Hertha - Mainz 3:1

Der Frühling küsst Ramos wach

Der Kolumbianer an sich lässt sich nicht einfach in ein Schema pressen. Zwei Extreme dieses so vielschichtigen südamerikanischen Landes und seiner Menschen standen Sonnabend im Kabinengang des Mainzer Stadions und schwatzten ausgedehnt über das 1:3 (0:1) der Gastgeber gegen Hertha BSC: die sich aus dem Nationalteam bekannten Landsleute Adrian Ramos und Elkin Soto.

Der Letztgenannte ein weißer Fußballarbeiter, das Herz-Kreislauf-System des Mainzer Spiels. Ramos ist von seinem Können und erst recht von seiner Mentalität ein ganz anderer Typ. Als Fußballspieler ist er so abwechslungsreich wie sein Land.

Auch er kann Herzen höher schlagen lassen - wenn er, wie in Mainz, Spaß am Spiel findet und dieser Freude mit zwei Toren Ausdruck verleiht. Aber auch wegen des anderen Ramos ist Hertha nach passabler Hinrunde in so arge Abstiegsnot geraten. Trotz des noch immer besten Saisonschützen Pierre-Michel Lasogga (sieben Treffer) ist der nun sechsmalige Torschütze Ramos noch immer der beste, weil technisch ausgereifteste Berliner Stürmer - und damit so eine Art Lebensversicherung des Aufsteigers.

Selbstvertrauen durch Rehhagel

Mit dem Manko, dass er auch in seinem dritten Jahr in Deutschland nur unter ganz bestimmten klimatischen Voraussetzungen Spaß am Spiel findet. So ahnte der Kollege Christoph Janker nicht zufällig, Ramos' herausragende Leistung habe "wohl am Wetter gelegen". Es seien ja nicht nur die zwei Tore gewesen. "Super mitgearbeitet" habe Ramos auch darüber hinaus, lobte Janker - und konnte sich ein süß-saures Lächeln bei dieser Einschätzung nicht verkneifen. Es gibt hierzulande nun mal nicht jeden Tag 20 Grad und Sonnenschein wie an diesem Sonnabend am Rhein. Sind die Tage dagegen dunkel und kalt, verfällt Ramos regelmäßig in Winterschlaf. Dann reduziert sich seine Torproduktion schlagartig auf ein Minimum, insgesamt bewegt sich das Maß an Mitarbeit in solchen Phasen hart an der Grenze zur Teilnahmslosigkeit. So war es im Berliner Abstiegsjahr 2009/2010, als Ramos sich nach nur zwei Toren im Januar und Februar erst Ende März beim geradezu sensationellen 5:1 im Stadion des Deutschen Meisters VfL Wolfsburg mit einem Doppelpack zurückmeldete; so war es auch in der vergangenen Zweitligasaison mit nur zwei Toren in zehn Spielen von November bis Mitte Februar. In der laufenden Saison hatte Ramos bis zum Wochenende in zwölf Ligaspielen nur ein einziges Mal getroffen, Anfang Dezember beim Berliner 1:2 gegen Schalke 04.

Immer braucht es erst mehr als einen Hauch von Frühling, damit der Stürmer in Ramos wieder zu Leben erwacht. Dass die Zeit dafür nun erneut gekommen war, hatte sich in Mainz früh angedeutet. Schon nach zehn Minuten hatte Ramos mit so großer Entschlossenheit aufs Tor geschossen wie zuvor lange nicht. Nach 52 Minuten traf er maßgenau rechts unten ins Eck. Diesem technisch anspruchsvollen Abschluss folgte in Gestalt des 3:1 ein Werk des puren Willens. Nachdem er Mainz' Torwart Wetklo überlupft hatte, setzte er im Laufduell mit Abwehrspieler Kirchhoff nach und drückte den Ball entschlossen über die Linie.

Reden mochte Ramos über seine Taten nicht, in dieser Hinsicht ist er in guten wie in schlechten Zeiten immer gleich - gleich schweigsam nämlich. Dafür reklamierte Hertha-Trainer Otto Rehhagel neben dem Temperaturanstieg auch einen Anteil für sich, dass plötzlich wieder der Ramos zu sehen war, der Herzen höher schlagen und die Berliner vom Klassenerhalt träumen lässt. Ehe dieser Ramos Hertha zum ersten Auswärtssieg seit Ende Oktober schoss, habe er seinen Stürmer "daran erinnert, wie gut er es schon gemacht hat", sagte Rehhagel: "Ich habe gesagt, er soll mit Selbstvertrauen ins Spiel gehen, dann werden die Chancen schon kommen."

Auch Kritiker Lell ist zufrieden

Aber nicht nur hinsichtlich seines vordersten Angreifers war Rehhagels Wirken im Vorfeld von Erfolg gekrönt. Im Zusammenspiel mit seinen Assistenten Rene Tretschok und Ante Covic hatte der 73-Jährige diesmal die richtigen Vorbereitungen getroffen. "Wir haben mehr trainiert und waren auf die Mainzer genau richtig vorbereitet", sagte Janker. Sogar der Obernörgler der Vorwoche war besänftigt. Hatte Rechtsverteidiger Christian Lell nach dem 0:6 gegen Bayern München noch Fundamentalkritik an Klub ("es muss sich einiges ändern") und Trainer ("es gelingt nicht, uns richtig einzustellen") geübt und sich dafür nur halbherzig und auf Geheiß seines Arbeitgebers entschuldigt, so sagte er nun: "Wir haben gewisse Dinge im taktischen Bereich geübt, die uns schon in der Hinrunde stark gemacht haben." Als da wären: defensiv sicher stehen und aus einer solchen Ordnung heraus zielgerichtet nach vorn spielen. Auch namentlich und in seiner Grundordnung orientierte sich das Personal weitgehend an der erfolgreichen Phase unter Ex-Trainer Babbel.

Die Frage aber, ob Lell mit seinen kritischen Anmerkungen vielleicht also doch Recht gehabt hatte, war indes noch immer nicht statthaft. Als sie ihm gestellt wurde, brach Geschäftsführer Michael Preetz empört ein TV-Interview ab. Im Anschluss daran teilte Hertha noch von Mainz aus kurzfristig mit, dass das Auslaufen am Sonntag unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfinden und auch Medienvertreter nicht zugelassen sein würden. Ein Novum. Aber nur, weil Ramos wieder trifft, muss das ja nicht bedeuten, dass der Klub sich nicht auch weiterhin als blau-weiße Wagenburg in Westend begreift.