NHL

Exportschlager für 40 Millionen

Es hat sich fast schon als kleine Tradition eingebürgert. Wer zuletzt Meister werden wollte in der nordamerikanischen Eishockeyliga NHL, der musste seine Saison in Europa beginnen. Seit 2007 schickt die NHL jedes Jahr ein paar Teams herüber, um sich zu zeigen und den Leuten hier etwas Spaß zu bieten.

In den vergangenen drei Jahren konnten die Europäer dabei stets den späteren Stanley-Cup-Sieger in seinen ersten Saisonspielen sehen - 2008 die Pittsburgh Penguins, 2009 die Chicago Blackhawks und 2010 die Boston Bruins.

Sabres gehören zu Favoriten

Es könnte ruhig so weitergehen. Dann dürften zwei deutsche Spieler sich sehr große Chancen ausrechnen. Mit den Buffalo Sabres kamen Jochen Hecht, der jedoch verletzt ausfällt, und Christian Ehrhoff nach Europa, um in Helsinki ein Punktspiel gegen die Anaheim Ducks (4:1) und heute in Berlin - zum ersten Mal findet ein reguläres Saisonspiel der NHL in Deutschland statt - eines gegen die Los Angeles Kings zu bestreiten (20 Uhr, O2 World). Die Sabres gelten sogar tatsächlich als aussichtsreiches Team in dieser Saison. Nur darum ist Christian Ehrhoff dort.

Einmal konnte er den Stanley Cup bereits fühlen, so nah war er dran. Im Juni verlor der gebürtige Moerser (29) mit den Vancouver Canucks im siebten Spiel des Finales gegen die Boston Bruins mit dem Nationalmannschaftskollegen Dennis Seidenberg. Daran hatte er den ganzen Sommer lang "ganz schön zu knabbern". Eigentlich sollte der neue Anlauf nun wieder mit den Canucks erfolgen. "Ich wäre gern in Vancouver geblieben", so Ehrhoff. Nur fanden beide Seiten keine Einigung über einen neuen Vertrag.

Vielleicht war das sogar ein Glück für den Verteidiger. Ganz abgesehen davon, dass die Canucks wieder nicht in Europa dabei sind. Buffalo konnte sich zwar nie einen Namen als erfolgreiche Organisation machen, nur zweimal in 41 Jahren stand der Klub im Finale. Doch bei den Sabres hat sich viel verändert in diesem Jahr. Terry Pegula, ein Milliardär aus dem Gas-Geschäft, übernahm den Verein im Februar für 189 Millionen Dollar. "Durch den neuen Besitzer, der unbedingt gewinnen will, ist unser Ziel ganz klar der Cup", erzählt Jochen Hecht. Über den Sommer wurde das Team gut verstärkt, 120 Millionen Dollar investierte Pegula und machte den Klub zum größten Gehaltszahler der Liga. Ehrhoff stieß dabei für deutsche Verhältnisse in ganz neue Dimensionen vor.

Er ist nun ein richtiger Star dort drüben. So wird er bezahlt, so sieht seine Rolle im Verein aus. Gleich für zehn Jahre verpflichtete Pegula den Abwehrspieler. "Das ist der längste Spielervertrag in der Klubgeschichte der Sabres. Das ist dann schon ein deutliches Zeichen, dass die mich wirklich haben wollten", sagt Ehrhoff. Wert war dem Besitzer das 40 Millionen Dollar. Zehn davon erhält der Star aus Germany allein in der kommenden Saison, damit ist Ehrhoff der bestbezahlte Verteidiger der Liga. Nur ein Spieler, Brad Richards von den New York Rangers (zwölf Millionen), verdient überhaupt mehr als Ehrhoff.

Kein Deutscher hat bislang eine derartige Bedeutung erreicht. Obwohl es mit Uwe Krupp und Dennis Seidenberg zwei Stanley-Cup-Sieger gibt. Höhe und Dauer des Vertrages haben sich dadurch ergeben, "dass ich einer der gefragtesten Spieler gewesen bin, die im Sommer auf dem Markt waren", erzählt Ehrhoff, sagt aber auch: "Über zehn Jahre gesehen ist mein Durchschnitt ein ziemlich fairer Preis." Aber auch immer noch einer, der über dem Durchschnitt liegt. Wie Christian Ehrhoff selbst. Seit er 2003 in die NHL nach San Jose kam, wurde der Verteidiger immer besser, steigerte mit jeder Saison seinen Wert. Sein harter Schuss, seine großen Qualitäten in der Offensive und im Powerplay machen ihn so begehrt. "Er passt einfach perfekt zu uns, er ist genau das, was wir gebraucht haben", sagt Sabres-Trainer Lindy Ruff. Viel Ehre für Ehrhoff. Damit verbunden sind aber auch große Erwartungen.

Druck macht ihm nichts aus

Fragen nach dem Druck werden Ehrhoff nun häufig gestellt. Er verdiene wie ein Star, also müsse er auch spielen wie einer, heißt es in Buffalo. Ehrhoff fühlt sich aber nicht unter Zugzwang. In Vancouver, wo er zuvor spielte, ist Eishockey Religion, der Druck riesig. "Ich denke, ich bin sehr gut damit umgegangen. Druck gehört zum Geschäft dazu", sagt er. Wenn ihm die Erwartungen zu viel gewesen wären, hätte er auch zu den New York Islanders gehen können. Die hatten im Sommer für einen Tag die Rechte an ihm. "Doch ich habe keine Chance gesehen, mit ihnen um den Cup zu spielen. Also habe ich abgelehnt, obwohl das Angebot großartig war", sagt Ehrhoff. Am nächsten Tag unterschrieb er bei den Sabres.

Zuvor hatte ihm Teambesitzer Pegula Perspektiven und Ziele des Vereins erläutert. Es muss sehr überzeugend geklungen haben, was der ihm da erzählte. Denn in Ehrhoff hat sich eine große Sehnsucht aufgebaut nach dem verlorenen Finale. "Der Schmerz wird erst gelindert, wenn ich den Cup über dem Kopf halten kann." Buffalo scheint ihm der richtige Ort zu sein, um die Pein des Juni irgendwann zu überwinden. Die Vorzeichen passen, sogar der Start in Europa. Obwohl ihm daran nicht alles gefällt. Keine 24 Stunden sind die Sabres in Berlin. Ehrhoff hätte gern mehr Zeit hier verbracht, schließlich sind Familie und Freunde zahlreich erschienen.