Altenberg

Gefahr im Eiskanal

Thomas de la Hunty (55) ist ein erfahrener Mann, seit drei Jahrzehnten dreht sich das Leben des Briten um den Bobsport. Einem wie dem Cheftrainer der Kanadier macht so schnell keiner was vor, und ins Bockshorn jagt ihn auch nicht vieles.

Was de la Hunty aber am Donnerstag in Altenberg erblickte, bestürzte sogar ihn: "In meiner 32-jährigen Karriere habe ich noch nie gesehen, dass ein Bob dermaßen zerstört wurde." Die gute Nachricht am Tag darauf nach anfänglich schlimmen Befürchtungen lautete: keiner der vier Insassen des kanadischen Viererbobs ist in Lebensgefahr, alle Sportler sind bei Bewusstsein, wiewohl einer von ihnen nach dem Transport im Rettungshubschrauber operiert werden musste.

Das Unglück war im Training zum Viererbob-Weltcuprennen passiert. Mit seiner Crew donnerte Pilot Chris Spring (27) gegen 16 Uhr die Eisrinne herunter, als er im unteren Teil ausgangs von Kurve 15 circa bei Tempo 130 die Beherrschung über seinen Schlitten verlor, unkontrolliert weiterrutschte und in der übernächsten Kurve offenkundig mit den Kufen in die oberen sogenannten Holzabweiser rummste, die ein Herausschleudern aus der Bahn verhindern sollen. Holz bohrte sich durch die Wände ins Innere des Schlittens, Spring erlitt dem Vernehmen nach dadurch eine Oberschenkelfraktur, auch Holzteile mussten aus seinem Körper entfernt werden, nachdem er wie seine zwei Anschieber Bill Thomas und Graeme Rinholm eilig ins Hospital transportiert worden war. Nur der vierte Mann, Tim Randall, kam mit einem Schock davon.

Pilot Spring, mutmaßte sein Trainer gleich, müsse einen Fahrfehler begangen haben. Anhand von Fernsehbildern und nach Analyse der Faktenlage "gehen wir von einem klaren Fahrfehler aus", sagte dann am Freitag auch der Vizepräsident des Bob- und Schlittenverbandes für Deutschland (BSD), Rainer Jacobus, und brachte damit die allgemeine Einschätzung in Altenberg auf den Punkt.

Dass bei dem Unfall nicht Schlimmeres passiert ist, darf getrost als Glückssache betrachtet werden. Im Dezember 2009 havarierte an gleicher Stelle der deutsche Europacup-Pilot Robert Göthner. Sein Kopf geriet derart unglücklich zwischen Bob und Bande, dass er seitdem komplett querschnittsgelähmt ist. "Dieser große Stolz, es heil nach unten geschafft zu haben, das hat für mich immer den Reiz dieses Sports ausgemacht", hat er vor gut einem Jahr einmal gesagt, und dass es "100-prozentige Sicherheit nicht geben kann".

Auf diese Lesart hat sich die Branche der tollkühnen Männer in ihren rasenden Kisten auch dieses Mal wie selbstverständlich verständigt. "Vor Stürzen ist niemand gefeit, das weiß jeder Bobfahrer. Bobfahren hat nun mal gewisse Risiken", sagt stellvertretend Thomas Florschütz (33), der Weltcup-Gesamtführende aus Riesa. Ungefähr zehnmal in seiner Karriere hat es ihn selber umgehauen im Eiskanal mit seinen Mannschaften, in Altenberg zuletzt 2004/2005. Die Bahn dort kennt er aus dem Effeff: "Kleinste Fahrfehler können schlimme Folgen haben. Bei dem Kanadier ist der Unfall ausgerechnet auch noch im Hochgeschwindigkeitsbereich passiert in Kurve 15/16. Da sind kleinste Fehler doppelt verheerend." Den bis zu 630 Kilogramm schweren Vierer in Altenberg zu fahren hält der erfahrene Pilot für eine der größten Herausforderungen in seinem Sport - "weil die Bahn große Tücken hat".

Anspruchsvolle Strecke

Tatsächlich zählen die 1413 Meter zu den anspruchsvollsten im Bob-, Rodel- und Skeletonsport weltweit. "Die Bahn hat ein so unrhythmisches System und schnelle Kurvenfolgen", erklärt Christoph Langen (49), einst hoch dekorierter Olympiateilnehmer und heute Bundestrainer. Auf solchen Bahnen brauche man "viel Training. Deswegen haben wir diesen Winter vor der Weltcupsaison zum ersten Mal, wie von anderen Nationen gefordert, eine internationale Trainingswoche in Altenberg angeboten".

Gerade Erfahrung ist es schließlich, die in dem von einem elitären Kreis betriebenen Hochgeschwindigkeitssport nicht nur über Hundertstelsekunden entscheidet, sondern über Wohl und Wehe einer Mannschaft. Das Verhalten im Falle eines Sturzes ist dessen ungeachtet "untrainierbar. Es ist eine Stresssituation", weiß Christian Schneider, Mannschaftsarzt im BSD. Kippt ein Schlitten, gilt die Maxime: "Sich klein machen, sich so festhalten, dass möglichst alles innerhalb der Karbonschale des Bobs drinbleibt. Denn dort ist man gut geschützt."

Christoph Langen sagt: "Beim normalen Kippsturz passiert im Gegensatz zu früher zu 99 Prozent eigentlich nichts mehr. Beim diesem Sturz jetzt konnte der Pilot aber nichts mehr verhindern." Es gehe für Pilot und Crew zunächst vor allem darum, den ersten Aufprall der Haube des Schlittens "nicht auf den Kopf zu bekommen". Die reinen Fliehkräfte im Bob seien "gar nicht so sehr das Problem", wie Vergleiche mit Studien der britischen Luftwaffe zeigten, erklärt Teamarzt Schneider, auch die Materialforschung für Schlitten und Helme schreite voran. Er schlussfolgert: "Bobsport ist ein eher nicht verletzungsträchtiger Sport, der nicht zu häufigen schweren Verletzungen führt. Problem ist aber der unkontrollierte Sturz."

Schon am Freitagmorgen, noch bevor die Entwarnung zum Zustand der havarierten Kanadier aus den Krankenhäusern ins Athletenlager drang, war die Altenberger Bahn wieder repariert. Nach dem Skeleton- fand wie geplant das Zweierbob-Rennen der Frauen statt, Europameisterschaft und Weltcupwettbewerb zugleich. Die deutsche Pilotin Cathleen Martini gewann mit Anschieberin Janine Tischer mit zwei Hundertstelsekunden Vorsprung vor Sandra Kiriasis und Petra Lammert. Olympiasiegerin Kaillie Humphries verzichtete kurzfristig auf ihren Start. Sie ist übrigens Kanadierin.