erfährt in einschlägigen Internetlexika: Die Stadt hat immerhin 75.000 Einwohner, ein altes Rathaus, ein paar alte Zechen, und - für Hertha in besonderer Weise interessant - das Hotel Goldschmieding, das mit dem Slogan "Ihr Wohlfühlhotel mit Schlosscharakter" wirbt. Für diesen Charakter haben sie einiges getan, das Haus verströmt von außen tatsächlich den Charme längst vergangener Tage, auf die weiße Fassade hinzu führt ein kopfsteinerner Weg durch eine hübsche Allee. Einst stiegen hier schon die deutsche Nationalmannschaft und die Klitschkos ab - ganz so schlecht kann es also nicht sein, in Castrop-Rauxel.

Allein: Zum Wohlfühlen hat Trainer Otto Rehhagel seine Mannschaft nicht versammelt. Vielmehr versucht der Berliner Fußball-Bundesligist, in der Abgeschiedenheit Kraft und Konzentration für das Spiel gegen den FC Schalke 04 am kommenden Sonnabend zu tanken. Nach einem Geheimtraining ging es um 14.50 Uhr erst per Flieger nach Düsseldorf, von dort ins 50 Kilometer entfernte Castrop-Rauxel. Am Nachmittag stand eine leichte Laufeinheit auf dem Programm, und auch wenn laut Manager Michael Preetz kein Psychologe mitgefahren ist, so wird ein Großteil der Trainerarbeit mit teambildenden Maßnahmen ausgefüllt sein. Schließlich hatte es zuletzt immer wieder daran gehapert: Am Zusammenhalt, am Kampf, schlicht an dem Glauben, etwas Großes bewirken zu können. Gesucht wird jetzt der Geist von Castrop-Rauxel.

"Wir werden viel miteinander reden", prophezeite Torwart Thomas Kraft, "wir müssen die bittere Niederlage gegen Kaiserslautern aus den Köpfen bekommen. Die Leistung war wirklich eine Frechheit, wer das Spiel gesehen hat, weiß, was ich meine." Deutliche Worte sind also programmiert, und nur so lässt sich auch Otto Rehhagels gewohnt martialisch anmutende Forderung umsetzen: "Wir müssen eine Mannschaft auf den Platz schicken, die ums Überleben kämpft." Das ist in diesen Tagen beileibe einfacher gesagt als getan.

Warum nur, fragen sich viele Beobachter, hat die sportliche Leitung so lange gezögert mit einem solchen Mini-Trainingslager? Wäre eine solche Maßnahme nicht spätestens nach der Niederlage gegen Freiburg angebracht gewesen? Torwart Kraft reagiert ausweichend: "Das ist alleine die Entscheidung des Trainerteams."

Bei Hertha, das erklärt vielleicht einiges, haben sie so ihre eigenen Erfahrungen mit solchen Ausflügen gemacht. In der Abstiegssaison gab es derer gar zwei. Den letzten Versuch starteten die Berlin im März 2010, als sie fast schon abgestiegen in die Nähe von Potsdam flüchteten. Das Lager bekam später den Beinamen "Psychocamp". Einzig, es nutzte nichts, Hertha verlor 1:2 gegen Nürnberg. Ein halbes Jahr zuvor hatte Lucien Favre in Bad Schönborn vergeblich versucht, die Wende einzuleiten. Gegen Hoffenheim setzte es eine 1:5-Pleite, Favre war Geschichte.

Redeschwall im Sauerland

Selbst jetzt, da offenkundig mit reinem Fußball-Training nichts mehr zu machen ist, bleiben die Profis skeptisch. "Ich weiß nicht, ob das etwas bringt", meint etwa Routinier Levan Kobiashvili, der das Lager am Donnerstag ohnehin unterbrechen wird, um in Frankfurt gegen seine Rot-Sperre zu protestieren. "Es ist ja nicht so, als hätten wir all diese Sachen in Berlin nicht geübt." Dabei hat doch gerade die direkte Konkurrenz vorgemacht, wie es funktioniert. Erst vor drei Wochen floh der 1. FC Köln ins nahe Sauerland, um sich einzuschwören. "Wir haben nicht nur trainiert, sondern auch sehr viel geredet", berichtete etwa Sascha Riether, und Torwart Michael Rensing erzählte: "Wir haben einige Dinge, die nicht so gut gelaufen sind, offen angesprochen. Jeder konnte das Wort ergreifen, so haben wir einige Missverständnisse aus dem Weg geräumt." Und siehe da: Die Mannschaft holte immerhin ein 1:1 gegen Werder Bremen.

Bleibt nur zu hoffen, dass es nicht alleine an Cheftrainer Otto Rehhagel hängen bleibt, die geknickten Profis wieder aufzurichten. Seit der Niederlage gegen Kaiserslautern wirkt der 73-Jährige tatsächlich ratlos, was auch der Mannschaft nicht verborgen blieb. "Nach dem Spiel hatte nicht einmal er noch große Worte für uns", sagte Kraft ehrlich, korrigierte aber gleich: "Er hilft uns natürlich viel mit seiner Erfahrung, aber es ist natürlich schwer für ihn momentan."

Vielleicht findet er ja die richtigen Worte, da er sich nun schon in heimatlichen Gefilden aufhält: Castrop-Rauxel liegt gerade 30 Kilometer von seinem Wohnort Essen entfernt.