Motorsport

Die Formel 1 wird weiblich

Zwei Frauen im Cockpit, eine wird Teamchefin: In den Machozirkus ist Bewegung gekommen

- Das erste Fettnäpfchen im neuen Job muss Susie Wolff am Montag umgehen. Frank Williams, Mitbesitzer des gleichnamigen Formel-1-Rennstalls und 1999 von der Queen zum Ritter geschlagener Multimillionär, feiert seinen 70. Geburtstag. Natürlich hat er auch seine neue Entwicklungsfahrerin eingeladen. Die sollte bei der Auswahl eines passenden Geschenks jedoch mehr als behutsam vorgehen. "Sir Frank mag Geburtstage nicht", verriet ein Williams-Mechaniker: "Und er hasst Glückwunschkarten."

Wer die Rennen kennt, die die 29 Jahre alte Schottin seit 2006 in der Deutschen Tourenwagen-Meisterschaft (DTM) abgeliefert hat, weiß, dass sich niemand Sorgen um Wolffs Fingerspitzengefühl machen muss. "Der Formel-1-Test ist gut für Susie, gut für Williams und gut für die DTM, die zusätzlich in einen Blickpunkt kommt", sagte Norbert Haug, der Motorsportchef ihres DTM-Teams Mercedes. Obwohl Wolff Williams' Formel-1-Boliden zunächst nur im Simulator und bei Aerodynamik-Tests besteigen wird, steht sie für einen Paradigmenwechsel: Der vermeintliche Machozirkus Formel 1 wird zunehmend weiblicher.

"Ich erkenne einen Trend hin zu mehr Frauen. Es gibt eine Ingenieurin bei Red Bull, die Fernsehsender aus Spanien und England schicken immer mehr Moderatorinnen zu den Rennen, in den Motorhomes arbeiten mehr Frauen als Männer", sagte Tanja Bauer, die seit 1996 für diverse Fernsehsender über den schnellsten Kreisverkehr der Welt berichtet, im Gespräch mit der "Morgenpost": "Warum ich allerdings im deutschsprachigen Raum immer noch die einzige Frau bin, verstehe ich auch nicht." Die neue Weiblichkeit der Formel 1 endet jedoch nicht an der Boxengasse, wo früher die legendären Grid Girls in ihren knappen Kostümen für die Frauenquote sorgten - im Gegenteil: Sie beginnt dort erst richtig

Als Monisha Kaltenborn vor einigen Jahren als Abgesandte des Sauber-Rennstalls zu Vertragsverhandlungen ins Ferrari-Quartier nach Maranello reiste und den mit lauter italienischen Männern gefüllten Konferenzraum betrat, starrten die Scuderia-Bosse verblüfft auf die Tür hinter ihr. "Und wo bleibt Peter Sauber?", fragten ihre Blicke, ehe die gebürtige Inderin klarstellte, dass sie die Ansprechpartnerin sei und sonst niemand. Damals war sie noch einfaches Mitglied des Managements, in der kommenden Saison steigt sie zur mächtigsten Frau der Formel 1 auf.

Wenn sich Teamgründer Sauber zurückzieht, übernimmt Kaltenborn endgültig die Führung des Rennstalls. Als Geschäftsführerin gilt sie schon jetzt als Mutter des Überraschungserfolgs bei Sauber, für die der Japaner Kamui Kobayashi im Qualifying zum Großen Preis von China überraschend Platz drei eroberte. Stallgefährte Sergio Perez war vor drei Wochen in Malaysia sensationell als Zweiter ins Ziel gekommen und hatte dabei WM-Favoriten wie Sebastian Vettel und Lewis Hamilton distanziert. Nach eigenen Angaben hat Kaltenborn noch nie in einem Formel-1-Auto gesessen: "Ich muss das nicht haben." Stattdessen schreite sie die Strecke vor jedem Grand Prix zu Fuß ab und ziehe dadurch Rückschlüsse auf Strategie und Schlüsselstellen im Rennen. "Die Fahrbahn mit eigenen Augen zu sehen, ist eindrücklich", sagt sie.

Auch Moderatorin Tanja Bauer macht keinen Hehl daraus, dass ihr fehlt, was viele Alteingesessene als "Stallgeruch" verklären: "Die Frage, wie viele Zylinder ein Motor hat, ist für mich persönlich nicht so spannend wie die Fahrer. Ich versuche, einen menschlichen Ansatz zu finden und keinen technischen. Der weibliche Zugang wird dem eher gerecht als ein männlicher, weil wir einfühlsamer sind." Etwas Ähnliches meint Monisha Kaltenborn, wenn sie sagt: "Als Frau habe ich einen Sinn dafür, was finanziell und personell möglich ist."

Gleichzeitig hat sie das alte Vorurteil vom Mangel an Verständnis für Technik längst widerlegt. Gemeinsam mit Gille Jones, die als Elektronikingenieurin bei Red Bull die Feinabstimmung von Vettels Dienstwagen verantwortet, ist sie Vorbild für alle Frauen, die in die Königsklasse des Motorsports drängen.

So wie Maria de Villota beim Saisonauftakt in Melbourne. Die 32 Jahre alte Spanierin ist die neue Testfahrerin für Timo Glocks Rennstall Marussia und hofft auf baldige Nachfolgerinnen: "Meine Botschaft ist: Macht einfach weiter, selbst wenn jeder sagt: Das schafft ihr niemals!"

Mit Ausnahme von Danica Patrick, die zwischen 2005 und 2011 in der amerikanischen Indycar-Meisterschaft fuhr und inzwischen in einem Nascar-Rennwagen sitzt, haben sich kaum Frauen in großen Rennserien etablieren können. In der Geschichte der Formel 1 qualifizierten sich gerade einmal fünf Frauen für einen Grand Prix. Ihre überschaubare Ausbeute: ein halber Punkt für Lella Lombardi aus Italien beim Preis von Spanien anno 1975. Für einen sechsten Platz. Heute fehlt es den meisten Nachwuchsfahrerinnen an entsprechender Förderung. Denn noch brauchen die Frauen ein wenig Anschubhilfe. Susie Wolffs Ehemann Toto besitzt 20 Prozent der Anteile am Williams-Rennstall und war ein mächtiger Fürsprecher bei der Besetzung des Postens. Maria de Villotas Vater war in den Siebzigern selbst Formel-1-Pilot. Kritiker sehen in ihrer Nominierung einen Werbegag von Marussia. Und auch Monisha Kaltenborn hatte ihre Lektion zu lernen. Als sie zum ersten Mal die Rennstrecke ablief, trug sie Sandalen. Am Abend raubten ihr schmerzhafte Blasen an den Füßen den Schlaf. Seither trägt sie Turnschuhe.

Für Tanja Bauer steht jedenfalls fest: "Es ist eine Frage des Talents. Eine Frau in einem Formel-1-Cockpit ist nur noch eine Frage der Zeit."