Eishockey

Die Tiger sind los: Autokorso in der bayrischen Provinz

Bei seinem Debüt im Play-off erreicht Straubing sensationell das Halbfinale und könnte nun auf die Titelverteidiger Eisbären treffen

- Ständiger Anziehungspunkt war die kleine Arena aber vor allem, weil dort Geschichte geschrieben wurde. Mit dem vierten Sieg (7:3) im vierten Spiel setzten sich die Tigers gegen die Grizzly Adams Wolfsburg im Viertelfinale durch und stehen nun in der Vorschlussrunde der Deutschen Eishockey-Liga (DEL). Das hat es in Straubing noch nie gegeben.

Danach fühlte sich auch der nächste Morgen an. "Da werden wohl einige Chefs auf ihre Angestellten verzichten müssen", ahnte Geschäftsführerin Gaby Sennebogen nach dem unglaublichen Triumph. Es herrscht Ausnahmezustand in dieser eishockeyverrückten Gegend, in der selbst beim Bäcker und beim Metzger Trikots der Tigers von den Wänden baumeln. Seit Wochen bestimmt der Klub die Gespräche auf den Straßen und Plätzen, die Euphorie erscheint grenzenlos. Wo sonst wäre ein simpler Halbfinaleinzug ein Grund für einen Autokorso? Nur in Straubing.

Kleinster Standort der Liga

Viel kleiner als alle anderen Standorte der DEL ist der Ort in Niederbayern, aber gelebt wird das Eishockey dort so intensiv wie sonst nirgends in der Liga. Deshalb weiß dort gerade kaum einer, wie ihm geschieht. In den sechs Jahren, die die Tigers nun in der DEL spielen, war bislang Rang zwölf nach der Hauptrunde die beste Platzierung, das Play-off nicht mehr als ein Traum. Und nun stehen sie im Halbfinale. "Das ist ein Riesenerfolg für den ganzen Verein und eine große Nacht für Straubing", sagte Trainer Dan Ratushny nach dem vierten Sieg über Wolfsburg. Die Niedersachsen waren klarer Favorit als Meisterschaftszweiter der Vorsaison und Tabellendritter der Hauptrunde. Doch Straubing, als Sechster ins Viertelfinale eingezogen, mühte sich nicht zum Weiterkommen, die Tigers fegten Wolfsburg vom Eis: mit 19:5 Treffern.

Manager Jason Dunham redet seit einigen Wochen viel von Respekt. Seinem Klub wurde der lange nicht entgegengebracht. Fans und selbst Hallensprecher in fremden Arenen verhöhnten den Verein gern, sprachen von "Straubingen". Nach dem Ausscheiden Duisburgs aus der DEL 2009 galten die Tigers als prädestiniert, deren Platz als erfolglosestes Team der Liga zu übernehmen. Und bis zum März 2012 waren sie auch der einzige Klub der DEL, der noch nie im Play-off spielte.

Inzwischen schaut der Rest der Liga längst ehrfurchtsvoll nach Niederbayern. "Du musst dir den Respekt der Liga verdienen", sagt Dunham. Weil die richtigen Leute zur richtigen Zeit in Straubing zusammenkamen, ging das letztlich ganz schnell. Dunham (42) befindet sich in seiner ersten Saison als Manager, auch Trainer Dan Ratushny (41) ist in der ersten Saison im Klub. Die Beiden wurden kürzlich zum Trainer und zum Manager des Jahres in der DEL gekürt. Ganz schön viel Respekt für zwei Männer, die gerade seit ein paar Monaten im Amt sind.

In Ratushnys Trainerlaufbahn ist Straubing erst die zweite Station, zuvor war er zwei Jahre in Olten in der zweiten Schweizer Liga tätig. Dort heuerte er an, weil er das Eishockey vermisste - der Kanadier hatte bereits als Anwalt gearbeitet. Jetzt ist er der Garant des Aufschwungs. "Der Trainer ist sehr genau, sehr zielstrebig und ein sehr positiver Mensch, der mich beeindruckt hat", sagt Dunham. Ratushny gehört zur neuen Generation von Trainern, die ihren Spielern viel von dem vorleben, was sie von ihnen erwarten. Die einen engen Draht zur Mannschaft haben, modern spielen lassen und viel nachdenken, bevor sie entscheiden.

Das drängt dann auch Etatzahlen in den Hintergrund, Straubing gehört zu den Schlusslichtern der Liga mit den vier Millionen Euro, die dem Klub zur Verfügung stehen. Sportlich aber zählen sie zu den besten vier Mannschaften des Landes, spielen mit ihrem aggressiven, nach vorn gerichteten Stil eine Saison der Träume. Sollten sich nicht wider Erwarten noch die Metro Stars aus Düsseldorf gegen den ERC Ingolstadt durchsetzen, die Rheinländer liegen 1:3 zurück in der "Best of seven"-Serie, treffen die Tigers im Halbfinale auf die Eisbären Berlin. Der Titelverteidiger, der zum Vergleich über ein Budget von 7,5 Millionen Euro verfügt, rauschte ebenso wie die Straubinger durchs Viertelfinale und schlug Köln mit 4:0 Siegen. Genau der richtige Gegner also, das Heldenepos fortzuführen. Ein Autokorso wäre auch schnell organisiert.