Shanghai

Vettel in der Krise der Champions

Auch Senna und Prost hatten als Formel-1-Weltmeister Probleme. Am Ende aber triumphierten sie

- Narain Karthikeyan musste vom Schlimmsten ausgehen. Drei Wochen ist es her, dass er bei einem Überrundungsmanöver den Weg von Sebastian Vettel gekreuzt und dieser ihn nach der Kollision mit Flüchen und Verwünschungen bombardiert hatte. Keiner der beiden hatte sich seither zu einer Entschuldigung bewegen lassen. Jetzt nahm der Deutsche kurz vor dem ersten Zusammentreffen am Rande des Großen Preises von China in Shanghai (Sonntag, 9.00 Uhr, RTL und Sky) auch noch Kung-Fu-Unterricht.

Reiner Zufall, wiegelte der zweimalige Formel-1-Weltmeister ab. Das Gespräch sei frei von jedem Kampfsport und auch sonst in einem vernünftigen Rahmen verlaufen. "Ich habe ihm nicht gedroht, dass ich ihn absteche", sagte Vettel, "er hat sich entschuldigt. Natürlich habe ich mich aufgeregt, dafür bin ich zu ehrgeizig."

Symptome eines Lernprozesses

Diesen Ehrgeiz hatten die Ersten nach dem Großen Preis von Malaysia, den der 24-Jährige nach dem Zusammenstoß mit Karthikeyan als Elfter beendet hatte, als Vorboten einer Krise gedeutet. Sobald er nicht gewinnt, verliert er die Kontrolle, hieß es. Dabei war Vettels Wutausbruch vielmehr Symptom seines Lernprozesses.

Trotz seiner zwei WM-Titel hintereinander gehört der Heppenheimer weiterhin zu den jüngeren Piloten im Fahrerfeld, und eine Situation wie die derzeitige hat er in seiner Karriere noch nicht erlebt. Die Erwartungshaltung in seinem Umfeld ist gigantisch. Das war sie nach dem ersten WM-Titel anno 2010 auch, doch da lief der Start in die Folgesaison mit fünf Siegen aus den ersten sechs Rennen so perfekt, dass Vettel zwischen seinen Erfolgen gar keine Zeit hatte, sich Gedanken über ein mögliches Scheitern zu machen. Die beiden Ergebnisse aus Melbourne (Zweiter) und Sepang (Elfter) lassen diese Gedankenspiele jedoch zu.

"Voriges Jahr hatten wir auch Probleme. Aber jetzt sind sie anders und auf jeden Fall größer", sagte der Red-Bull-Fahrer: "Bis jetzt ist der McLaren das schnellste Auto. Aber es sind erst zwei Rennen gefahren. Es ist nicht so, dass ich mit fünf Sekunden Rückstand auf Platz 20 rumfahre." Vettel klagt auf hohem Niveau.

Dramatik in Suzuka 1989

Nachdem seine Weltmeister-Vorgänger Ayrton Senna und Alain Prost ihre ersten Titel gewonnen hatten, gerieten sie in vergleichbare Turbulenzen. Nach seinem überlegenen WM-Sieg 1985 startete der Franzose Prost mit einem Ausfall und einem dritten Platz in die neue Saison. Auch damals schienen seine Rivalen Nigel Mansell und Ayrton Senna in überlegenen Autos zu sitzen. Beim letzten Rennen in Australien übernahm Prost trotzdem wieder die Führung in der Gesamtwertung und krönte sich selbst zum Doppelweltmeister. Senna fiel in seinem ersten Grand Prix als Weltmeister 1989 sogar von der Poleposition auf Rang elf zurück, um die folgenden drei WM-Läufe zu gewinnen.

Mehr als mit allen anderen Ex-Weltmeistern verbindet Vettel mit diesem Duo das Selbstverständnis, als Spitzenfahrer ein fast natürliches Anrecht auf den Erfolg zu haben. Auch Senna und Prost fuhren aus der Haut wie vor drei Wochen ihr Nachfolger aus Heppenheim. Beim dramatischen Rennen von Suzuka 1989 beharkten sich beide 47 Runden lang im direkten Duell um den WM-Titel, ehe sie bei einem Überholversuch Sennas kollidierten. Prost schied aus, der Brasilianer wurde nach dem Rennen disqualifiziert. Die Gier nach Erfolg, die sie zu Legenden ihres Sports machte, trieb sie regelmäßig zu riskanten Manövern - und ab und zu auch in den Wahnsinn.

Vor dem Rennen in Shanghai versprüht nun der ohnehin optimistische Sebastian Vettel bewusst noch mehr Zuversicht: "Ich habe vollstes Vertrauen. In mein Team, das Auto und auch in mich selbst. Die Strecke sollte uns liegen." In den vergangenen drei Jahren sicherte er sich jeweils die Poleposition, 2011 wurde er Zweiter. Ein solches Resultat braucht es auch jetzt, um den Rückstand auf das McLaren-Duo Lewis Hamilton und Jenson Button sowie auf Ferrari-Star Fernando Alonso nicht auf einen besorgniserregenden Umfang anwachsen zu lassen. So gesehen ist Vettel tatsächlich in einer Krise - die sich einer verdienen muss.