Interview

"Rehhagel erinnert mich an Trapattoni"

Gladbach-Trainer Lucien Favre vor dem Duell mit Hertha über den Kollegen und Ziehsohn Raffael

- Zum dritten Mal in dieser Saison begegnen sich an Ostersamstag Hertha BSC und Borussia Mönchengladbach. In beiden bisherigen Duellen hatte das vom ehemaligen Berliner Trainer Lucien Favre gecoachte Team vom Niederrhein das bessere Ende für sich. Vor dem Topspiel des 29. Bundesliga-Spieltages (18.30 Uhr, Sky live) sprach Morgenpost-Redakteur Daniel Stolpe mit Favre über Champions-League-Ambitionen und Abstiegskampf, Otto Rehhagel und Raffael.

Berliner Morgenpost:

Mönchengladbach will in die Champions League, Ihr Ex-Klub Hertha bangt um den Klassenverbleib - Herr Favre, für wen ist die Partie wichtiger?

Lucien Favre:

Es ist keine Floskel, wenn ich sage: Das Spiel ist für beide sehr wichtig. Wir sind auf der Zielgeraden der Saison. Allgemein ist die Bundesliga deshalb so attraktiv, weil es für alle 18 Mannschaften immer um irgendetwas geht: Meisterschaft, Champions League, Europa League oder gegen den Abstieg. Deshalb sind die Stadien auch immer voll.

Ihre Mannschaft hat nur eines der vergangenen sieben Spiele gewonnen, warum?

Dazu müsste ich jedes Spiel separat analysieren.

Wie weh hat die Niederlage nach Elfmeterschießen im DFB-Pokalhalbfinale gegen Bayern München getan?

0:0 nach 120 Minuten - gegen diese Bayern ist das im Moment ein sehr gutes Ergebnis. Zehn Minuten vor Ende der regulären Spielzeit hatten wir sogar eine Topchance zum Siegtreffer. Es war insgesamt ein Superspiel, sehr intensiv. Ja, klar, die Niederlage hat wehgetan. Aber viel schwerer zu verdauen war das 1:2 gegen Hoffenheim, der zweite Rückschlag binnen drei Tagen. Es war total unverdient - aber es musste einmal so kommen.

Was meinen Sie damit?

Wir hatten ein Jahr lang kein Heimspiel verloren und haben 14 Monate insgesamt sehr konstant gespielt. Noch einmal: Dieselbe Mannschaft, die vergangene Saison fast abgestiegen wäre, steht jetzt kurz vor dem Erreichen der Champions League. Unser Ziel war, so schnell es geht 40 Punkte zu sammeln. Jetzt haben wir 51 - und noch 18 Punkte sind zu vergeben.

Schalke ist drei Punkte entfernt. Haben Sie Platz drei und die direkte Zulassung zur Champions League noch im Blick?

Wir sind ehrgeizig geworden. Wir wollen alle Spiele gewinnen, dafür arbeiten wir. Aber wir wissen auch, wie schwer das ist.

Sie waren mit Mönchengladbach lange im Titelrennen. Blicken Sie mit Wehmut auf den Zweikampf Dortmund gegen Bayern?

Ja, klar. Aber wir müssen realistisch sein, sie sind das höchste Niveau. Wir dagegen wollten unbedingt nicht noch einmal Abstiegskampf erleben müssen.

War Herthas Absturz in der Rückrunde vorhersehbar?

Bitte haben Sie Verständnis, dass ich dazu wenig sagen möchte. Nur so viel: Im Fußball kann es schnell gehen. Vieles dabei ist Kopfsache, nicht nur eine Frage von Fußball und Taktik.

Haben Sie bei Hertha das, vorsichtig ausgedrückt, chaotische Drumherum im Blick?

Es ist nicht meine Aufgabe, darüber zu sprechen.

Otto Rehhagel ist der fünfte Berliner Trainer in dieser Saison. Freuen Sie sich auf die Begegnung mit ihm?

Seine Karriere, seine Erfolge mit Bremen, Kaiserslautern und Griechenland - ich finde das unglaublich. Ich bin gespannt darauf, mit Rehhagel zu sprechen.

Kann er Hertha vor dem Abstieg retten?

Das weiß ich nicht. Er ist mehr als erfahren, und dass er jetzt noch einmal den Mut und die Freude hatte, eine Mannschaft zu führen, war für alle eine Überraschung. Es ist zu spüren, dass es ihm noch immer Spaß macht, eine Mannschaft zu trainieren und zu motivieren. Da erinnert er mich an Giovanni Trapattoni. Beide sind gleich alt. Man muss etwas Besonderes haben, um mit 73 noch Trainer zu sein.

In Mainz hat Hertha gewonnen. Dient Ihnen dieses 3:1 als Warnung für Ihre Mannschaft vor dem Tabellenvorletzten?

Ach, wissen Sie, die Tabelle ist nur für die Öffentlichkeit spannend. Wir wissen, was Hertha kann. Sie sind Aufsteiger, und wir waren nicht weit davon entfernt ein Absteiger zu sein. Ich kenne Hertha sehr gut, habe ihre Spiele in Mainz und gegen Wolfsburg gesehen. In der Offensive kreieren sie große Möglichkeiten.

Viel hängt von Raffael und Adrian Ramos ab. Sie haben sie einst zu Hertha geholt.

Nicht nur sie, auch Rukavytsya und Ben-Hatira sind gefährlich. Aber wir sind vorbereitet.

Der italienische Spitzenklub SSC Neapel bietet angeblich zehn bis zwölf Millionen Euro für Raffael. Hat er die Qualität für die Champions League?

Sicherlich. Er ist ein hervorragender Fußballer, er kann Spiele alleine entscheiden. Jeder weiß das.

Sie wissen es besser als jeder andere - und spielen womöglich bald Champions League. Holen Sie Raffael nach Gladbach?

(lacht) Nein, nein. Sie sprachen doch von Neapel.