Bundesliga

Borussia verbessert die Bundesliga

Dortmund rüstet sich zur neuen Kraft im deutschen Fußball und überzeugt mit seiner Attraktivität, wie beim 4:4 gegen Stuttgart

- "Jetzt wissen wieder alle, warum sie so viel für die TV-Rechte blechen müssen. Wir haben uns gedacht: Es geht gerade um die Vergabe der Übertragungsrechte, da befeuern wir den Kampf da oben mal ein bisschen", sagte Jürgen Klopp am späten Freitagabend.

Hinter ihm lag ein Spiel, das in die Bundesligageschichte eingehen wird. Das Duell mit dem VfB Stuttgart endete 4:4, nachdem es zur Halbzeit noch 1:0 für Dortmund stand. "Das war ein Krimi. Von Anfang bis Ende absolut spannend. Ein klasse Spiel - und eine großartige Werbung für den deutschen Fußball", lobte auch Ottmar Hitzfeld.

Es war ein würdiger Abschluss einer wegweisenden Woche für den BVB. Am Dienstag verkündete Mario Götze, dass er seinen Vertrag bis 2016 verlängert habe. Mit ihm und Marco Reus wird die Borussia nun das wohl kreativste Mittelfeld der Liga stellen. Dass der Titelkampf nach dem 4:4 nun ein wenig an Würze gewinnt, nehmen die Dortmunder schulterzuckend zur Kenntnis. Am übernächsten Mittwoch empfangen sie den FC Bayern in ihrer Trutzburg, und nicht nur Hitzfeld, der beide Klubs trainierte, sieht dieses Spiel als Schlüssel zur Meisterschaft: "Für Dortmund ist es gut, dass sie die Bayern daheim empfangen. Das kann ein Vorteil sein. Aber ich traue den Bayern zu, dass sie in Dortmund gewinnen können. Das wird ein Spiel auf ganz hohem Niveau, bei dem die Tagesform entscheidend sein wird", sagte er der "Morgenpost".

Gut für internationale Vermarktung

Die Dortmunder lassen das entspannt auf sich zukommen. Sie wissen um die eigene Stärke: Aus dem Abstiegskandidaten des Jahres 2007 ist ein Klub gereift, der zu den spannendsten Mannschaften Europas gehört. Er scheint das zu werden, was der Bundesliga, auch für ihre internationale Vermarktung, jahrzehntelang gefehlt hat: ein zweiter großer Player neben Bayern München.

Die Vertragsverlängerung von Mario Götze war die vorerst letzte einer Kette nicht endender Erfolgsnachrichten. Bereits im Winter wurde für die nächste Saison Marco Reus von Borussia Mönchengladbach verpflichtet. Parallel dazu lassen die aktuellen Wirtschaftsdaten des Vereins vermuten, dass man schon fast gezwungen ist, Geld unter die Leute zu bringen. Knapp über 100 Millionen Euro setzte der Verein in den ersten sechs Monaten der laufenden Saison um, was rund 200 Millionen Euro auf das ganze Jahr prognostizieren lässt. Das ist zwar immer noch deutlich weniger als die Bayern (zuletzt 328,5 Millionen Euro), würde aber eine signifikante Steigerung gegenüber den 136,4 Millionen Euro der Vorsaison bedeuten. Dem BVB kommen außerdem die geringeren Personalkosten zugute. Obwohl "jeder weiß, dass wir auf einigen Positionen besser besetzt sind" (Mats Hummels), verdienen Dortmunds Kicker momentan nur rund 40 Millionen Euro pro Jahr im Vergleich zu den geschätzten 100 Millionen der Bayern-Spieler.

Bei all den Zahlen und Planspielen beeindruckt mehr als alles andere jedoch, was der BVB wöchentlich auf dem Platz abliefert. Nach einem holprigen Saisonstart hat er schnell jeglichen Verdacht entkräftet, womöglich nur ein weiterer Zufallsmeister à la Stuttgart oder Wolfsburg zu sein. Trotz beachtlicher Verletzungsprobleme und dem deprimierenden Aus in der Champions League ist er jetzt seit 22 Ligaspielen ungeschlagen. Nach dem 4:4 am Freitagabend gegen den VfB Stuttgart hat er in der Rückrunde 29 von möglichen 33 Punkten geholt. Eine unglaubliche Bilanz. Die Bayern sind trotz ihrer Schwankungen die zweitbeste Rückrundenmannschaft. Wäre die Bundesliga noch dieselbe wie vor ein paar Jahren, sie würden wohl locker Meister werden. Aber die Bundesliga ist nicht mehr dieselbe.

Der BVB ist nicht wie Leverkusen, Schalke, Bremen oder all die anderen Mannschaften, die sich letztlich immer wieder recht problemlos von den Bayern in die zweite Reihe zurückdrängen ließen. Ein paar forsche Sprüche hier, das Abwerben eines Schlüsselspielers dort - und das Problem war für die Münchner in der Regel erledigt. Dortmund hingegen schafft es, seinen Kader beisammen zu halten und hat in Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke und Trainer Jürgen Klopp ausreichend Selbstbewusstsein und Humor, um jede Verbalattacke aus München mit einem stärkeren Konter zu parieren. Die Dortmunder verbinden Können und Spaß und entfalten so eine ungeheure Kraft.

Im Prinzip gehört der BVB auch nirgendwo anders hin als nach oben. Mit seiner Tradition, seinem 80.000 Zuschauer fassenden Stadion und seinen durch die Erfolge der 90er-Jahre gewonnenen Fans ist er so etwas wie die natürliche Nummer zwei im deutschen Fußball. Nicht umsonst war es just Dortmund, das die Bayern zuletzt zwei Meisterschaften in Folge verpassen ließ (1995, 1996). Die Unterschiede zu damals liegen auf der Hand: Statt einer Interessengemeinschaft von Ich-AGs hat der Verein jetzt ein echtes Team beisammen, das sich in hohem Maße mit dem Klub identifiziert. Statt einer flüchtigen Struktur hat er ein langfristiges sportliches Projekt, dessen große Zeit gerade erst anzufangen scheint.

Bayern üben sich in Gelassenheit

Für die Bayern ist das wohl das Irritierendste an der ganzen Sache - die enorme Zukunftsfähigkeit des BVB. Trotz ihrer deutlich großzügigeren Gehaltsstruktur unterlagen die Münchner im Werben um Götze und Reus. Die besten deutschen Spieler kommen nicht mehr automatisch, und der beste deutsche Trainer auch nicht. Jürgen Klopp hat sich ebenfalls langfristig an Dortmund versprochen. Eher, so scheint es, wird er komplett mit dem BVB verschmelzen als ihn zu verlassen.

Wie die Bayern strategisch auf die neue Herausforderung reagieren, wird nicht zunächst an ihrer nächsten Trainerwahl abzulesen sein. Für den Moment bemühen sie sich um Gelassenheit und halten sich mit Grundsatzerklärungen zurück. Bald müssen sich die Bayern aber um eine sportliche Antwort bemühen und beim Spitzenspiel in zehn Tagen nach drei Niederlagen in Folge endlich mal wieder gegen den BVB gewinnen. Zuzutrauen ist es ihnen, denn das ist ja das Gute an dem neuen deutschen Duell - es rührt daher, dass ein Klub nach oben kommt, nicht dass ein anderer verfällt.

Selbstverständlich wird der FCB dennoch einen Teufel tun und aus freien Stücken seine Vormachtstellung teilen. Aber vielleicht sehen sie doch auch in München die Chancen für das Gesamtprodukt. Dieses Borussia Dortmund verbessert die ganze Bundesliga.