Eiskunstlauf

Renaissance der Totgesagten

Das Eiskunstlaufpaar Robin Szolkowy und Aljona Sawtschenko sieht den WM-Titel als Fingerzeig, aber auch als Warnung

- Er konnte mit seinen Augen kaum durch diesen kleinen Spalt hindurchblicken, der zwischen seinen Fingern blieb.

Es war Mitternacht in Nizza und die Chemnitzer Paarläufer hatten sich gerade am späten Freitagabend mit der Winzigkeit von 0,11 Punkten Vorsprung auf die Russen Tatjana Wolososchar und Maxim Trankow den Titel an der Cote d'Azur gesichert. "Jetzt wollen wir genießen, feiern und einfach glücklich sein", sagte Szolkowy. Die beiden hatten es sich nach einem dramatischen Finale in der Kür verdient, denn jetzt geht der Blick schon wieder voraus zu ihrem großen Ziel, den Olympischen Spielen 2014 in Sotschi. Die Weltmeisterschaft in Nizza wird ihnen eine Warnung sein, ein Alarmsignal zur rechten Zeit auf ihrem Weg zum erhofften Olympia-Gold. Gleichzeitig waren die Titelkämpfe ein Fingerzeig der beiden deutschen Athleten.

Denn dieser WM-Titel ist nicht allein ein besonderer Erfolg, weil es bereits ihr vierter ist, sondern vor allem, weil die Vorbereitung alles andere als einfach gewesen war. "Nach der Verletzungs- und Wettkampfpause in den vergangenen Monaten ist es unfassbar, was herausgekommen ist", sagte Sawtschenko, die an einer Oberschenkelverletzung laboriert hatte und mit ihrem Partner auf die EM Ende Januar verzichten musste.

Ein bisschen gewurmt

Dass sie ihre ärgsten Rivalen nun hinter sich lassen konnten, war eine Genugtuung, denn ganz abgesehen von der Verletzung hatte so manch einer das deutsche Paar schon voreilig der Vergangenheit zugeordnet. "Die Russen wurden vor der Saison von vielen als die neuen Favoriten gehandelt. Das hat uns ein bisschen gewurmt", sagte Trainer Ingo Steuer und fügte dann äußerst gut gelaunt hinzu: "Totgesagte leben länger."

Auch wenn Szolkowy mit 32 und Sawtschenko mit 28 Jahren zu den Ältesten im Feld gehören - zu alt für neue, spektakuläre Elemente sind die Chemnitzer auf keinen Fall, wie sie im Kurzprogramm mit dem dreifachen Wurfaxel bewiesen haben. Erstmals überhaupt zeigten die beiden diese Höchstschwierigkeit bei einer internationalen Meisterschaft. Außer ihnen wagt das derzeit kein anderes Paar. "Die harte Arbeit hat sich gelohnt", stellte die zierliche Sawtschenko fest. Dass sie zur Sicherheit auf beiden Füßen gelandet war, machte da nichts. "Um gegen die gute Konkurrenz in den nächsten Jahren zu bestehen, müssen wir uns etwas einfallen lassen", begründete Steuer das Risiko des neuen Sprungs - und die WM gab ihm recht. Ohne den Mut zu diesem Sprung wäre es in der Addition von Kurzprogramm und Kür wohl Silber geworden.

Die Konkurrenz ist ihnen auch viel zu dicht auf den Fersen, als dass sich die Deutschen auf ihrem Können ausruhen könnten. Die Juniorenweltmeister Sui Wenjing und Han Cong aus China beispielsweise verblüfften mit einem spektakulären vierfachen Wurf-Lutz. Sauber und ausgefeilt war das alles bei ihnen noch nicht, aber sie haben ihr Potenzial aufblitzen lassen. Gleiches gilt in verstärktem Maße für die Bronzemedaillengewinner Narumi Takahashi/Mervin Tran aus Japan, Dritte der Juniorenweltmeisterschaften. Ob sie schon in Sotschi in das sich anbahnende große Duell zwischen dem deutschen und dem russischen Paar eingreifen können, ist eher fraglich, aber sie treiben sie an.

Sawtschenko und Szolkowy jedenfalls bleiben die Gejagten. "Wir werden alles dafür geben, sie zu besiegen", sagte Maxim Trankow, "aber dafür brauchen wir zwei starke Programme."

Kämpfen lohnt sich

Die Russen hatten ein miserables Kurzprogramm gezeigt, sich mit einer grandiosen Kür aber von Platz acht fast noch an den Deutschen vorbeigeschoben. Als Szolkowy nach der Kür zu erklären versuchte, warum er beim Axel gepatzt und bei der Paarlauf-Pirouette einen Blackout gehabt hatte, blickte Aljona Sawtschenko ihn mit einer Mischung aus Vorwurf und Ungläubigkeit an. "Er weiß schon, dass ich sauer bin", sagte sie später. Es ging noch mal gut aus, aber solche Unkonzentriertheiten werden ihnen eine Warnung sein, wie Robin Szolkowy versprach. "Wir müssen das abrufen, was wir können und nicht über Faselfehler stolpern, die uns das Genick brechen können", sagte er. Szolkowy und Trankow jedenfalls waren sich in ihrer wichtigsten Erkenntnis einig. "Es ist nie vorbei. Selbst wenn du denkst, du hast schon verloren, lohnt es sich zu kämpfen."