Fußball

Europapokal wird zur spanischen Meisterschaft

Erstmals fünf Klubs aus einem Land in den Halbfinals

- Dem unterlegenen Schalker Star ging das Herz über. Der Spanier Raul schwärmte über die Kunst seiner Landsleute, obwohl die ihn und sein Team gerade aus der Europa League katapultiert hatte. Der spanische Fußball, sagte also Raul nach dem 2:2 (1:1) im Viertelfinalspiel bei Athletic Bilbao, sei "eine Freude". Die Klubs seiner Heimat hätten "das tolle Potenzial unseres Landes gezeigt". Einige hundert Kilometer weiter nordöstlich fiel die Anerkennung für die spanischen Eroberer etwas nüchterner aus, war angesichts der Übermacht aber auch nicht wegzudiskutieren. Hannover 96 war zu Hause von Atletico Madrid mit 2:1 (0:0) bezwungen worden, nach dem 1:2 im Hinspiel zog das ebenfalls das Aus in der Europa League nach sich. "Atleticos Spielweise war trocken und clever", sagte Hannovers Trainer Mirko Slomka.

Wie auch andernorts. Der FC Valencia triumphierte über den AZ Alkmaar, womit alles in allem ein Stück Geschichte geschrieben wurde. Weil in der Champions League auch Bayern-Gegner Real Madrid und der FC Barcelona in der Runde der letzten Vier vertreten sind, war seit Einführung der Königsklasse im Jahr 1992 keine Nation besser als die Spanier. Fünf spanische Vereine schafften es insgesamt ins Halbfinale, das Endspiel der Europa League wird einer von denen sicher erreichen: Atletico Madrid trifft in der Vorschlussrunde auf den FC Valencia.

In der Fünfjahreswertung der Europäschen Fußball Union (Uefa) wird es deswegen einen Wechsel an der Spitze geben: Spanien löst England ab. Der Europapokal ist zu einer Art spanischen Meisterschaft mit internationaler Beteiligung geworden, der Sportinformationsdienst schreibt von "Spanish Open". Die renommierte spanische Zeitung "El Pais" posaunte stolz: "Spanien dominiert Europa".

Ballbesitz und Offensivgeist

Tatsächlich ist den iberischen Klubs kaum beizukommen. Bilbao etwa wurde von Schalke und insbesondere Raul stets gefordert, hatte aber immer eine Antwort parat. Die Mannschaft steht sinnbildlich für die Riege der spanischen Spitzenvereine - in erster Linie zeichnet sie aus, dass sie nie die Kontrolle verlieren. Sie überraschen nur noch den Gegner, können aber nie von sich selbst überrascht werden. Ballbesitz und Offensivgeist gehören zur Grundausrüstung, Technik, Handlungsschnelligkeit und Kreativität machen sie zum Maß der Dinge. Im Falle Bilbaos reichte das so weit, dass Manchester United entgeistert auf der Strecke blieb. In ganz Europa habe er keine Mannschaft gesehen, die so spielt, sagte Manchesters Trainer Alex Ferguson.

Diese Güte ist auch anderen Klub gegeben. Hannover 96, in der Liga ein Vertreter des flotten Fußballs, wirkte gegen Atletico Madrid wie ein biederer Staubsaugervertreter. Immerhin sei "eine gute Visitenkarte in Europa" abgegeben worden, sagte Hannovers Sportdirektor Jörg Schmadtke. Das ist es dann aber auch. Das große Geschäft wickeln am Ende die Spanier ab. Der Europapokal ist der ehrlichste Gradmesser, um die Qualität einer Liga beurteilen zu können. Wenn es darum geht, wer die besten Teams hat, dann muss der Blick gen Spanien gehen.

Durch ihr Kurzpassspiel sind die Klubs ebenso berühmt wie berüchtigt geworden, doch darauf sind sie längst nicht mehr zu reduzieren. Die Spanier haben erkannt, dass sie damit irgendwann an ihre Grenzen stoßen werden, und entwickelten ihr Spiel weiter. Es richtet sich jetzt rasant gegen den Ball, es wird weit vorn angegriffen und vollzieht sich aus einer straffen Organisation. Es kommt nicht von ungefähr, dass der deutsche Bundestrainer Joachim Löw für die Europameisterschaft im Sommer davon unbedingt Anleihen nehmen will. Löw hat erkannt, dass ein Team spielerisch besser sein muss, um einen großen Gegner zu besiegen.

Die spanische Nationalmannschaft im Kleinformat bilden Barca, Real und Co., und nur die wenigstens können in ihre Phalanx einbrechen. Wurde im Viertelfinale der Champions League noch gejubelt, dass Teams aus sieben Ländern in der Runde der letzten Acht stehen, so beschränkt sich das mittlerweile auf drei - England mit dem FC Chelsea hat es geschafft und trifft nun auf Barcelona. Und eben der FC Bayern im Duell gegen Real.