Champions League

"Ronaldo zu sehen, ist ein Genuss"

Paul Breitner über den Superstar von Real Madrid und Bayerns Chancen heute im Halbfinale der Champions League

- Es ist das größte Champions-League-Spiel mit deutscher Beteiligung seit knapp zwei Jahren: Am Dienstagabend (20.45 Uhr, Sat.1 und Sky live) empfängt Bayern München im Halbfinal-Hinspiel Real Madrid. Paul Breitner, im Vorjahr 60 Jahre alt geworden, ist in beiden Klubs eine Legende. Mit Real gewann der Weltmeister zwischen 1974 und 1977 zweimal die spanische Meisterschaft und einmal den Pokal. Mit den Bayern wurde er Europapokalsieger und fünfmal Deutscher Meister. Morgenpost-Redakteur Julien Wolff sprach mit Breitner.

Berliner Morgenpost:

Herr Breitner, wie sehr freuen Sie sich auf das große Duell am Dienstagabend?

Paul Breitner:

Sehr. Ich habe ja die Viertel- und Halbfinalpaarungen ausgelost und dabei versucht, alles Mögliche für den FC Bayern zu tun (lacht). Dass es nun gegen Real geht, ist eine schöne Fügung. Allerdings sehe ich dieses Halbfinale seit dem vergangenen Samstag mit gemischten Gefühlen.

Wieso?

Ich kann nur hoffe, dass unsere Mannschaft das Verpassen des deutschen Meistertitels wegsteckt. Und die Leistung bringen kann, die nötig ist, um gegen Real weiterzukommen.

Viele sagen: Entweder kriegt die Mannschaft durch den verpassten Titel einen Knacks - oder sie entwickelt eine Jetzt-erst-recht-Mentalität.

Einen gewissen Knacks haben wir Samstag sicher erfahren, das müssen wir nicht schönreden. Die Meisterschaft wäre meiner Meinung nach von drei möglichen Titeln der gewesen, der mit einem Sieg in Dortmund am einfachsten einzufahren gewesen wäre.

Ist es ein Nachteil, dass die Bayern zunächst zu Hause spielen?

Früher habe ich lieber zuerst zu Hause gespielt. Wenn ich da mit einem knappen Sieg vom Platz gehe, kann ich auswärts erst mal schauen, was der Gegner macht. Und kann in aller Ruhe meine Konter setzen.

Auf was kommt es gegen Real an?

Wir brauchen zweimal absolute Normalform.

Nur Normalform?

Darunter verstehe ich, dass die Mannschaft in der Summe an 100 Prozent Leistungsfähigkeit herankommt. Also die Bestform. Jeder muss das bringen, was in ihm steckt. Ich weiß, zu was unsere Mannschaft in der Lage ist. Das hat sie in dieser Saison oft genug gezeigt.

Es geht um den Traum von der Teilnahme am Finale in München.

Ich bin einer von 13 Millionen bekennenden Bayern-Fans in Deutschland. Wir alle haben diesen Traum. Niemand weiß, wann es wieder ein Finale in unserem Stadion geben wird.

1976 sind Sie mit Real im Halbfinale des Europapokals der Landesmeister gegen die Bayern ausgeschieden. Welche Erinnerungen haben Sie daran?

Negative. Das Hinspiel in Madrid (1:1 - d.R.) verpasste ich wegen eines Muskelfaserrisses. Deshalb war ich beim Rückspiel in München nur zu 70 Prozent leistungsfähig, wir verloren 0:2.

Was würde ein solches Ausscheiden heute für Madrid bedeuten?

Es wäre heute schlimmer. Wir waren damals im Umbruch. Als ich 1974 kam, hatte Madrid eine völlig überalterte Mannschaft. Mit mir wollte Real eine neue aufbauen, das Ausscheiden haben wir eher nüchtern hingenommen und anerkannt, dass wir noch nicht soweit waren. Heute wäre es ein Rückschlag in der Aufholjagd auf den FC Barcelona. Das wäre viel tiefgehender als zu meiner Zeit. Seit vier Jahren versucht Real, den Anschluss zu finden, und in der Liga sind sie drauf und dran. Dazu gehört aber auch der Gewinn der Champions League, am liebsten im Finale gegen Barcelona.

Was macht den Mythos Real aus?

Real Madrid war und ist der Verein schlechthin, auch wenn er zuletzt nicht so viel gewonnen hat. Vor allem über die fünf Siege im Europapokal der Landesmeister in den 50er-Jahren hat sich Real einen Status erschaffen, der einzigartig ist. Ende der 90er-Jahre sprachen sie von den "Galaktischen", mit Ronaldo, Zinedine Zidane, Luis Figo und David Beckham. Real war aber schon in den Jahrzehnten zuvor eine eigene Fußballgalaxie. Der ehemalige Präsident Santiago Bernabeu hat aus diesem Verein etwas geschaffen, was nach ihm keinem gelungen ist. Mit meinen 60 Jahren erlaube ich mir zu sagen: Bernabeu war der einzig weise Mann, den ich in meinem Leben getroffen habe.

Erinnern Sie sich an den Moment, in dem Sie erfuhren, dass Real Sie haben will?

Klar. Dieser Moment hat mein Leben verändert. Am Sonntag hatten wir unser WM-Finale gegen die Niederlande 2:1 gewonnen, am Dienstagmittag Punkt zwölf Uhr kam der Anruf aus Madrid, zeitgleich mit Beginn der Radio-Nachrichten. Ich dachte zunächst, dass mich jemand verschaukeln will. Ich habe dann gesagt, dass ich sogar mit dem Fahrrad nach Madrid kommen würde. Zehn Tage kam von Real dann nichts mehr. Dann riefen sie wieder an, und wir machten den Wechsel perfekt.

Was war das schönste Erlebnis in den drei Jahren bei Real?

Das lässt sich so nicht sagen. Ich habe dort die größte Fußballfamilie erlebt. Sie zu beschreiben, ist kaum möglich. Du musst es erlebt haben. Es waren die schönsten Jahre meines Lebens.

Wären Sie als Spieler zurechtgekommen mit dem heutigen Trainer Jose Mourinho?

Ich bin kein Mensch für hätte, würde, könnte. Früher hieß es, Bernabeu sei ein Tyrann und Alleinherrscher. Es wurde Geschichten in die Welt gesetzt, da hat sich mir der Magen umgedreht. Das ist mit Mourinho ähnlich. Ich habe bis heute gute Kontakte nach Madrid und weiß, dass die Spieler ihn unheimlich schätzen. Mourinho hat eine hervorragende Art, mit ihnen umzugehen.

Und was denken Sie über Reals Superstar Cristiano Ronaldo?

Viele sehen nur irgendwelche Werbefotos von ihm oder Bilder, auf denen sein Luxusauto abgeschleppt wird. Seine überragenden Leistungen werden oft überhaupt nicht respektiert. Das ist lächerlich und von Neid geprägt. Ronaldo ist einer der besten Spieler der Welt. Zwar ein kleines Stück hinter Lionel Messi vom FC Barcelona, der für mich über allem steht. Aber Ronaldo hat sich in Madrid überragend entwickelt und ist ein Teamplayer. Er weiß einfach, wann er sein Ego in den Vordergrund stellen muss, um der Mannschaft zu dienen. Es ist ein Genuss, ihn spielen zu sehen.

Wie können die Bayern ihn aus dem Spiel nehmen?

Das müssen Sie Jupp Heynckes fragen.

Ihr Tipp für das Halbfinale?

Wollen Sie mich verschaukeln? Denken Sie, ich sage, dass wir ausscheiden? Tippen ist Wunschkonzert. Ich wünsche mir, dass der FC Bayern weiterkommt. Egal mit welchem Ergebnis.