Eisbären erzwingen fünftes Endspiel

Travis Mulock schießt seine Mannschaft zum 6:5-Sieg in Mannheim - nach einem 2:5-Rückstand

- Es war einer dieser Tage, die kaum jemals in Vergessenheit geraten werden. Für die eigentlich kaum genug Worte zu finden sind, und die trotzdem alle nicht richtig beschreiben können, was da geschehen ist. Deshalb stand Don Jackson da und wollte gar nicht viel erzählen. Seine Mannschaft war fast am Boden, lag eigentlich aussichtslos zurück. Drei Tore unterschieden die Adler Mannheim und den EHC Eisbären bei nicht einmal mehr 14 zu spielenden Minuten. Auf den Tribünen klatschten sich die Fans der Mannheimer bereits ab, sie waren sicher, dass die Adler dieses vierte Spiel der Finalserie in der Deutschen Eishockey-Liga (DEL) gewinnen würden - und damit auch nach 2007 wieder den Meistertitel. Aber dann ging alles ganz schnell, im Angesicht der Niederlage bäumten sich die Eisbären auf, glichen das Spiel aus und gewannen durch einen Treffer von Travis James Mulock in der Verlängerung (64.) mit 6:5 (1:2, 1:1, 3:2, 1:0). "Das war eines dieser Spiele, die nur schwer zu erklären sind", sagte Jackson. Er war einfach nur stolz auf sein Team und froh über den Sieg.

Damit gibt es nun also eine fünfte Partie am Dienstag in Berlin, in der endgültig der Meister des Jahres 2012 ausgespielt wird (19.30 Uhr, O2 World und Sky live). "Wir haben die Tore zur richtigen Zeit gemacht", sagte Mulock, "genau da, als wir sie brauchten." Glücklich stand er vor der Kabine, vielleicht war er sogar noch etwas glücklicher als alle anderen Berliner. Er sprach vom wichtigsten Tor seiner Karriere. Denn es hatte eine Vorgeschichte. Zwei Tage zuvor hatte der Deutsch-Kanadier in Berlin einen Puck vertändelt und den Adlern damit geholfen, das dritte Spiel zu gewinnen. Deshalb waren die Mannheimer im Vorteil, mit der Option, daheim den Titel zu erobern. "Ich war nie vorher so frustriert gewesen wie nach diesem Spiel", sagte Mulock. Er hat sich rehabilitiert. Ihm war anzusehen, wie sehr er sich von einer Last befreit fühlte.

Mulock gab genug her für die Geschichte des Spiels, doch er war keineswegs der Mann des Tages. Es gab noch andere, wie den unglaublichen Verteidiger Jim Sharrow, der zwei Treffer erzielte, darunter das enorm wichtige 3:5 (46.) nur Sekunden, nachdem die Adler das Spiel vermeintlich entschieden hatten. Da war Tyson Mulock, der Bruder von Travis, der bislang ein schwaches Play-off ablieferte, aber sechs Minuten vor dem Ende zum 5:5 traf und die Verlängerung erzwang.

Letztlich hatte dieses Spiel aber viele Helden, danach stand nur die Leistung der Mannschaft im Vordergrund, die so gekämpft hatte, wie es nur selten zu sehen ist. Der einfach das Glück zu fehlen schien, weil den Adlern ein paar leichte Tore gelangen und die Berliner sich alles hart erarbeiten mussten. "Ich bin wahnsinnig stolz, dass ich dieses Spiel mitmachen durfte", sagte Sven Felski. Er erlebt nun am Dienstag seine 1000. Erstligapartie für die Eisbären.

Die war lange nicht in Sicht, weil die Adler so auftraten, wie sie es bislang immer in der Serie taten, fast fehlerfrei in der Defensive und mit druckvollen Angriffen. Gleich nach 42 Sekunden gerieten die Berliner in Rückstand. Während sie vieles versuchten und probierten, gelang den Eisbären doch eher wenig. Sharrows Ausgleich (7.) hielt nur kurz, bei den Adlern lief vieles wie von selbst, auch wenn sie den Puck nicht zum Tor brachten, landete er im Netz - 1:3 stand es nach 32 Minuten. Immerhin vermittelte Mads Christensen den Berlinern mit dem 2:3 etwas Hoffnung (39.), doch als es nur wenig später 2:5 hieß, war die auch wieder dahin. "Im ersten Moment dachte ich nur: Scheiße. Dann habe ich auf die Uhr geschaut", sagte Stürmer Florian Busch.

Unter normalen Umständen wäre es wohl zu spät gewesen, noch einmal in dieses Spiel zurückzufinden. Aber ein Finale ist nicht immer normal. "Wir hatten eine komfortable Situation, dann sind uns Fehler unterlaufen", sagte Adler-Trainer Harold Kreis. Das unmittelbare Gegentor von Sharrow zum 3:5 hatte die Mannheimer verunsichert - und die Berliner extrem motiviert, das Letzte zu geben.

Siegesgewisse Adler geraten in Panik

So wurde diese Partie zu einem epischen Ereignis. Die Eisbären schnürten die Adler, die sichtlich Panik bekamen, nun ein. "Die sind gar nicht mehr aus ihrem Drittel rausgekommen", sagte Felski. Barry Tallackson in Überzahl (46.) und Tyson Mulock schossen die Berliner in die kaum noch für möglich gehaltene Verlängerung. Bevor diese begann, waren noch einmal 15 Minuten Pause, was den Adlern aber nicht ausreichte, sich von diesem Schock zu erholen.

"Das war wahrscheinlich das beste Spiel, bei dem ich je mitgemacht habe", sagte Florian Busch stolz. Es hatte in jedem Fall für viel Fassungslosigkeit gesorgt, zum einen angesichts des Versagens der Adler, zum anderen aber wegen der unglaublichen Willens- und Energieleistung der Eisbären. Die hatte einigen Adler-Fans so viel Angst eingejagt, dass sie dem Zusammenbruch nah vor der Mannheimer Arena weinten.