Gewalt

Kapitulation vor den eigenen Fans

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Michael Färber und Lars Wallrodt

Die Plätze für den Sonderzug sind seit langem ausverkauft. Gut 1000 Fans des 1. FC Union werden sich morgen per Bahn auf den Weg machen, um ihr Team im Spiel beim FC Hansa zu unterstützen. Weitere rund 1200 Anhänger des Berliner Fußball-Zweitligisten werden sich mit Bussen oder dem eigenen PKW auf den Weg an die Ostsee machen.

Die Partie am Abend (18 Uhr, Sky live) ist eine der wenigen, die die Fans der Köpenicker Kicker an einem Freitag erreichen können. Rostock liegt nur zwei Autostunden von Berlin entfernt, mit dem Zug dauert es nicht viel länger. So ein Ostderby will man sich eben nicht entgehen lassen.

Dass sich der Union-Anhang in dieser Stärke gen Norden begibt, überrascht dennoch angesichts der Vorkommnisse im Heimspiel der Rostocker gegen den FC St. Pauli am vergangenen Sonnabend. Mit Leuchtraketen war der Block der Hamburger beschossen worden, unter dem großen Jubel der Zuschauer auf der Osttribüne. Das war so erwartet worden - beide Fanlager hassen sich leidenschaftlich, es war ein Risikospiel höchster Kategorie. Die Rostocker Polizei versuchte mit 2000 Beamten die Situation zu kontrollieren, und am Ende sagte ihre Sprecherin Monika Krause-Schöne: "So hart wie es sich auch anhört: Wir ziehen eine positive Bilanz." Die lautet: zehn Verletzte, darunter acht Polizisten, 33 eingeleitete Ermittlungsverfahren, Steinwürfe auf einen Streifenwagen sowie drei Shuttlebusse der Gästefans. In der Nacht zuvor hatten Vermummte Rostocks Polizeihauptrevier mit Feuerwerkskörpern und Steinen angegriffen. Die Behörde vermutet einen Racheakt, weil zuvor ein gewalttätiger Fan festgenommen worden war.

Vier Randalierer wurden überführt

Wie weit ist es im deutschen Fußball gekommen, wenn so eine "positive Bilanz" aussieht? Das Spiel zwischen Hansa und St. Pauli weist eine neue Dimension auf. Zum ersten Mal muss ein Verein offen vor seinen Fans kapitulieren. "Ich verstehe diesen Hass nicht. Wir bitten Verbände, Politik und Judikative, uns mit diesem gesamtgesellschaftlichen Problem nicht allein zu lassen", sagte Hansa-Präsident Bernd Hofmann nach dem Spiel entsetzt. Manager Stefan Beinlich ergänzte: "Wir als Verein werden missbraucht als Plattform von Leuten, die die Öffentlichkeit suchen. Das werden wir allein nicht unterbinden können. Da brauchen wir Hilfe von Politik und Rechtsprechung." Trainer Peter Vollmann zuckte nur resignierend mit den Schultern: "Und wenn wir eine ganze Saison Geisterspiele oder zehn Millionen Euro Strafe bekommen - es ändert nichts. Es ist aussichtslos. Diese Menschen sind unbelehrbar!"

Das Gewaltproblem ist keinesfalls auf Rostock beschränkt. Vor den Raketenangriffen auf die St.-Pauli-Fans waren rund 100 von denen durch eine Sicherheitskontrolle am Stadion gestürmt. In der ersten DFB-Pokal-Runde stürmten Hooligans des BFC Dynamo den Fanblock des 1. FC Kaiserslautern. Eine Runde später eskalierte die Gewalt in Dortmund, wo Fans von Dynamo Dresden marodierten: sieben Festnahmen, 15 Verletzte.

Vor zehn Tagen tagte der Bundesinnenminister mit Vertretern des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) und der Deutschen Fußball Liga (DFL) zum Thema "Gewalt" - eine Lösung wurde nicht präsentiert. Es sei einvernehmlich beschlossen worden, "den Weg des Dialogs fortzusetzen und gleichzeitig klare Grenzen zu setzen", gab der DFB bekannt. Die "klaren Grenzen" sind Sanktionen: Dynamo Dresden soll kommende Saison vom DFB-Pokal ausgeschlossen werden. Rostock musste bereits vor dem St. Pauli-Spiel zu zwei Auswärtspartien ohne Fans anreisen. Dazu kamen jeweils Geldstrafen.

Mecklenburg-Vorpommerns Innenminister Lorenz Caffier will nun im Landtag über die Rostocker Hooligans debattieren lassen. Die CDU-Fraktion hat dazu eine erweiterte Tagesordnung für die Sitzung des Innenausschusses am 1. Dezember beantragt. Für Hansa-Boss Hofmann ein Schritt in die richtige Richtung, denn: "Wir werden den beklemmenden Sittenverfall nicht allein lösen können." Vorab veröffentlichte Caffier aber schon einmal seinen Zweipunkte-Plan zur Befriedung des Fußballs. Erstens: "Wenn der Dialog mit den Fans nicht reicht, müssen personalisierte Eintrittskarten her." Zweitens: "Wir müssen über Schnellgerichte bei überführten Randalierern nachdenken." Und natürlich darf auch eine "Task Force" nicht fehlen: Vertreter von Innenministerium, Staatsanwaltschaft, Polizei und Hansa Rostock wollen nach Lösungen für das Gewaltproblem suchen.

Hauptsponsor zieht sich zurück

Joachim Masuch, Präsident des Landesfußballverbandes Mecklenburg-Vorpommern, sieht die Fürsorgepflicht vor allem beim Klub als Veranstalter: "Beim FC Hansa sehe ich nicht, dass man mit allen Möglichkeiten dafür eintritt."

Immerhin vier Gewalttäter vom Sonnabend wurden bislang ermittelt. "Wir werden gegen diese Leute Strafanzeige stellen und mit allen juristischen Mitteln vorgehen, die uns zur Verfügung stehen", sagte Präsident Hofmann. Für seinen Klub aber gibt es erste Konsequenzen. Hauptsponsor "Veolia" gab bekannt, das Sponsoring wegen der Krawalle "nicht über die laufende Saison hinaus zu verlängern", wie ein Sprecher bei "Bild.de" sagte. Ein herber Verlust, für das Image und finanziell. Der Konzern soll rund 700 000 Euro pro Jahr zahlen.

Dass nun auch die Hansa-Partie gegen Union, die wegen des Castor-Transports am Wochenende von Sonntag auf Freitag vorverlegt wurde, von der Polizei als Risikospiel eingestuft wurde, ist nachvollziehbar. Die Berliner haben dafür die Anzahl der eigenen Ordner auf 25 mehr als verdoppelt. Die Sonderzug-Reisenden werden von der Polizei zu Fuß zum Stadion geleitet, nach der Partie geht es per Shuttlebus zum Hauptbahnhof zurück. In allen Regionalzügen nach Rostock ist die Mitnahme von Glasflaschen und Pyrotechnik verboten. Für nicht organisiert Anreisende gibt es um 16.35 Uhr am Hauptbahnhof, auf dessen Südseite kostenlos und gesichert geparkt werden kann, einen kostenlosen S-Bahntransfer. Bei den zahlreichen Maßnahmen hofft Union-Trainer Uwe Neuhaus, "dass alles ruhig bleibt. Ich habe großes Vertrauen in die Sicherheitskräfte in Rostock."