Volleyball

Happy End für unbeugsame Volleys

Die Berliner gewinnen in Haching das entscheidende fünfte Spiel der Finalserie und sind Meister

- Langsam, ganz bedächtig schlich Mark Lebedew durch die Hachinger Sporthalle, wenige Minuten nach dem letzten Ballwechsel. Um ihn herum tanzten seine Spieler Ringelreihe und Pogo, nur der Trainer des neuen deutschen Volleyball-Meisters genoss den Moment ganz still und alleine für sich.

Die Szenerie erinnerte an das WM-Finale 1990, als Franz Beckenbauer über den römischen Rasen schlenderte, unvergessen. Und für die, die am Sonntag in Unterhaching dabei sein durften, wird auch das entscheidende Play-off-Finale unvergessen bleiben. Das dramatischste Endspiel aller Zeiten, ein unglaublicher Showdown, den die BR Volleys für sich entschieden. Mit 16:14 im fünften Satz des fünften Spiels nach der Abwehr von zwei Matchbällen, nach fast zweieinhalb Stunden. Knapper geht Volleyball nicht und wahnsinniger auch nicht. "Wir können glücklich sein, dass das Spiel bei 16 vorbei war", sagte Lebedew, "wäre es bis 18 gegangen, hätte vielleicht Haching gewonnen. Das war ein Spiel, das kannst du kaum glauben."

Ungläubig wirkte auch Hachings Coach Mihai Paduretu, allerdings schon während des Spiels. Staunend blickte er immer wieder ins Publikum, so ein Spektakel hatte er in seinen 15 Jahren in Haching nicht erlebt. Die kleine Sporthalle am Utzweg war seit Donnerstagmorgen restlos ausverkauft, eine emotionale Atmosphäre, leidenschaftlich, hitzig, phänomenal. Applaus gab es für die 100 angereisten Berliner vom Recycling-Fanklub "7. Mann", Pfiffe nur gegen Mittelblocker Felix Fischer, der natürlich auch diesmal wieder mit seinem Glücksbringer, dem orangefarbenen Stirnband antrat. Seinen hämischen Kommentar nach Berlins 3:0 im zweiten Spiel, wie schön es sei, Haching "niederzumachen und zu demütigen" hatten ihm die Fans nicht verziehen.

Es herrschte Volleyball-Euphorie wie noch nie, in der Halle und draußen auch. Beide Vereine hatten verabredet, den Showdown via Live-Stream auf ihren Homepages zu übertragen, der dann leider unter der Last zusammenbrach. Dazu gab es im Liese-Meitner-Gymnasium nebenan ein Public Viewing für 400 Fans. Und wer immer noch nicht die ganze Klasse und Dramatik der großartigen Finalserie erkannt hatte, der musste nur den grandiosen ersten Satz mitverfolgen. Ein Durchgang, der erst nach 60 Punkten entschieden war. Ein Krimi, den sich die Berliner nach Abwehr von vier Satzbällen mit 31:29 holten, der längste Satz des gesamten Bundesliga-Play-off 2012.

Haching aber wurde besser, die Sätze zwei und drei, 25:22 und 25:21, waren vergleichsweise klare Angelegenheiten für die Gastgeber. Mitte des vierten Satzes bat der Hallensprecher die Zuschauer bereits, zur Siegerehrung sitzen zu bleiben. Ein verfrühter Vormeisterschaftstaumel, denn der Anlauf auf die Zeremonie zog sich hin. Und am Ende wurden dort aus Hachinger Sicht die Falschen geehrt.

Perfekter Geburtstag für Touzinsky

Denn Lebedews Truppe um den herausragenden Paul Carroll kämpfte sich zurück, gewann den vierten Satz 25:18. Dann der Tie-Break bis 15, ein Hin und Her. Bei 13:12 wähnten die Berliner einen Hachinger Schmetterball im Aus, die Schiedsrichter entschieden anders, zwei Matchbälle für Haching. Und der Irrsinn ging weiter, einen Matchball versemmelten die Hachinger ins Aus, den anderen wehrte US-Olympiasieger Scott Touzinsky - passenderweise an seinem 30. Geburtstag - ab. "Mit dem besten Block meines Lebens", wie er später sagte, "davon werde ich noch meinem Sohn erzählen." Haching mit den Kräften am Ende, Berlin kämpfte sich zum 16:14 und ließ die Halle um 17:53 Uhr erstmals an diesem Nachmittag verstummen. Die Gastgeber wirkten geschockt, entsetzt. "Wir hatten das Ding so auf der Pfanne", sagte Christian Dünnes, während ein paar Meter weiter Felix Fischer mit der Schale durch die Halle lief, "das war die beste Saison der Hachinger Vereinsgeschichte. Und dann ist alles doch nur unter ferner liefen."

Und auch Lebedew, zwischen dem und seinem Kollegen Paduretu es nur einen unterkühlten Händedruck gab, schien fast Mitleid zu haben: "Beide hätten sich den Titel verdient", sagte der Coach, "aber nur einer kann mit der Schale nach Hause gehen. Das war jedenfalls beste Werbung für Volleyball." Das sah auch Scott Touzinsky so. "Genauso sollte ein fünftes Spiel sein. Eine Schlacht, die verrückter nicht sein kann."

Kurz vor sieben Uhr am Abend hatte sich die Halle geleert, die Berliner waren mit der Schale auf dem Weg Richtung Flughafen. Der Wahnsinn von Haching hatte an diesem Tag ein Ende. Für den Volleyball in Deutschland geht es nach diesem Spiel vielleicht erst richtig los.