Arthur Abraham

"Jeder Mensch hat Angst, also auch ich"

Ex-Weltmeister Arthur Abraham steht am Sonnabend in Kiel vor einem Kampf, der über sein weiteres Leben entscheidet

- Ex-Mittelgewichts-Champion Arthur Abraham (32) steht am Sonnabend vor einer solchen Situation. Der Berliner trifft in Kiel auf den Polen Piotr Wilczewski (33/ab 22.15 Uhr live in der ARD). Es geht dabei vordergründig um den völlig unbedeutenden EM-Titel des Weltverbands World Boxing Organization (WBO). Aber es geht auch um die Existenz des Berufsboxers Abraham. Eine Niederlage dürfte für den Mann, der sich als "Schlumpf-Boxer" und späterer "König Arthur" viele Sympathien erworben hat, gleichbedeutend sein mit dem Ende seiner Karriere.

Berliner Morgenpost:

Herr Abraham, Ihre Situation ist heikel. Sie kämpfen um Ihre Zukunft als Sportler. Und - was die Angelegenheit noch etwas brisanter macht - selbst bei einem Sieg haben Sie das einzig zählende Ziel, wieder Weltmeister zu werden, noch nicht erreicht. Haben Sie Angst?

Arthur Abraham:

Jeder Mensch auf der Welt hat Angst, also auch ich.

Aber Angst passt nicht zu einem Boxer und schon gar nicht zu einem Weltmeister. Sie dürften dieses Gefühl nie nach außen hin zeigen.

Na ja, ich würde es nie einem Gegner zeigen. Aber da muss ich schon etwas erklären. Ich habe in meiner ganzen Karriere noch nie Angst vor einem Gegner gehabt. Also vor dem Typ, der aus der anderen Ecke kommt. Und ich glaube auch nicht, dass es einen Gegner geben wird, der mir Angst macht. Aber ich kenne das Angstgefühl auch aus dem Sport.

Wie bitte?

Ich habe als Junge angefangen mit Radrennen. Ich hatte auch Erfolg, war bayerischer Meister. Aber ich habe auch mit dem Rad fahren aufgehört, weil ich vor den Stürzen, die passieren, wenn man mit vielen Fahrern in einer Gruppe fährt und irgendwo einer Pech hat oder einen Fehler macht, echt Angst hatte.

Da Sie Piotr Wilczewski allein gegenübertreten, fällt das ja weg. Dennoch, es wird für Sie ein Kampf um alles oder nichts. Haben Sie eigentlich schon Pläne geschmiedet, wenn es schief gehen sollte?

Natürlich nicht. Ich beschäftige mich nicht mit dem Gedanken an eine Niederlage. Das macht kein Boxer.

Auch dann nicht, wenn er bittere Niederlagen erleben musste - so wie Sie?

Das muss man unterscheiden. Ich habe drei wichtige Kämpfe verloren. Das hat mich weit zurückgeworfen, und ich war auch ziemlich deprimiert, weil ich nie geglaubt hätte, dass mir das passieren könnte. Ich habe eine Narbe auf der Seele, und die wird nicht mehr weggehen. Aber ich setze meine Karriere ja fort. Ich muss also von Kampf zu Kampf denken. Und wenn ich jetzt grübeln würde, ob Wilczewski vielleicht zu stark für mich sei, dann könnte ich zu Hause bleiben.

Wilczewski gilt als einer, der deutlich über dem Durchschnitt liegt, aber auch deutlich unter der Weltelite. Er ist etwas größer als Sie. Das waren Andre Dirrell, Carl Froch und Andre Ward, gegen die Sie verloren haben, auch. Wie gehen Sie mit dieser Ausgangslage um?

Mein Trainer Ulli Wegner und ich haben einen Plan, wie ich gegen Wilczewski boxen soll. Und ich bin mir sicher, dass ich damit erfolgreich sein werde. Das muss erst mal reichen als Antwort.

Sie sind am 14. Januar in Offenburg mit einem K.o.-Sieg in der fünften Runde gegen Pablo Farias ins Jahr 2012 gestartet. Der Argentinier war aber, bei allem Respekt, allenfalls ein Aufbaugegner. Ist in Anbetracht von Farias Qualitäten trotzdem eine Last von Ihren Schultern gefallen?

Ja, auf jeden Fall. Ich habe ja gleich nach dem Kampf gesagt, es sei nur ein erster Schritt gewesen, aber ich war danach entspannter. Wenn man gewinnt, ist das immer schön. Das letzte Jahr war nicht gut. Jetzt ist zum Glück ein neues Jahr. Aber erst wenn ich in Kiel auch gewinne, ist meine Welt wieder einigermaßen in Ordnung. Denn dann bekomme ich meine WM-Chance.

Der Erfolg gegen Farias war ein Sieg für die eigene Motivation?

Natürlich war der Erfolg ein Schritt in eine gute Richtung. Aber jeder Sieg ist für die Motivation. Das gilt immer, egal wie viele Zuschauer da sind, ob 100, 1000 oder 10.000. es zählt nur der Erfolg. Der ist wichtig für den eigenen Kopf, für das Ego, für die Psyche - für alles.

Sind Sie ein Egoist?

Im Ring und in meinem Sport ja. Das ist jeder erfolgreiche Sportler. Man kann doch im Kampf oder einem anderen Wettbewerb keine Rücksicht nehmen. Wenn ich mit meiner Familie oder Freunden zusammen bin, bin ich, glaube ich, kein Egoist.

Sie können gut teilen, gut verzichten?

Ja, ich teile mit Menschen, die mir nahe stehen gern, und ich helfe auch gern.

War das schon immer so, oder erst, seit Sie finanziell in der Lage sind großzügig zu sein?

Das war auch so, als ich mit meiner Familie noch in Armenien gelebt habe. Da war es ganz einfach selbstverständlich. Da haben alle zusammengehalten. Alle hatten sehr wenig und alle mussten und wollten sich helfen und beistehen. Wer das nicht wollte, der war schnell raus aus der Gemeinschaft.

Gibt es den guten Arthur im Privatleben und den bösen im Ring?

Hallo? Das ist mein Job. Wenn ich im Ring schwach bin, kann ich aufgeben. Und darum will ich unbedingt stark sein. Und sonst bin ich eben freundlich. Das ist doch ganz einfach.

Ihr Trainer spricht gern von der Verantwortung, die die Athleten aus seinem Team für das gesamte Boxen in Deutschland tragen. Wie sehen Sie die Zukunft der hiesigen Profiszene?

Ich glaube, dass die nächsten zwei oder drei Jahre eine schwere Zeit werden. Wenn ich wieder Weltmeister werde, wären bei uns im Team drei Champions. Neben mir noch Marco Huck und Yoan Pablo Hernandez (beide im Cruisergewicht, d.R. ). Wir tragen die Verantwortung, denn die guten jungen Boxer, die wir haben, brauchen noch Zeit. Wenn wir nicht gut sind, können sie nie gut werden, weil nur über große Veranstaltungen und das Fernsehen die Sache läuft. Die Fans wollen Titelkämpfe, das Fernsehen auch. Und auf diesen Veranstaltungen können sich die jungen Boxer nach oben kämpfen.

Glauben Sie, dass Sie mit 40 Jahren immer noch mit dem Profiboxen eng verbunden sind?

Wenn ich mal aufgehört habe, will ich gern zwei Sachen machen. Ich möchte mich mit Immobilien beschäftigen und mit Boxern - jungen und auch schon erfahrenen. Dazu brauche ich Glück, gute Mitarbeiter und selbst noch ein paar gute Kämpfe. Ich werde sicher nie vom Boxen loskommen. Und noch habe ich richtig Lust selbst im Ring zu stehen.

Werden wir irgendwann einmal Arthur Abraham als Trainer sehen?

Nee, ich wäre viel zu ungeduldig. Aber als Manager würde ich schon arbeiten.

Und das Immobiliengeschäft?

Das interessiert mich schon ganz lange. Ich habe vier Jahre lang in Armenien Internationales Management studiert. Mein Ziel war damals, ich wollte etwas im Kopf haben. Heute sehe ich, dass das ein Markt ist, der sich immer bewegt, und man hat immer mit Menschen zu tun. Das mag ich.

Und es gibt gutes Geld zu verdienen.

(Schmunzelt) Klar!