Personalien

Pulverfass Hertha

Schon seltsam, was bei Hertha BSC in diesen Adventstagen passiert. Am Sonnabend wurde Markus Babbel (39) als erfolgreichster Trainer des vergangenen Jahres ausgezeichnet. In der Kategorie 'Mannschaft' belegte Hertha Rang zwei hinter den Füchsen Berlin.

In der Tabelle liegt der Bundesliga-Aufsteiger mit 19 Punkten als Neunter im gesicherten Mittelfeld. Berlin steht auf Hertha, im Schnitt strömen 53 341 Besucher pro Heimspiel ins Olympiastadion, so viele wie noch nie.

Umso erstaunlicher waren die Aussagen von Markus Babbel nach dem 1:1 beim 1. FC Kaiserslautern. Der Trainer beschwerte sich vehement, die Leistungen der Mannschaft würden nicht hinreichend gewürdigt: "Wir müssen uns immer bis zur Decke straffen, um schlussendlich zu gewinnen. Das ist das, was mir hier auf den Keks geht. Dass da kein Respekt vor der Truppe da ist. Bis auf Dortmund und Gladbach, die nur dreimal verloren haben, sind wir es als Aufsteiger, der nur vier Mal verloren hat. Und das gegen Bayern München, Bremen und Gladbach. Da gehört einfach mal ein Kompliment an die Truppe, dass wir da stehen, wo wir stehen, im gesicherten Mittelfeld."

Auf die Frage, ob der Erwartungsdruck in Berlin zu groß sei, sagte Babbel: "Das kann man so sehen. Es ist ungerecht der Mannschaft gegenüber. Die macht einen guten Job, investiert unheimlich viel. Wir haben 19 Punkte, hoffen zur Winterpause über die 20 zu kommen, sind im Pokal dabei. Das ist außergewöhnlich. Das ist ein bisschen ärgerlich, schade für die Truppe."

Unzufriedenheit bei den Trainern

Er verstehe nicht, "dass die Mannschaft hingestellt wird, als würde sie Rumpelfußball spielen. Mich ärgert es, dass man versucht, die Mannschaft in ein Licht zu stellen, wo sie nicht hingehört. Sie hat einen tollen Charakter."

Markus Babbel klagt über fehlende Anerkennung. Nur, warum? Wer verurteilt die Mannschaft? Wer im Umfeld ist unzufrieden? Die oben geschilderten Indizien belegen das Gegenteil: dass Hertha derzeit in Berlin schwer angesagt ist.

Erstaunlich auch die Begründung, warum der Trainer Andre Mijatovic zunächst auf die Bank gesetzt hatte: Dem Kapitän habe es zuletzt an der Frische gefehlt, sagte Babbel, aber da sei er nicht der einzige im Team, das gehe auch anderen so. Hertha hat noch zwei Liga-Spiele ausstehen (Schalke und Hoffenheim) sowie die Pokalpartie gegen Kaiserslautern - und der Trainer redet darüber, dass seiner Truppe langsam die Kräfte ausgehen. Statt zu sagen: Wir legen alle Kraft in den Jahres-Endspurt.

Den Beobachter beschleicht der Verdacht: Bereitet da jemand seinen Abgang vor? Vielleicht tut man dem Trainer Unrecht. Aber vor dem Hintergrund des Zögerns von Babbel, seinen im Juni 2012 auslaufenden Vertrag zu verlängern, mutet das Auftreten seltsam an.

Auch intern knirscht es. Es heißt, Trainer, Cotrainer und Torwarttrainer strahlten zuletzt Unzufriedenheit aus. An der Arbeit im Funktionsteam wird gekrittelt. Ebenso wie genörgelt wird, dass ein Heimflug für Widmayer nach Stuttgart gebucht worden war - und nicht, wie gewünscht, nach Baden-Baden. Babbel, heißt es, wünsche sich mehr Einfluss und mehr Vertraute um sich herum.

Es wird immer klarer, dass die Frist für eine Verlängerung bis zum Rückrunden-Start am 21. Januar, die Manager Michael Preetz dem Trainer auf der Mitgliederversammlung gesetzt hat, sich nicht halten lassen wird. Am Sonnabend etwa reichte ein beiläufiger Satz im Sportstudio, um Hertha in Aufregung zu versetzen: "Nach ZDF-Informationen ist der Abschied von Markus Babbel wahrscheinlich." Der dribbelte gestern um eine Antwort herum: "Ich habe in dem Beitrag gesagt, dass ich bis auf weiteres gar nichts zu dem Thema sage."

Derzeit wird die Situation immer kurioser. So ordentlich Punktzahl und Tabellensituation beim Aufsteiger sind, die Lage bei Hertha gleicht langsam einem Pulverfass. Manager Preetz hat vor vier Wochen öffentlich das Hertha-Interesse an einer weiteren Zusammenarbeit mit Babbel bekundet. Der Trainer hat das zur Kenntnis genommen. Erstaunlich, aber wahr: Es gab bisher kein Gespräch über Gehalt oder Laufzeiten.

Ursprünglich war die Idee, den begonnenen Weg mit Babbel und dessen Stärken bei der Teamzusammenstellung und Führung der Mannschaft fortzusetzen. Mittlerweile aber fällt es immer schwerer, sich vorzustellen, dass Babbel seinen Kontrakt in Berlin verlängert.

Und was macht Preetz, falls Babbel im Januar verkündet, dass er im Sommer geht? Der Manager weiß, dass er gerüstet sein und die Frage beantworten muss: Kann Hertha dann mit Babbel die Rückrunde bestreiten? Vieles hängt dabei davon ab, wie Hertha die Hinrunde inklusive Pokal beendet. Aber zu den Hausaufgaben von Preetz gehört es schon jetzt: Wen hat er als Alternative zu Babbel in der Hinterhand? Man kann davon ausgehen, dass der Manager längst unterwegs ist, um Antworten zu finden.

Finanziell ist ein Neuer möglich

Selbst das Tagesgeschäft wird durch die Ungewissheit um den Trainer immer schwerer. Für Verteidiger Franz ist die Saison nach einem Kreuzbandriss beendet. Auf dem Papier hat Hertha mit Janker, Brooks und Neumann Ersatz. Auch Niemeyer und Lustenberger können in der Abwehrzentrale aushelfen. Andererseits übernimmt die Berufsgenossenschaft ab Mitte Januar das Gehalt von Franz. Somit wird im Hertha-Budget ein stattlicher Betrag frei. Also jemanden ausleihen? Mit wem bespricht sich der Manager: Mit Babbel? Oder lässt er die Frage bis Mitte Januar offen. Mal schauen, wer dann Hertha-Trainer ist - die Transferliste ist ohnehin bis zum 31. Januar geöffnet.