Socrates

Ein Fußballzauberer verliert das letzte Spiel

Es sieht so wahnsinnig leicht aus. Mit einem Kontakt stoppt der Mann mit der Nummer acht den planlos herausgeschlagenen Ball. Mit einer zweiten Berührung und einem kleinen Hopser lässt er den ersten Gegner ins Leere grätschen, mit einer kurzen Körpertäuschung verlädt er den nächsten.

Aus vollem Lauf wirbelt er dann um 90 Grad herum und, das rechte Bein federt die Lederkugel aufs Tor. Sie streicht genau unter der Querlatte ins Netz. Die Brasilianer bestürmen ihren genialen Anführer Socrates, der gerade den 1:1-Ausgleich gegen die Sowjetunion erzielt hat. Eines der schönsten Tore der WM 1982, ein Treffer, der die spielerische Eleganz, die fantastische Leichtigkeit, mit der dieser bärtige Kinderarzt aus Belem Fußball spielte, auch Jahrzehnte später noch verdeutlicht.

Socrates, Herz und Kopf der ebenso legendären wie ungekrönten brasilianischen Selecao der Achtzigerjahre, ist tot. Er hat seinen Körper zugrunde gerichtet mit Unmengen von Alkohol und Zigaretten. Er starb in einem Krankenhaus in Sao Paulo und wurde nur 57 Jahre alt.

Schon während seiner aktiven Karriere hat er getrunken und geraucht. Beides nicht in Maßen und auch nicht verhohlen. Im Sommer konnte die Welt ihm noch einmal ins Auge blicken. Auf den veröffentlichen Porträtfotos vor hellem Hintergrund schaute den Fans aus aller Welt ein Mann mit aufgequollenem Gesicht und müden Augen entgegen. Nur das charakteristische Stirnband erinnerte an bessere, an glorreiche Zeiten. Socrates war da längst ein schwerkranker Mann, im August und September kam er nach Not-Operationen noch einmal mit dem Leben davon. Am frühen Sonntagmorgen gab sich sein Körper dann geschlagen.

In der Erinnerung der Brasilianer ist er dagegen schon lange unsterblich, zusammen mit seinen kongenialen Mitspielern wie Zico, Falcao und Toninho Cerezo hat er eine Nation verzaubert, am meisten wohl bei der WM 1982. Ein Turnier, das im Finale Italien, mit drei Unentschieden gerade so in die zweite Runde gelangt, gegen das rumpelnde Deutschland gewann. Die Brasilianer dagegen scheiterten im entscheidenden Spiel der Zwischenrunde trotz wunderschöner Tore von Socrates und Falcao an der eigenen Schlampigkeit in der Abwehr und an der Cleverness des italienischen Dreifachtorschützen Paolo Rossi. 2:3 heißt es am Ende, ein 2:2 hätte für das Halbfinale gereicht. Auch vier Jahre später gelingt der wohl spielstärksten Selecao, die es je gab, nicht der Titelgewinn. Im Viertelfinale siegt Frankreich im Elfmeterschießen. Socrates vergibt gleich den ersten Versuch. So blieb eine großartige Karriere ungekrönt. Doch nicht nur auf dem Platz war der im verarmten Norden Brasiliens geborene Komplettfußballer der Kopf des Teams. Er setzte sich am Ende der Militärdiktatur öffentlich in der Kampagne "Diretas Ja" für die direkte Wahl des Staatspräsidenten durch das Volk ein und gehörte zu den treibenden Kräften der "Democracia Corintiana". Die weltweit wohl einmalige Demokratiebewegung erlaubte es den Corinthians-Spielern, per Abstimmung in Klubentscheidungen bei Spielerwechseln oder Regeln in Trainingslagern einzugreifen. Politisch links stehend gab er einst zu: "Ich wäre gern Kubaner."

25 Jahre nach seinem letzten Länderspiel ist das Leben eines der größten Fußballspieler zu Ende gegangen. Die Frage nach dem Warum hat er selbst vor einiger Zeit mit einem Achselzucken beantwortet. Warum die vielen Kippen, der Suff, Socrates? Es habe einfach zu gut geschmeckt, antwortete der Arzt, der den Fans des schönen Spiels unvergesslich bleiben wird.