Transfergerüchte

Raffael: Mein Bruder sollte wechseln

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Martin Kleinemas und Uwe Bremer

Herthas Ronny steckt in einer Sackgasse. Er wäre nicht der erste Brasilianer, der in Berlin scheitert

- Die Sonne lachte vom Himmel, und als sich Raffael dem Kabinentrakt näherte, wurde er gar von einem Kamerateam mit einem wirklich hübsch angerichteten Kuchen überrascht. Nicht einfach so, nein. Raffael, Spielmacher des Berliner Fußball-Bundesligisten, hatte schließlich gestern Geburtstag, 27 Jahre wurde er alt. Ein perfekter Ehrentag also für den nominell wichtigsten Spieler der Berliner. Was hat er sich gewünscht? "Gesundheit", sagt er, "und dass ich hier in Berlin mit meiner gesamten Familie leben kann."

Genau diese Konstellation ist allerdings mehr denn je in Gefahr. Denn zum kickenden Teil der Familie de Araujo gehört eben nicht nur Raffel selbst, sondern auch sein Bruder Ronny. Der 25-Jährige laboriert gerade an einer Prellung und fehlt im Training, seinen Platz im Kader hatte er aber schon zuvor verloren. Raffael wirkt nachdenklich, wenn er über seinen Bruder redet. Es sind Gedanken, welche die Freude über seinen Geburtstag erheblich trüben. "Ich bin traurig über Ronnys Lage", sagt Raffael, "er spielt nicht, er steht nicht im Kader. Und jetzt auch noch die Verletzung." Und dann, doch recht unvermittelt und unerwartet, redet Raffael Klartext: "Wenn sich an seiner Situation nichts ändert, werde ich ihm raten den Verein zu wechseln." Und damit, das steht fest, eben auch die Stadt. Denn zum 1. FC Union wird es Ronny wohl kaum verschlagen.

Hoch gelobt und tief gefallen

Dieser Sinneswandel kommt nun doch sehr plötzlich und lässt erahnen, dass Ronnys Lage in Wirklichkeit noch viel aussichtsloser ist, als es nach außen den Anschein hat. Was hatten die Brüder noch in der Wintervorbereitung für Pläne geschmiedet. Es war die Zeit, als Ex-Trainer Michael Skibbe bei Hertha andockte, Raffael selbst war für drei Spiele gesperrt. Und Skibbe schien sofort einen Narren an Ronny gefressen zu haben, einem exzellenten Fußballer, "der Raffel auf jeden Fall ersetzen kann", wie er sagte, "da überschneidet sich ziemlich viel. Ich sehe Ronny ähnlich stark wie seinen Bruder."

Im Trainingslager im türkischen Belek gaben die Brüder dann ein bemerkenswertes Interview. Natürlich ging es auch um den innerfamiliären Wettstreit um die Spielmacherrolle. "Es wird keinen Bruderkampf geben", stellte Raffael in bester Klitschko-Manier klar, und Ronny formulierte ein paar hochgegriffene Ziele: "Ich hoffe, dass wir ins Pokalfinale einziehen. Und ich bin ehrgeizig. Ich würde sehr gerne mit Hertha an einem europäischen Wettbewerb teilnehmen." Sätze aus einer anderen Zeit.

Die Realität sah dann so aus: Hertha verlor sechs Spiele in Folge, flog aus dem Pokal, und Ronny, von Skibbe so hochgelobt, bekam exakt eine Chance: Beim 0:2 in Nürnberg, für genau für 45 Minuten. Dann wechselte ihn der neue Trainer aus, obwohl der Brasilianer nun wahrlich kein ganz schlechtes Spiel machte. Seitdem ist Ronny in der Versenkung verschwunden. Auch der aktuelle Trainer Rehhagel scheint keine wirkliche Verwendung für ihn zu finden.

Nun ist es nicht so, dass Ronny der erste Brasilianer wäre, der bei Hertha zu scheitern droht. Das haben schon ganz andere vor ihm geschafft, genauso, wie der Klub auch schon mächtig Glück hatte mit den meist so unberechenbaren Südamerikanern. Mit Marcelinho zum Beispiel, Gilberto, und eben Raffel (siehe Grafik).

Die Sache ist nur: Sollte Ronny in Berlin scheitern, geht es nicht nur um ihn. Vielmehr würde das wohl auch das für Hertha so wichtige Seelenheil seines Bruders gefährden. Schließlich gibt es Erzählungen, wonach Hertha Ronny nur verpflichtet habe, da Raffael sich in Berlin als Mensch unwohl und allein fühlte. Der versucht derzeit natürlich alles, um Ronny wieder in die Spur zu bringen. "Ich kann mich derzeit nur mit ihm unterhalten und ihm sagen, dass er dran bleiben soll", sagt er, "er ist ein Phänomen als Spieler."

Das sieht sein Berater Dino Lamberti ganz ähnlich. Im Winter, als sich Ronny zum Stellvertreter seines Bruders aufschwang, hatte auch er sehr steile Thesen formuliert. Er ging sogar soweit, Ronny als Kandidaten für die brasilianische Nationalmannschaft ins Spiel zu bringen, weil die auf der Position des Linksverteidigers am schwächsten besetzt sei. Um dieses Ziel zu erreichen, strich er seinem Schützling den Weihnachtsurlaub in der Heimat. Ronny solle so lange in Deutschland bleiben, bis er sich einen Stammplatz bei Hertha erkämpft habe. Die Sache ist nur: In der Realität hat er den nie erreicht, nicht in der Zweiten Liga, und in der Bundesliga erst recht nicht. Zu den Wechselüberlegungen hat sich Lamberti noch nicht geäußert, er war für Anfragen der Morgenpost gestern nicht zu erreichen.

Gerüchte auch um Raffael

Die Entwicklung hat aber auch so schon genug Fahrt aufgenommen. Ronnys Statistik liest sich entsprechend schlecht. Auf gerade sieben Einsätze hat er es bislang in der Bundesliga gebracht, keinen über die volle Zeit. Im DFB-Pokal steht für ihn immerhin eine Torvorlage zu Buche. Beileibe nicht die Zahlen, mit denen andere Klubs auf ihn aufmerksam werden könnten. Und das wäre ja die Vorraussetzung für den von Raffael vorgeschlagenen Wechsel, Ronnys Vertrag läuft noch bis zum nächsten Sommer.

Bleibt die Frage, warum sein Bruder so plötzlich von einer Trennung spricht, die ihm doch eigentlich so wehtun müsste? Die Antwort darauf könnte so simpel sein: Weil Raffael vielleicht selbst Wechselgedanken hegt, erst Recht für den Fall, dass sein Klub erneut absteigen sollte. Borussia Mönchengladbach mit Raffaels ehemaligem Mentor Lucien Favre als Trainer soll schon angefragt haben. Manager Michael Preetz schweigt zu solchen Fragen beharrlich, und so wabern Gerüchte um einen möglichen Abgang ungehindert durch den Raum. "Ich denke nur daran, wie wir unsere Situation verbessern können, alles andere spielt momentan keine Rolle", sagte Raffael. In die Augen des Fragestellers blickte er dabei nicht. Gut möglich also, dass Berlin ab Sommer gleich beide Protagonisten der Familie de Araujo verlieren wird.