Abstiegskampf

Herthas heimliche Herrscher

Gerade, als Rene Tretschok das Torschusstraining für beendet erklären will, hat Otto Rehhagel eine Idee. "Ich will noch einen Spezialschuss üben lassen", sagt er. Eine halbe Stunde hat er seinen Stellvertretern Tretschok und Ante Covic freie Hand gelassen und sich das Treiben auf dem Schenckendorffplatz in Ruhe angesehen.

Nebenbei hat er mit Spielern gesprochen, die Koordination der Einheit aber lag bei den Co-Trainern. Jetzt möchte Rehhagel (73), der Chef, etwas ausprobieren, was nicht im Plan stand. Sollten die Spieler bei ihren Schussversuchen die Bälle bisher mit dem Blick zum Tor annehmen, erschwert er die Bedingungen: Nun müssen die Profis nach einer Drehung volley abziehen. Für den schönsten Schuss verspricht er einen Sonderpreis - und schon ist eine müde Schar Fußball-Profis motiviert und geht johlend zu Werke. Szenen wie diese gibt es derzeit häufig zu beobachten bei Hertha BSC.

Der Aufsteiger ist in Not. Nach dem 0:3 in Augsburg ist der Berliner Bundesligist auf Platz 16 abgerutscht. Bis zum Saisonende stehen nur noch elf Spiele aus. Nach zehn Tagen Zusammenarbeit haben Rehhagel - der fünfte (!) Hertha-Trainer dieser Saison - Tretschok und Covic die Aufgaben in ihrem ungewöhnlichen Trio gefunden. Und haben hüben wie drüben erkannt, dass man immer noch etwas lernen kann. "Wir wären doch schön blöd", sagt der 36 Jahre alte Covic, "wenn wir als junge Trainer einem Mann wie Rehhagel nicht offen begegnen würden." Von der Aufgabenverteilung her leisten Tretschok (43) und er den Löwenanteil der Arbeit. Sie erstellen zu Beginn der Woche den Trainingsplan, der in einer fertigen Form dem Chef vorgelegt wird. Der hat meist ein paar Änderungswünsche. "Das ist natürlich kein Problem, wir sind flexibel", sagt Tretschok. Auch die Leitung der Einheiten übernehmen die Cotrainer selbst - bis auf spontane Aktionen wie beim Torschuss eben. Rehhagels Part bestehe vor allem aus den Kabinenansprachen und der Entscheidung, wer am Spieltag auflaufen wird. Alles klar umrissen.

Mit viel Lob gegen die Krise

Bei der Arbeit auf dem Platz ergänzt sich das Trio. Rehhagel als Beobachter, als "Spiritus rector", wie er sich selbst nennt. Tretschok und Covic als emotionale Antreiber für das Tagesgeschäft. Die erste Woche sei durch Gespräche geprägt gewesen, in denen die beiden dem neuen Chef Informationen jeglicher Art zukommen ließen, "ohne ihn zu überfrachten", wie Tretschok es ausdrückt. Nur, was die Insider für wichtig erachten, muss vom Cheftrainer in die Gedankenspiele mit einbezogen werden. "Er hat jetzt ein gutes Bild gewonnen", sagt Tretschok, "er musste sich da schon stark auf uns verlassen."

Der Klub, der um den Klassenerhalt ringt, hätte in der verfahrenen Situation kein motivierteres Gespann finden können. Laut rufen Tretschok und Covic über den Platz, immer wieder feuern sie die Profis an. Jede halbwegs gelungene Aktion wird mit Lob bedacht. Das motiviert so sehr, dass sogar Krisenstürmer Adrian Ramos jubelnd abdrehte, als er nach gefühlten 100 Versuchen endlich ein Tor markierte. "Nichts wäre schlimmer, als wenn wir jetzt mit hängenden Köpfen vorangingen", sagt Tretschok. Covic ergänzt: "Die Spieler sind intelligent und wissen selbst, in welcher Situation wir sind."

Rehhagel lässt seinen beiden Vertrauten in diesem Punkt freie Hand. Er weiß: Der Draht zum Team läuft über sie, kennen doch beide einen guten Teil der Mannschaft aus der Arbeit in den Jugendabteilungen. So gesehen wirkt es nicht einmal kess, wenn Tretschok sagt: "Rehhagel kann sicher von uns lernen, mit welcher Euphorie wir an die Sache gehen." Tretschok, der bisher U 19-Trainer war, und Covic, sonst für die U 15 zuständig, leben für Hertha. Eine solche Chance wird auch für sie, beides ehemalige Hertha-Profis, so schnell nicht wiederkommen.

Tretschok und Covic, die heimlichen Herrscher bei Hertha? Natürlich sind sie Mannschaftsspieler, das Wort "Team" fällt häufig. Beim Spiel in Augsburg verwirrte das Trio, weil gleich mal alle coachend an der Seitenlinie auftauchten. Einer alleine werde den Klub nicht retten können, heißt es immer wieder. Und doch müssen die beiden einen Weg finden, mit ihren Emotionen umzugehen. Tretschok zumindest tut sich damit immer noch ein wenig schwer. Ist es für ihn ein Traum, den er gerade lebt? "Es ist mein Job", sagt er schroffer, als er es wohl eigentlich meint. "Wir sind da, um die Mannschaft einzustellen und möglichst viele Punkte zu holen. Klappt das, kann man vielleicht einmal zurückblicken und sagen: Das war eine gute Situation."

Solche Worte passen zu Tretschok, der lieber erst arbeitet, bevor er redet. Auch Covic ist ein Kämpfer, doch ihm ist die Freude über seinen Auftrag in jeder Minute anzusehen. Wo Tretschok angespannt ist, ist Covic locker: "Na klar ist das wie in einem Traum." Aus dem das Duo irgendwann erwachen wird, egal, ob Hertha die Klasse hält oder nicht. Senior-Chef Rehhagel wird den Job im Mai beenden. Tretschok und Covic sollen dann zu ihren Jugendteams zurückkehren, so ist der Plan. Deshalb haben sie einen doppelten Job. Ist die Arbeit bei den Profis getan, kümmern sie sich um den Nachwuchs. Zwar leiten sie keine Einheiten, aber den Kontakt wollen sie halten. "Ich will den Jungs das Gefühl geben, dass sie wichtig sind. Denn das sind sie", sagt Covic. Dieses Gefühl vermitteln die drei Trainer derzeit auch der Bundesliga-Elf. Jeder auf seine Weise.