Drei Präsidiumsmitglieder im Gespräch

"Hertha ist sexy geworden"

Für dieses Gespräch bedurfte es einer Ausnahmegenehmigung. Eigentlich hat sich das Präsidium von Hertha BSC selbst verordnet, dass nur Präsident Werner Gegenbauer öffentlich spricht. Die anderen sieben Mitglieder arbeiten intern. Das gelingt mal mehr, mal weniger. Aber zur neuen Saison versammelte die Morgenpost mit Norbert Sauer (60), Thorsten Manske (46) und Michael Ottow (48) drei Präsidiumsmitglieder an einem Tisch.

Sie gewährten exklusiv einen Blick hinter die Kulissen: Wie kontrovers die Runde streitet, warum sie dem Vertrag mit dem Acht-Millionen-Euro-Sponsor zugestimmt haben, ohne zu wissen, wer der Investor ist. Und warum Meister Dortmund Hertha Mut macht.

Berliner Morgenpost: Acht Spiele, zwölf Punkte: Wie zufrieden sind Sie mit dem Saison-Start von Hertha BSC?

Michael Ottow: Aus meiner Sicht ist der Saisonstart in Ordnung. Wir sind auf gutem Weg, unser Ziel zu erreichen: Dass Hertha wieder etablierter Erstligist wird.

Norbert Sauer: Insgesamt sehe ich einige sehr gute Ansätze wie zuletzt die erste Halbzeit gegen Köln. Das war eine der besten Vorstellungen der Mannschaft und zeigt das Potenzial, das in ihr steckt! Wenn es gelingt diese Leistung konstant abzurufen, wäre ich sehr zufrieden!

Thorsten Manske: Mit der bislang erreichten Punktezahl können wir sehr zufrieden sein. Und jetzt freuen wir uns auf das reizvolle Spiel beim FC Bayern.

Berliner Morgenpost: Trainer Markus Babbel hat eine unrealistische Erwartungshaltung in Berlin beklagt. Zu Recht?

Ottow: Wir wissen alle, dass die Luft in Berlin rauer ist als in anderen Provinzen des Landes! Das ist natürlich nicht nur auf den Fußball bezogen. Mir persönlich fehlen oftmals die Zwischentöne zwischen "Schwarz" und Weiß", aber das ist wohl nur schwer zu korrigieren . . .

Manske: Alle sind sich einig, dass unser Ziel der Klassenerhalt ist. Meiner Wahrnehmung nach wird das in weiten Teilen der Berliner Öffentlichkeit geteilt. Allein das vom Trainer ausgegebene Zeil DFB-Pokalsieger wird von langjährigen Berliner Beobachtern als ein wenig optimistisch wahrgenommen. Aber damit artikuliert Markus Babbel einen langgehegten, sonst im Stillen gepflegten Traum. Ich sehe keinen Druck auf das Team durch eine unrealistische Erwartungshaltung.

Sauer: Die allgemeine Erwartungshaltung ist die, dass Hertha die Klasse hält. Das ist nicht unrealistisch!

Berliner Morgenpost: Sie haben im Präsidium verabredet, dass nach außen nur der Präsident spricht, alle anderen schweigen. Fällt das schwer?

Manske: Mir nicht. Ich verstehe meinen Job im Hertha-Präsidium nicht so, dass ich bei Zeitungssuchmaschinen im Internet möglichst viele Hits bei meinem Namen haben möchte. Wir haben einen Informationsvorsprung, damit versuche ich vorsichtig umzugehen.

Ottow: Jeder von uns hat eine Meinung, die ist nicht immer gleich. Aber ich bin Beamter, klare Zuständigkeiten finde ich sinnvoll. Unser Job ist nicht, dass jeder nach außen seine Version der Geschichte kommuniziert.

Berliner Morgenpost: Das Magazin 11 Freunde beschreibt das Hertha-Präsidium als ein sehr unruhiges.

Sauer: Es geht meiner Ansicht nach weniger um Unruhe oder Ruhe, sondern mehr darum, wie ein moderner Verein, der ja auch ein Unternehmen ist, organisiert ist. Debatten sind intern zu führen und haben nichts in der Öffentlichkeit zu suchen. Wie überall muss man einen Konsens finden, den Präsident Werner Gegenbauer nach Außen kommuniziert. Da müssen sich die einzelnen Präsidiumsmitglieder auch manchmal Zügel anlegen und den Drang nach Selbstdarstellung zurückstellen.

Berliner Morgenpost: Herr Sauer, wie ist es, in der Zeitung zu lesen, dass es einen Sitzungseklat gab, weil Herr P. Herrn B. "Arschloch" genannt hat. Sie fanden das unwürdig und gingen.

Sauer: Es gehört eigentlich nicht in die Presse, wie Herr A Herrn B findet. Aber das ist nebensächlich. Die Grenze der Auseinandersetzung ist für mich dann gegeben, wenn man nichts mehr bewirken kann. Das wäre ein Grund zu gehen.

Berliner Morgenpost: Nehmen wir das Beispiel Acht-Millionen-Investor: Hertha bekommt von einem unbekannten Investor diese Summe. Am Ende hat das Präsidium einstimmig zugestimmt. Obwohl acht der neun Mitglieder nicht wissen, woher das Geld kommt.

Manske: Klar haben wir kontrovers diskutiert. Wenn das dann in der Zeitung steht, ist das ein Verstoß gegen die Regeln, die wir uns selbst gegeben haben. Insgesamt ist es so, dass viel weniger nach draußen geht als früher. Das liegt daran, dass das Präsidium sich von der Geschäftsführung besser unterrichtet fühlt als früher. Michael Preetz ist bei fast 100 Prozent unserer Sitzungen dabei. Bei Dieter Hoeneß lag die Quote bei vielleicht 30 Prozent.

Berliner Morgenpost: Warum haben Sie zugestimmt, ohne zu wissen, wer das Geld gibt?

Manske: Für mich war es eine Abwägung. Ich hätte es gern gewusst. Wenn aber Anonymität Wunsch der Investoren ist, respektiere ich das. Wir haben neutrale Instanzen, die das Angebot ebenfalls geprüft haben: Wirtschaftsprüfer und die Deutsche Fußball-Liga. Die haben jeweils ihr Okay gegeben.

Sauer: Das Geschäft mit den acht Millionen ist nur unter der Bedingung zustande gekommen, dass die Namen nicht genannt werden. Auch mir geht es so: Ich würde gern wissen, wer dahinter steht.

Ottow: Für mich war die entscheidende Frage: Hilft der Deal Hertha oder schadet er? Da muss meine persönliche Neugier, wer steckt dahinter, hinten anstehen. Vorrang hat: Dieser Vertrag hilft dem Verein.

Berliner Morgenpost: Einen Schritt zurückgetreten: Lucien Favre hat auf seiner Abschiedspressekonferenz im Herbst 2009 gesagt, Hertha habe den Abschied von Dieter Hoeneß nicht verkraftet. Ist dieses Thema mit dem Wiederaufstieg endgültig erledigt?

Sauer: Ich glaube, dass Hertha sich von Dieter Hoeneß emanzipiert hat. Er war der Zampano, er hat Hertha stark fokussiert auf sich. In der Zwischenzeit wurden Strukturen geschaffen, die viel teamorientierter sind. Die Verantwortung ist auf diverse Schultern verteilt. Wir haben heute im Sinne eines modernen Fußball-Unternehmens bessere Strukturen. In dem Sinne hat sich Hertha emanzipiert. Ich möchte aber anfügen, dass es wichtig ist, Dieter Hoeneß gerecht zu werden. Er wird immer in eine bestimmte Ecke gestellt. Er hat auch viel Gutes bewirkt hat. Trotzdem finde ich, dass Hertha jetzt unter dem Aspekt Sport und Wirtschaft besser dasteht.

Manske: Allen war klar, dass nach der Ära Hoeneß etwas Neues entstehen muss. Das ist Hertha gelungen. Allein die Art der Kaderplanung zeigt, dass es richtig ist, auf Michael Preetz zu setzen.

Berliner Morgenpost: Hat die Geschäftsführung mit Michael Preetz und Ingo Schiller im Aufstiegsjahr besser gearbeitet als im Abstiegsjahr?

Sauer: Da steckt ein Vorwurf drin, den ich nicht sehe. Die Beteiligten wurden 2009 ins kalte Wasser geworfen. In der Öffentlichkeit waren nicht alle überzeugt, dass Michael Preetz die richtige Wahl war. Er musste sich erst mal behaupten, raus aus den großen Stiefeln vom Vorgänger. Die Geschäftsführung hat das erste Jahr benötigt, um in den Job richtig reinzukommen. Mit der Belastung, den Negativschlagzeilen, die im Sommer 2010 da waren, habe ich Respekt, wie die Geschäftsführung die Ruhe bewahrt hat. In jener Situation wurde der Aufbruch mit dem neuen Trainer gewagt. In der Krise hat sich die Teamarbeit bewährt. Und jetzt ist sie das Modell.

Ottow: Ich will bei den großen Schuhen des Vorgängers einhaken. Das Phänomen mit den Vereinspatriarchen, deren Zeit zu Ende ist, gibt es auch bei anderen Klubs. Meist waren deren Nachfolger nicht lange da. Ich erinnere an Andreas Müller auf Schalke, der den Job von Rudi Assauer übernommen hat. Oder an Ilja Kaenzig, der in Leverkusen Rainer Calmund beerbt hat. Ich glaube auch, dass beim FC Bayern Christian Nerlinger mit dem Schatten von Uli Hoeneß zu tun hat.

Berliner Morgenpost: Wie geerdet ist Hertha?

Ottow: Bei Mitgliederzahlen von über 27 000 kann man nicht mit Jedem ein Gespräch führen. Wir haben in der Stadt manchmal eine Harald-Juhnke-Mentalität. Man mag den, haut aber erst mal drauf. Wenn er dann Probleme hat, versuchen alle, ihm wieder aufzuhelfen. So habe ich die Zweitliga-Saison erlebt. Wir mussten mit Hertha mal ins Erdgeschoss zurück, um die Leute zu erkennen, die uns gern haben. Mit dem Aufstieg sind wir zumindest im ersten Stock angekommen.

Berliner Morgenpost: Um im Bild zu bleiben: Wie hoch geht es für Hertha, derzeit Tabellen-Zehnter, hinaus?

Ottow: Die letzten beiden Jahre gehören ja zusammen: Der Abstieg und der Wiederaufstieg. Die Lehre ist: Sich realistische Ziele stecken, kleine Schritte machen und nicht heute schon wieder überlegen, wann Hertha endlich Champions League spielt.

Manske: In dieser Saison wollen wir die Bundesliga halten. Mittelfristig wollen wir dafür sorgen, dass das eine Jahr in der Zweiten Liga die große Ausnahme bleibt.

Sauer: Die oberste Prämisse ist, den Abstieg zu vermeiden. Aber es wäre mir zuwenig, wenn man nicht darüber hinaus Perspektive hat. Wir wollen in allen Bereichen versuchen, Spitze zu werden. Bei Spielerverpflichtungen, bei der Nachwuchsarbeit, bei der Professionalisierung. Ich habe bei dem Gespann, das wir haben mit Michael Preetz und Markus Babbel, ein gutes Gefühl. Das sind junge, ehrgeizige Leute. Die wollen nicht nur, dass es mit dem Verein aufwärts geht, sondern auch mit ihrer eigenen Biographie. Bei den Entscheidungen sehe ich ein Konzept dahinter, das war nicht immer so bei Hertha.

Berliner Morgenpost: Beim Blick auf die schwierige Finanzlage: Erlebt Hertha Champions League auf Jahre hinaus nur am Fernseher?

Manske: Wir sind nicht Bayern München und kein Werksklub. Aber nehmen wir Borussia Dortmund. Wenn man sieht, wo der BVB finanziell vor sieben Jahren stand, und wie die sich entwickelt haben. Dort stand kein Mäzen oder strategischer Investor oder Konzern dahinter. Seriöse Arbeit lässt eine Erfolgsgeschichte zu.

Sauer: Ich bin optimistischer, als die Geschäftslage es zulässt. Hertha ist stärker in Berlin angekommen, als ich das in all den Jahren erlebt habe. Hertha ist attraktiv geworden, um nicht zu sagen sexy. Damit ist der Verein für weitere Sponsoren gut aufgestellt. Da kann größeres Geld fließen. Hertha steht für junge Leute in der Mannschaft und in der Führung. Das ist eine gute Konstellation für Menschen, die in Unternehmen über große Geldbeträge zu entscheiden haben. Unsere gute Nachwuchsarbeit ist ein Pfund. Dazu kommt: Der Fußball wird seinen Stellenwert insgesamt nicht verschlechtern. Ich kann mir vorstellen, dass Hertha sich auf den Weg macht, wie es beim FC Bayern schon lange ist: Dass Unternehmen sich schmücken, bei einem erfolgreichen Verein dabei zu sein. Einem Klub, der attraktiv ist für Werbepartner, und der zudem noch über den Hauptstadt-Faktor verfügt.