Hertha BSC

Reichlich Luft nach oben

| Lesedauer: 6 Minuten
Daniel Stolpe und Uwe Bremer

Tore müssen her: Ein Heimsieg gegen Freiburg ist für Hertha heute Pflicht, um im Abstiegskampf noch Chancen zu haben

- Über Ostern hat Rene Tretschok seinen Chef das eine oder andere Mal rüffeln müssen. Hatte dieser Otto Rehhagel da doch immer und immer wieder davon gesprochen, dass Hertha BSC am Mittwoch gegen den SC Freiburg einen Sieg anpeilt. Nun war zwar der Gegner korrekt benannt, schon gar nicht ist der Wunsch nach drei Punkten anstößig - aber der Tag, der Tag: Nicht erst Mittwoch, sondern schon Dienstag (20 Uhr, Olympiastadion) steht Berlins Bundesligist in dieser "Entscheidungsschlacht" (Rehhagel) unter Siegzwang. Denn bei gegenwärtig 27 Punkten und Tabellenplatz 17 ist immerhin diese Aussage des Trainers fünf Spieltage vor Saisonende vollkommen unstrittig: "Unsere drei verbleibenden Heimspiele müssen wir alle gewinnen" - um überhaupt noch begründet auf Rettung im Abstiegskampf hoffen zu dürfen.

Nun sind Mannschaften von Hertha BSC selten einmal dadurch auffällig geworden, dass sie Drucksituationen sonderlich gut absorbieren könnten. Doch erhöht Rehhagel vor der entscheidenden Phase der Saison ganz bewusst den Druck, um auch dem Allerletzten die Brisanz der Lage vor Augen zu führen. Am Montag wiederholte er noch einmal seine Aussage des Wochenendes: "Wir müssen gegen Freiburg unter allen Umständen gewinnen, um weiter im Rennen zu bleiben." Anders ausgedrückt: Schafft seine Mannschaft nur ein Unentschieden oder verliert gar die Partie, wird der Klassenerhalt endgültig zum Vabanquespiel.

Rehhagel lobt die Einstellung

Im Vorfeld tun die Spieler so, als belaste sie ihre missliche Ausgangslage nicht oder nur wenig. In einer Mischung aus Anspannung und Vorfreude formuliert Rechtsverteidiger Christian Lell seine Sehnsucht nach dem "Big Point", den sie nun "endlich sammeln" könnten und wollten. Wie es aussieht, werden sie das Unternehmen in gegenüber dem Mönchengladbach-Spiel unveränderter personeller Besetzung angehen. Auch an der fußballerischen Herangehensweise soll sich nicht grundlegend etwas ändern. "Wir dürfen uns wieder nicht locken lassen", sagt Lell. Aber weil kompakt stehen und Geduld haben allein nicht ausreichen wird, müssen sie, ergänzt Lell, diesmal "die Konter auch nutzen".

Der eine Punkt, den die Berliner sich Ostersonnabend beim 0:0 in Mönchengladbach erkämpft haben, war dabei "wichtig für die Moral", sagt Rehhagel. Er war das Ergebnis einer gut sortierten und entsprechend schwer zu durchdringenden Defensive. Aus einer solchen Kompaktheit heraus, erinnert Lell an die Zeit zu Beginn der Saison, "haben wir vor der Winterpause unsere Punkte gesammelt". Exakt deren 20 waren es; in nun zwölf Rückrundenpartien sind erst sieben Punkte dazugekommen. Doch inzwischen wähnt der als Retter verpflichtete Rehhagel sich und die Seinen auf Erfolgskurs. Die Verunsicherung infolge der regelmäßigen Trainerwechsel sei aus den Köpfen der Spieler vertrieben. Als dritter Chef der Saison nach Markus Babbel und Michael Skibbe habe er "erst mal in kürzester Zeit ein Vertrauensverhältnis zu 40 Leuten aufbauen müssen", sagt Rehhagel. Nun, so scheint es, herrscht im Kader endlich wieder so etwas wie Ruhe. Vielleicht ist im Existenzkampf sogar etwas von der Geschlossenheit zurück, die die Mannschaft bei ihrer "Mission Wiederaufstieg" und auch während der ersten Hälfte der laufenden Spielzeit über eineinhalb Jahre hinweg getragen hat.

Die Einstellung der Mannschaft, insbesondere ihre Laufleistung in Mönchengladbach, "hat zu 100 Prozent gestimmt", lobt Rehhagel. Ob es nun daran lag, dass der Gegner zwei Drittel Ballbesitz für sich verzeichnete, die Berliner dem Spielgerät also meist nachjagen mussten - Fakt ist: Mit 124,8 legte Hertha in Summe exakt fünf Kilometer mehr zurück als die für ihre enorme Laufstärke bekannten Spieler von Gladbachs Trainer Lucien Favre.

Wer kein Gegentor kassiert, sprach Peter Niemeyer, der Dauerläufer aus dem Mittelfeld, einen Satz von unbestechlicher Wahrheit, "hat schon mal einen Punkt sicher". Nichtsdestotrotz hätten sie freilich "gern auch selbst ein Tor geschossen", doch so ist dieser Auftrag nun eben auf das richtungsweisende Spiel gegen Freiburg verschoben. "Offensiv", sagt Kapitän Levan Kobiashvili, "müssen wir zu Hause besser spielen."

Gegner Freiburg im Höhenflug

Dies gegen im Winter schon abgeschlagen geglaubte Freiburger, die als vorläufiger Höhepunkt einer formidablen Rückrunde zuletzt aus sechs Spielen 14 Punkte gesammelt haben. Aber, kein Wunder, solches Zahlenmaterial interessiert einen wie Rehhagel nicht. "Wir dürfen nur auf uns schauen", sagt der Hertha-Trainer: "Wir können nur unsere Spielweise und unser Verhalten beeinflussen." Diese Spielweise und dieses Verhalten soll, so ist der Plan, ziemlich präzise ein Mittelding sein aus Auf-sie-mit-Gebrüll wie gegen Wolfsburg und der kontrollierten Defensive von Mönchengladbach.

In diesen Spielen und erst recht zuvor schon beim 3:1 in Mainz sah Rehhagel "eine Formation, die es drei Mal recht gut gemacht hat". Der Feind des recht Guten aber ist das Bessere - und aller Steigerung gegenüber schwärzesten Phasen dieser Saison zum Trotz: Herthas Spiel hat "noch Luft nach oben", um es mit dem verletzten Andre Mijatovic zu sagen. Wie schon in eklatanter Weise gegen Wolfsburg, wurden auch in Mönchengladbach die sich eröffnenden Konterchancen "nicht sauber zu Ende gespielt", mäkelte Rehhagel. Am Erarbeiten von Torchancen, insbesondere aber an deren Verwertung - "daran arbeiten wir".

Der Auftrag ergeht an die Flügelspieler im Mittelfeld. "Sie müssen Tempodribblings in die Tiefe wagen. Sie sind gute Fußballer, aber in Mönchengladbach haben sie sich das nicht zugetraut", sagt Rehhagel: "Es ist aber nötig, dass sie das machen, wir haben schließlich nur noch fünf Spiele." Und eines braucht Hertha zur Rettung nun mal definitiv: Tore.