FC Bayern München

Superstar den Tränen nah

Am zweiten Advent war Arjen Robben viel unterwegs. Am Morgen trainierte der Offensivstar des FC Bayern München locker, zur Mittagszeit fuhr er dann an den Chiemsee. Der Verein schickt die Spieler jedes Jahr vor Weihnachten zu Fanklubs, und Robben plauschte im "Gasthaus Gehrlein" mit den "D' Höslwanger Stroich".

Der Andrang war riesig, die Stimmung nach dem 4:1 (1:0) gegen Werder Bremen am Tag zuvor prächtig. Die Münchner sind wieder Tabellenführer - und haben endlich ihr Traumpaar "Robbery" wieder. Franck Ribery (22. und 77. Minute) und der nach einer Stunde eingewechselte Robben (69. und 83.) erzielten jeweils zwei Tore und sorgten dafür, dass Bremen trotz des zwischenzeitlichen Ausgleichs (Markus Rosenberg, 52.) den Sieg nur kurz in Gefahr brachte - auch, weil Aaron Hunt nach einem brutalen Foul an Toni Kroos die Rote Karte sah (81.). Die bayrische "Rückholaktion Meisterschaft" ist nach den Niederlagen gegen Dortmund und Mainz wieder auf einem guten Weg. "Nach zwei Niederlagen in Folge wird beim FC Bayern alles infrage gestellt, umso wichtiger war dieser Sieg. Die Mannschaft hat dazu beigetragen, dass ich meine Grippe hoffentlich bald vollständig überwunden habe", sagte Jupp Heynckes. Er und die Vereinsbosse um Präsident Uli Hoeneß hatten eine Reaktion gefordert. Und bekamen sie. München spielte nicht überragend Fußball, doch es verbesserte die entscheidenden Faktoren: Das defensive Mittelfeld war stabil, das Zweikampfverhalten auf Rekordmeisterniveau. Die wichtigste Erkenntnis für Heynckes ist aber, dass die Mannschaft wieder einen Anführer hat - Ribery. Seit Schweinsteigers Ausfall (Schlüsselbeinbruch) fehlte dem Team der Kopf. Gegen Bremen ging Ribery voran. Er brüllte, lobte, gab Anweisungen, sprintete nach hinten, bestimmte das Tempo. Und verhinderte den 14. Saisontreffer von Mario Gomez: Der Torjäger hatte Sebastian Mielitz, Bremens Torwart, umspielt und wollte einschieben, als Ribery wie ein Sportwagen auf der Autobahn angerast kam und den Ball ins Tor schoss. "Ich habe ihm den gern überlassen", so Gomez. Die zweite Gelegenheit für ein Tor nahm Arjen Robben dem Nationalstürmer. Schiedsrichter Florian Mayer hatte auf Foulelfmeter entschieden, und Gomez den Ball schon in der Hand gehalten. Dann ging Robben zu ihm und gestikulierte nach dem Motto "Gib her! Ich schieß" - obwohl er schon einen Strafstoß zum 2:1 hatte nutzen dürfen. Ohne den Niederländer anzuschauen gab Gomez ihm wortlos den Ball.

Verantwortung übernommen

Offenbar wollte Robben seinem kongenialen Spielpartner Ribery nicht nachstehen und zeigen: "Seht her, ihr gehe auch voran und übernehme Verantwortung!" Robben traf und drehte zum Jubeln ab - ohne den Kollegen zu danken. Erst als Thomas Müller ihn mit einer Handbewegung darauf aufmerksam machte, klatschte er mit den anderen ab.

Ist Robben ein Egoist? Der Niederländer sieht das nicht so. Tatsächlich ist er sehr mit sich selbst beschäftigt, weil er nach seiner Leistenoperation vor acht Wochen immer noch Schmerzen hat. "Mal ist es besser, mal schlechter. Ich bin noch lange nicht fit und lange nicht dort, wo ich sein kann. Das ist für mich ganz schwierig", sagte Robben. Selten hat der Nationalspieler einen solch tiefen Einblick in sein Seelenleben gewährt. Hier war er der sensible Robben, der immer wieder verletzt ist. Der sich immer wieder rankämpfen muss. Der schon seit Sommer 2009 bei den Bayern ist und doch erst 44 Partien (32 Tore) absolviert hat. Der in den ersten Spielen nach seiner Rückkehr enttäuschte und die Frage hörte und las, ob die Bayern ihn noch benötigen. Und für den gerade wegen der vielen Rückschläge die Familie so wichtig ist. Vor jedem Heimspiel winkt er seiner schwangeren Frau Bernadien auf der Haupttribüne. Auch Vater Hans ist oft im Stadion, er ist auch sein Berater. Sogar als Robben kürzlich an einem Sonntag allein auf dem Trainingsgelände Sprintübungen machte, sahen die beiden mit seinen Kindern Luka und Lynn zu.

Nach seinem 2:1 gegen Bremen lief Robben vor die Tribüne, küsste seinen Ehering und sah seine Frau an. Dann wurde er laut - der Frust der vergangenen Wochen entlud sich in einem Schrei. "Die Familie ist das Wichtigste in meinem Leben. Wenn du dann so ein Tor schießt, kommt das vielleicht ein bisschen raus. Das ist eine schwere Zeit, das darf niemand unterschätzen", sagte Robben. Seine Augen waren feucht.

Er denkt viel über seine Zukunft nach. Der Vertrag bei den Bayern endet 2013, und Robben hält sich offen, ob er verlängert. Und dann ist da die Europameisterschaft nächstes Jahr. Robben will unbedingt dabei sein, als Stammspieler.

Die Elfmeter waren Robbens Saisontreffer drei und vier - und Glückspillen. Er wollte sie nutzen, um sein Selbstvertrauen zu stärken. Trainer Heynckes unterstützt ihn und sagt: "Als er kam, haben wir besser ins Spiel gefunden. Jeder hat gesehen, dass mit Arjen noch mehr Potenzial da ist." Mittwoch tritt seine Mannschaft in der letzten Champions-League-Vorrundenpartie bei Manchester City an. Die Bayern sind für das Achtelfinale qualifiziert, Robben könnte unbeschwert Spielpraxis sammeln. Heynckes sagte, er komme für die Startelf in Frage. Dies sei von großer Bedeutung, "denn das heißt, dass wir bis zur Winterpause mit ihm planen können. Ich hoffe für Arjen, dass sein Martyrium jetzt zu Ende ist". Robben wünscht sich nichts mehr, als dass sein Trainer recht behält.