Champions League

Messi und der Chelsea-Fluch

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Florian Haupt

Sieben Spiele, kein Tor: Der kleine Ball-Zauberer muss treffen, um Barcelonas Aus zu verhindern

- Der Montag gehörte dem katalanischen Nationalheiligen Sant Jordi. Barcelona war mit den rot-gelben Streifen der heimischen Flagge ausstaffiert, und die Menschen schenkten einander Rosen und Bücher, so wie es die Tradition vorschreibt. Ein Buchhändler erfand die Sitte einst durch die gedankliche Kombination der Todestage der Stardichter Miguel de Cervantes und William Shakespeare mit eben dem des heiligen St. Georg. Mittlerweile verkauft sich zu Ehren des Drachentöters an einem Tag soviel Verlagsware wie im restlichen Jahr.

Prominent vertreten an den Ständen waren auch Werke über die wichtigste Institution der Stadt, den Futbol Club Barcelona. Es gibt eine neue Biografie über Cesc Fàbregas, ständig neue über Lionel Messi und reichlich Bildbände über die Triumphe der letzten Jahre. 13 Titel in dreieinhalb Spielzeiten. Das zu genießen erscheint nun umso angesagter, als sich plötzlich die Frage stellt, wie lange das wohl noch so weiter geht.

Der Dienstag nämlich gehört der Champions League, dem Besuch des FC Chelsea und dem Versuch, die Saison noch zu retten. Zwei Niederlagen innerhalb von vier Tagen, so viele wie in der kompletten Spielzeit zuvor, haben das Selbstverständnis erschüttert. 0:1 in London beim Hinspiel, 1:2 gegen Real Madrid am Sonnabend: Die Meisterschaft ist verloren, würde jetzt auch noch das Champions-League-Finale verpasst, könnten weder ein möglicher Pokalsieg noch die bereits gewonnenen Sekundärtitel Supercup, europäischer Supercup und Klub-WM verhindern, dass das Barca-Regnum als zumindest unterbrochen gelten müsste.

Konnte die Pleite in Chelsea noch mit fehlendem Glück erklärt werden (Latte, Pfosten, Linie), hat der uninspirierte Auftritt gegen Madrid, gleichbedeutend mit der ersten Heimniederlage seit 54 Spielen, alle Alarmglocken schrillen lassen. "Die Mannschaft wirkt festgefahren, ohne Punch, ohne Biss, ohne Alternativen im Angriff, die gewohnten Mechanismen funktionieren nicht und die Abhängigkeit von Messi wird noch deutlicher, wenn er mal nicht trifft", schrieb die klubnahe Zeitung "Sport".

Noch im Dezember boten die Katalanen beim 4:0 gegen den FC Santos im Weltpokalfinale eine der vollkommensten Aufführungen der Fußball-Geschichte. Ein paar mauere Darbietungen im Ligaalltag erschienen nur zu verständlich, bei anderen großen Teams ist Übersättigung schon mal schneller eingetreten. Vollkommen neu in der knapp vierjährigen Ära von Trainer Pep Guardiola ist jedoch, dass Barcelona ein Spiel auf Leben und Tod so fahrig bestritt wie das vorweg genommene Meisterschaftsfinale gegen Madrid.

Guardiola selbst kann dabei als Indiz dafür gewertet werden, dass bei Barca schon länger nicht mehr nur Milch und Honig fließen. Der Coach hat immer noch keine Auskunft über seine Zukunftspläne nach der Saison gegeben. Es gibt Meinungsverschiedenheiten mit Klubpräsident Rosell über die strategische Ausrichtung des Kaders, und es gibt vor allem frühere Äußerungen des Trainers. Guardiola hat nie einen Hehl daraus gemacht, dass er dann gehen will, wenn er das Gefühl hat, bei den Spielern keine Impulse mehr setzen zu können.

Ist dieser Zeitpunkt erreicht? Gegen Madrid missriet ihm erstmals in einer bedeutenden Partie die Taktik, und fünf Stunden vor Spielbeginn wurde bereits die Mannschaftsaufstellung in diversen Medien verbreitet; offenkundig gefüttert durch eine Quelle direkt aus dem Team. Derlei Indiskretionen aus der Kabine waren in der Ära Guardiola bisher unbekannt. Dazu kommt das größte Rätsel der vergangenen Wochen - die Zurückversetzung von Gerard Pique. Am Montagabend immerhin erschien der Verteidiger zur Abschlusspressekonferenz, was als Zeichen gewertet wurde, dass er zum Rückspiel wieder auf den Platz darf. Noch entscheidender wird angesichts eines wohl erneut ganz auf Blockade ausgerichteten Chelsea allerdings die Offensive. Doch Xavi wirkt müde, Iniesta unpräzise, Villa ist immer noch verletzt, Pedro außer Form. Bleibt nur noch einer: Lionel Messi hat diese Saison schon famose 63 Treffer (in 53 Spielen) erzielt und Barcelona damit oft am Leben gehalten. Aber gegen Chelsea hat er in sieben Duellen noch keinen Treffer erzielt.