Remis gegen Leverkusen

Zehn Herthaner holen einen Punkt

Berliner erkämpfen 3:3 in Leverkusen: Tore von Lasogga und Torun reichen nicht zum Sieg

- In der jüngeren Geschichte von Hertha BSC nimmt Leverkusen einen exponierten Stellenwert ein. Die Erinnerung an die BayArena und den Mai 2010 schmerzt jeden Fan der Blau-Weißen: Ebendort hatte der Hauptstadtklub vor zwei Jahren nach langem Leiden in der Saison 2009/10 endgültig seine Bundesliga-Zugehörigkeit verwirkt. Ähnliches stand diesmal noch nicht zu befürchten. Durch ein 3:3 (0:1) bei der Werkself, das eine veritable Achterbahnfahrt der Gefühle war, hat Hertha zumindest noch immer etwas Hoffnung, den erneuten Sturz in den Abgrund der Zweiten Liga verhindern zu können.

Den Satz zu einem wirklich bemerkenswerten Spiel sprach Tunay Torun, mit zwei Toren maßgeblich am Punktgewinn beteiligt: "Wenn uns nach dem 0:2 jemand gesagt hätte, dass wir noch unentschieden spielen - zumal dann später in Unterzahl -, wären wir damit wohl zufrieden gewesen. Das sind wir auch, aber auch traurig, weil wir zwischenzeitlich in Führung lagen."

Im Detail drehten erst per Kopfball der eingewechselte Pierre-Michel Lasogga (63. Minute) und Torun (71., 77.) einen Zwei-Tore-Rückstand in ein 3:2 für die Berliner. Zwischendurch flog mit Levan Kobiashvili zum siebten Mal ein Hertha-Profi mit Rot vom Platz (Saisonrekord vor Köln/sechs) und parierte Torwart Thomas Kraft auf spektakuläre Weise einen Foulelfmeter von Rolfes, ehe Stefan Kießling mit seinem zweiten Tor im Spiel (84.) noch für dasselbe Endergebnis wie schon im Hinspiel sorgte. "Bitter", fand diesen Gegentreffer nach einer Standardsituation Mittelfeldspieler Andreas Ottl: "Das zieht sich unangenehm durch unsere Saison."

Hoffen auf Gladbach

Ob der eine mit viel Willensstärke erkämpfte Punkt letztlich hilft, werden die Mannen von Trainer Otto Rehhagel erst nach den Sonntagsspielen wissen. "Wir können nur hoffen, dass der Punkt etwas wert ist", sagte Kobiashvili. Fakt ist: Durch das Augsburger 2:1 in Wolfsburg beträgt der Rückstand auf den rettenden Tabellenplatz 15 nun schon kaum noch aufzuholende fünf Punkte; und gewinnt der 1.FC Köln heute bei Borussia Mönchengladbach, gerät bei dann vier Zählern Abstand drei Spieltage vor Ende selbst der Relegationsrang so langsam außer Reichweite. "Alle gewinnen, aber wir sind weiterhin im Rennen und geben uns nicht auf", sagte Rehhagel. Gleichzeitig mahnte Rechtsverteidiger Christian Lell zu Realismus: "Wir sollten keine Märchen erzählen, für uns geht's nur noch darum, Köln abzufangen." Um den Relegationsplatz also, das Minimalziel des Aufsteigers.

In gewisser Weise hatten sich an diesem Nachmittag am Rhein sogar gleich zwei Fußballspiele zugetragen. Das erste war ein kaum zu ertragendes, weil zäh und beiderseits bewegungs- und chancenarm. Wenn Rehhagel vorher angekündigt hatte, seine Mannschaft würde "kämpfen wie die Löwen", so war davon im Ernstfall nichts mehr zu sehen. Fast eine Stunde lang waren die Berliner Spieler in kaum zu glaubender Art und Weise nicht wie von Rehhagel gefordert "der dramatischen Situation gewachsen". Als traurige Pointe für die Berliner lief es für sie, wie es für eine Mannschaft im Tabellenkeller nun mal so läuft: Hüben traf Änis Ben-Hatira den Ball nach Lell-Zuspiel nicht richtig und vergab eine gute Einschussgelegenheit (42.). Und drüben genügte zwei Minuten später Nationalspieler Schürrle eine schnelle Bewegung nach innen, damit der zu weit entfernt verteidigende Lell düpiert war - einen herrlichen Schuss unter die Latte später führte Bayer mit 1:0.

Das zweite Fußballspiel begann mit Wiederanpfiff - und wurde spätestens nach dem 2:0 für Leverkusen (Kießling, 51.) zum Krimi. Kießling setzte sich gegen Aushilfs-Innenverteidiger Niemeyer, Lell, noch mal Niemeyer und zuletzt Ottl durch und erzielte sein erstes Karrieretor gegen Hertha.

Rot für Kobiashvili, Kraft glänzt

Als das nächste Debakel drohte, entdeckte Hertha den Biss im Abstiegskampf. Kobiashvili riss Derdiyok im Strafraum um. "Ich ziehe ihn kurz, aber weiß nicht, ob man dafür Elfmeter geben muss", haderte der Sünder. Es gab Rot für den Georgier und Strafstoß für Bayer. Da wurde Thomas Kraft zum "aggressive leader" seiner Mannschaft: Er bot Schütze Rolfes die von ihm aus gesehen rechte Ecke an - und flog und boxte den Ball gegen die Latte.

Es war der erste Weckruf des ehrgeizigen Keepers, der erkennbar mehr als mancher Kollege unter keinen Umständen absteigen will. Deutlich formulierte er seine Kritik an den Vorderleuten: "Es ist mir unbegreiflich, dass eine Mannschaft im Abstiegskampf so ängstlich spielt wie wir. Dass wir erst zwei Gegentore und einen Platzverweis gegen uns bekommen müssen, ehe wir aufwachen."

Einen zweiten, ganz persönlichen Weckruf verdiente sich anschließend der eingewechselte Torun. Den Offensivspieler rüffelte Kraft für allzu läppische Arbeit in der Rückwärtsbewegung. "Obwohl wir in Unterzahl waren, haben nicht alle mit nach hinten gearbeitet", sagte Kraft: "Da habe ich Torun gesagt, er soll auch mit nach hinten laufen."

Raffael vergibt den Sieg

Kollege Ottl, der die Szene aus der Nähe mitbekam, schmunzelte: Kraft "ist halt sehr emotional". Doch der Gerüffelte nahm die Schelte an. "Er hatte damit wahrscheinlich recht", gestand Torun, "er hat mich wachgerüttelt." Wenn auch vor allem derart, dass der Deutsch-Türke nun noch immer nicht der vorderste Verteidiger war. Dafür rannte Torun so zielgerichtet nach vorne, dass er den ersten Tor-Doppelpack seiner Bundesliga-Karriere schnürte. Erst vollendete er eine Stafette über Raffael und Rukavytsya - Ausgleich, 2:2. Anschließend veredelte Torun einen weiteren über Raffael geführten Konter. Barnetta hatte eine abenteuerliche Kopfballrückgabe gespielt, in die der Brasilianer eiskalt hineinstartete. Einen dritten Konter gegen in der Defensive nun vogelwilde Leverkusener vergab Raffael - und damit die Entscheidung. "Den hätten wir setzen müssen", tadelte Rehhagel seinen Spielmacher. Der hätte "meinen schachbrettartigen Kombinations-Konter spielen müssen", formulierte es der Trainer ein wenig ungelenk.

Stattdessen verdarb nach einem ungeschickten Foul von Morales der sträflich ungedeckte Kießling die Hoffnung auf den so wichtigen Auswärtssieg. "Aber das Team hat Moral gezeigt", sagte Rotsünder Kobiashvili, sogar "sensationell" fand sie Trainer Rehhagel. Doch ob das allein am Saisonende für den Klassenerhalt reicht? Es bleibt spannend.