Felix Bastians

Ich bin ein Star, holt mich hier raus!

Den trainingsfreien Mittwoch, den der SC Freiburg ihm spendiert hatte, hat Felix Bastians in seiner Geburtsstadt Bochum verbracht. Am selben Tag hat 500 Kilometer weiter östlich Andre Mijatovic eine Stunde lang intensiv auf dem Übungsgelände von Hertha BSC gearbeitet. Augenscheinlich hat beides nichts miteinander zu tun. Tatsächlich stehen die Freizeit des einen und die Rekonvaleszenz des anderen Fußballprofis aber in direktem Zusammenhang.

Wie es dem Plan entsprach, hat Mijatovic nach abgeschlossener Spritzenkur für das geschwächte Sprunggelenk wieder mit individuellem Lauftraining begonnen. Bleibt wie erhofft eine Reaktion im Knöchel aus, soll der Abwehrspieler von Donnerstag an die Vorbereitung der Mannschaft auf das Bundesliga-Heimspiel am Sonnabend gegen den Hamburger SV mitmachen. Die offizielle Verlautbarung des Vereins in dieser Hinsicht ist: Erst wenn absehbar würde, dass der seit sechs Wochen mit Beschwerden kämpfende Mijatovic weder gegen Hamburg und auch noch nicht am Wochenende darauf gegen Hannover 96 spielen kann, kommt das an sich ad acta gelegte Thema Verstärkung im Winter zur Wiedervorlage - die Rede ist dann von Felix Bastians. Der 23 Jahre alte Abwehrspieler steht ohnehin als Herthas erster Zugang für die Saison 2012/13 fest. Er hat einen von Sommer an gültigen Vierjahresvertrag bis 2016 unterschrieben.

Wahrscheinlicher ist jedoch ein anderes Szenario. Bis Dienstag kommender Woche hat Hertha noch Gelegenheit, diesen Transfer zeitlich vorzuziehen und Bastians sofort nach Berlin zu holen. Dann schließt das Transferfenster, während dessen Verlauf Mannschaften bis Saisonende letztmalig verstärkt werden dürfen. Es spricht einiges dafür, dass es auf den letzten Drücker so kommen und Hertha notfalls auch ein paar Euro für den im Sommer ablösefreien Profi an Freiburg überweisen wird. Denn es braucht wenig prophetische Gabe für die Behauptung, dass der einst so beschauliche Breisgau für Bastians längst zum Dschungelcamp geworden ist. Und er von den Verhältnissen angeekelt rufen möchte: Ich bin ein Star, holt mich hier raus!

Zu unappetitlich ist der Status quo. Mitte Dezember wurde Bastians gemeinsam mit fünf weiteren Kollegen von seinem im sportlichen Überlebenskampf steckenden Noch-Arbeitgeber suspendiert. Seitdem trainiert er in der Freiburger Reservemannschaft, die in der viertklassigen Regionalliga Süd ihr Glück versucht. Trotzdem fordert der Sportclub jetzt noch Ablöse, leistet sich parallel dazu aber nicht nur den Luxus eines monatlichen Grundgehalts. Der Spieler ist trotz Suspendierung auch zu 100 Prozent an allen fälligen Erfolgsprämien beteiligt - wie etwa jener für das 1:0 am vergangenen Wochenende gegen den FC Augsburg. Es wäre für alle Beteiligten also äußerst sinnvoll, wenn Bastians noch im Januar zu Hertha wechselt; Freiburg würde Geld sparen und Hertha einen dienstbereiten Spieler gewinnen.

Wie der Fall auch ausgehen mag - es ist nicht die erste kuriose Volte in der bis hierhin ganz und gar nicht gewöhnlich verlaufenen Karriere des Felix Bastians. Mit 16 zog der Bochumer aus dem Nachwuchs von Borussia Dortmund aus, um seinen Traum vom Profi zu verwirklichen. Ohne Begleitung der Eltern ging er nach England. "Der Fußball dort hat mich schon als Kind immer am meisten interessiert", erzählt Bastians im Gespräch mit der Morgenpost. Gerade 17 Jahre alt geworden, debütierte er bei Nottingham Forest als einer der jüngsten beim 1865 gegründeten Traditionsklub bis heute je eingesetzten Spieler. Bis 2008 führten ihn seine Lehrjahre über insgesamt sechs unterklassige englische Klubs, wo Bastians zum Teil nur wenige Wochen unter Vertrag stand und auf eine Handvoll Einsätze kam.

Er hätte in der Folge in England bleiben können, doch er entschied sich für einen Wechsel in die Schweiz. Wenn spätestens jetzt der Eindruck entsteht, dass da ein Fußballer seinen Weg nach ganz eigenen und notfalls auch unkonventionellen Vorstellungen verfolgt, "dann ist das sicher richtig", sagt Bastians. Wie zum Beleg taugt auch das Fernstudium des Sportjournalismus, das er seit zwei Jahren an der Universität von Stoke-on-Trent in England mal mehr und mal weniger intensiv vorantreibt. Ihm sei es ein Bedürfnis, neben den Füßen auch den Kopf in Schwung zu halten, sagt Bastians. Nach der Karriere würde er dem Fußball gern mal im Bereich Fernsehen verbunden bleiben.

In der Saison 2008/2009 wurde Bastians mit den Berner Young Boys Zweiter in der nationalen Meisterschaft und stand im Pokalfinale. So empfahl er sich für den Sprung in die Bundesliga. Auch Italien hätte es werden können, "wenn es mir nur ums Geld gegangen wäre". Stattdessen Freiburg. Zwei schöne Jahre, in deren Verlauf der phasenweise herausragend gute Bastians erneut von Juventus Turin und Lazio Rom umworben wurde. Das vergangene halbe Jahr war weniger gut, für Bastians wie Freiburg gleichermaßen. Die Zukunft des Spielers liegt in Berlin. "Spätestens ab Sommer", sagt Bastians, "habe ich dort einiges vor." Stammspieler war er beim Sportclub, Stammspieler möchte er bei Hertha werden. Was für junge, deutsche Spieler auf seiner Position des linken Verteidigers beinahe automatisch eine Perspektive in Richtung Nationalmannschaft bietet. "Wenn ich mein komplettes Potenzial abrufe, weiß ich, dass ich zu den besseren Linksverteidigern in der Bundesliga gehöre", sagt Bastians. Die entsprechende Position im Team von Bundestrainer Joachim Löw sei mit Philipp Lahm herausragend besetzt, "aber das Rennen um den Platz dahinter ist vollkommen offen".

Bei aller Vorfreude - eine kleine Hürde, von der jedoch alle Beteiligten ausgehen, dass sie zu überspringen sein wird, muss Hertha erst noch nehmen. Der Vertrag zwischen Bastians und Hertha tritt nach Morgenpost-Informationen nur in Kraft, wenn der Hauptstadtklub in dieser Saison den Klassenerhalt schafft. So gesehen ist allen Beteiligten geholfen, wenn Bastians schon in dieser Rückrunde mithilft, das gemeinsame Ziel zu erreichen.

"Das Rennen um den Platz im Nationalteam hinter Philipp Lahm ist vollkommen offen"

Felix Bastians, Hertha-Zugang mit DFB-Ambitionen