Volleyball

Lokomotive Berlin

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Florian Kinast

Wie eine ganze Sportart in Deutschland vom Triumph der BR Volleys profitieren soll

- Eine knappe Stunde nach dem letzten Ball kamen Scott Touzinsky die Tränen. Immer wieder wischte sich der Außenangreifer der Berlin Recycling Volleys über die Augen, glücklich und gerührt. Der US-Amerikaner sagte, dass er mit dem Titelgewinn seinen Auftrag nun erfüllt habe. Dass er sich jetzt freue, mit Frau und Kind heim nach Kalifornien zu fliegen. Dass er bis zum Karriereende in Deutschland spielen möchte. Und dann, ganz zum Schluss, sprach Touzinsky noch von einem "giant step", von einem gewaltigen Schritt für seine Sportart Volleyball. Hin zu mehr Aufmerksamkeit, zu mehr Präsenz im Fernsehen, zu einer Professionalisierung.

Eine Meisterschaftsentscheidung im fünften Spiel im fünften Satz nach Abwehr von zwei Matchbällen, mehr Drama ging nicht als in dieser Finalserie. Wie sich Volleyball in der deutschen Sportlandschaft etablieren könnte, auch davon hatte Touzinsky klare Visionen. "Wir müssen rein in die Großstädte. Düsseldorf, Stuttgart, Hamburg. Nur wenn dort Teams in großen Hallen spielen, bekommen wir auch den Schub." Den Schub, der dringend nötig ist, wie der Olympiasieger glaubt, denn allein die Spielstätte vom Sonntag sorgte bei ihm für Entsetzen. "Es darf eben nicht mehr sein, dass ein fünftes Finalspiel in so einer Turnhalle stattfindet."

Haching will auch umziehen

1512 Zuschauer füllten die damit ausverkaufte Arena am Utzweg. Leicht hätten die Hachinger deutlich mehr Karten an den Volleyball-Fan bringen können, aber für einen Umzug in die Arena der Basketballspieler des FC Bayern mit Platz für 7000 Zuschauer zehn Kilometer nördlich fehlte die Zeit. Die sie aber nun haben bis zur nächsten Saison, und da wird es Haching doch nach München ziehen. Manager Josef Köck sagte: "Es wird Gespräche geben, dass wir für Topspiele in eine größere Halle ausweichen. Auch wenn wir verloren haben: Die Begehrlichkeit an Volleyball ist in München stark gestiegen."

In Berlin ist die Begehrlichkeit schon längst da. 63.224 Zuschauer bei den Heimspielen in der Schmeling-Halle, mehr kamen in Deutschland in einer Saison noch nie zu einem Volleyballverein. Der Sport ist angekommen in der Hauptstadt, auch bei Klaus Wowereit, der den neuen Meister als "wunderbares Aushängeschild der Sporthauptstadt" bezeichnete und damit auch Kaweh Niroomand entzückte. "Wow, der Wowereit gratuliert uns", sagte der Volleys-Manager, "ich bin begeistert." Wenig später sprach Niroomand, der sein Team als "Lokomotive für die anderen Klubs" sieht, auch schon von einer "neuen Ära".

Und er meinte damit weniger, dass seine Berliner jetzt ähnlich monoton Serienmeister werden wie die vergangenen Jahre Friedrichshafen. Sondern vielmehr, dass der Erfolg in Berlin und der Zuspruch des Publikums massiv hilft auf dem Weg zur Professionalisierung des Volleyballs.

Der gewaltige Schritt, von dem Touzinsky gesprochen hatte. "Jetzt müssen wir dieses Momentum ausnutzen", forderte Niroomand. "Wir haben eine Verantwortung gegenüber der gesamten Liga." Die Hauptstadt der Republik soll nun Motor für Volleyball sein - und nicht mehr eine Kreisstadt am Bodensee. Die bisherige Zugmaschine Friedrichshafen, von nun an nur noch einer von zehn angehängten Wagen in der Bundesliga-Eisenbahn. Hinter der Lok Berlin.

Neid spüren sie in Friedrichshafen dennoch nicht, vielmehr gab es dort von Manager Stefan Mau Lob und Anerkennung: "Vor allem die Spiele in Berlin haben gezeigt, dass Volleyball funktioniert, wenn die Rahmenbedingungen stimmen. Das müssen jetzt ganz viele Leute sehen." Beim Ligaverband etwa, wo es nun bald um einen Fernsehvertrag gehen dürfte, um mehr Fernsehzeiten, mehr Sponsorengeld.

Feier beim Italiener in Schöneberg

Bundestrainer Vital Heynen jedenfalls ist zuversichtlich. "Solche Spiele sind beste Werbung für uns, mit Spannung bis zum Schluss, mit zwei Teams auf Augenhöhe", sagte der Belgier. "Berlin und Haching waren ganz eng zusammen." Nur am Abend, in der Gefühlswelt und bei den Feierlichkeiten, da trennten sie Welten. Die untröstlichen Hachinger um Trainer Mihai Paduretu und Kapitän Max Günthör verzogen sich kurz in den VIP-Raum der Halle, dann ging es bald heim, jeder für sich. Die Berliner um Trainer Mark Lebedew dagegen feierten bei einem Italiener in Schöneberg gemeinsam bis tief in die Nacht. Erst gegen vier Uhr am Morgen machten sich die Spieler auf den Heimweg, dann doch erschöpft und müde. Irgendwann ging auch der Lokomotive der Dampf aus.