Bundesliga

"Wir sind doch keine Maschinen"

Sein Lächeln wirkte nicht gespielt, es signalisierte eine große Portion Selbstbewusstsein. "Ich bin gesund zurück und fühle mich wohl. Und ich habe gemerkt, dass Fußball meine große Leidenschaft ist", sagte Markus Miller.

Die Rückkehr eines Torhüters, der Hannover 96 elf Wochen lang wegen der Behandlung einer mentalen Erschöpfung gefehlt hatte, war gestern auch ein Medienereignis. Die vielen Kameras und Objekte, die auf den 29-Jährigen gerichtet waren, irritierten ihn ein wenig. Aber dass Miller den Mut aufgebracht hatte, sich öffentlich zu seinen Problemen zu bekennen und nach einem Aufenthalt in einer Gelsenkirchener Privatklinik in den Profisport zurückzukehren, beschert ihm eine enorme Aufmerksamkeit. "Ich bin doch überrascht über das große Interesse an mir. Ich war doch nur elf Wochen weg", sagte der Schlussmann.

Das Besondere ist: Miller gehört in Hannover zu jenen Torhütern, die das schwere Erbe von Robert Enke angetreten haben. Der frühere Nationalspieler hatte sich im November 2009 von Depressionen geplagt das Leben genommen. "Es gibt wenig Parallelen. Aber Roberts Schicksal hat auch eine Rolle dabei gespielt, meine Probleme öffentlich zu machen", sagte Miller, der bei seiner Rückkehr von 96-Manager Jörg Schmadtke begleitet wurde. Hannovers Verantwortliche hatten alles nur Erdenkliche unternommen, Miller eine möglichst behutsame Rückkehr ins Rampenlicht zu ermöglichen. "Wir sollten seinen Vorgang als normal betrachten. Der Fall von Markus Miller zeigt, dass ein Weg zurück immer möglich ist und dass wir Schwächeperioden gemeinsam überstehen können", sagte Schmadtke.

Elf Wochen in einer geschlossenen Anstalt - Miller machte kein Geheimnis daraus, dass er sich auf das Wiedersehen mit den Kollegen gefreut habe, dass ihm aber der Trubel um seine Person nicht so recht sei. Die Therapeuten haben mit ihm unter anderem darüber gesprochen, welchem Druck er sich erneut aussetzt, wenn er als Reservetorhüter in ein voll besetztes Fußballstadion zurückkehrt.

"Ich habe damit keine Erfahrung. Aber ich bin neu aufgestellt. Körperlich bin ich auf einem sehr guten Niveau. Es fehlt nicht viel", sagte Miller, der im Mannschaftstraining schon wieder ganz normale Paraden zeigte und von seinen Kollegen mit Scherzen und herzlichen Umarmungen empfangen worden war.

Die Rückkehr von Miller ist keine Selbstverständlichkeit, weil wenige bezahlte Fußballspieler bisher den Mut aufgebracht haben, sich öffentlich zu psychischen Problemen zu bekennen und ihre Karriere für eine Behandlung zu unterbrechen. Miller scheint aus seiner Zwangspause mental gestärkt hervorzugehen, er hinterließ am Dienstag einen äußerst selbstbewussten Eindruck. Der Familienvater bedankte sich bei seiner Frau, seinen Beratern und vielen Kollegen, die ihm Mut zugesprochen haben.

Zu den Personen aus dem 96-Umfeld, die Millers Familie Hilfe angeboten hat, gehörte Teresa Enke, die Witwe des verstorbenen Nationaltorhüters. Was Miller mit Blick auf Enkes Suizid und sein eigenes Schicksal zu sagen hatte, war nicht nur optimistisch, sondern auch nachdenklich. "Wir Fußballspieler sind nur Menschen, keine Maschinen. Wir sollten die Menschlichkeit nicht vergessen", sagte der Mann, dessen Karriere in den vergangenen Jahren nicht nach Wunsch verlaufen war.

Als Stammtorhüter des Karlsruher SC hatte er sich vor fünf Jahren einen Kreuzbandriss zugezogen, was einen herben Einschnitt bedeutete. Bei Hannover 96 war es für Miller seit dem Sommer 2010 darum gegangen, im bezahlten Fußball wieder Fuß zu fassen. Seine Probleme lagen darin, dass Trainer Mirko Slomka seine Leistungen nicht mit einem Stammplatz würdigte und dass er über Monate mit einer mentalen Erschöpfung zu kämpfen hatte, die er Anfang September öffentlich machte. Der Schlussmann verweigerte einen Einblick in seine Therapie und bat um Nachsicht für seine Verschwiegenheit. Miller: "Ich möchte nur so viel verraten: Kein einziger Arzt hat mir vorgeschrieben, was ich tun muss. Ich war der Chef. Und es war absolut die richtige Entscheidung, meine Probleme öffentlich zu machen und mir externe Hilfe zu holen."

Nach der Tragödie um Enke hatten mehrere Profis von Hannover 96 die Hilfe eines Psychologen angenommen. Das Angebot des Vereins, eine dauerhafte Betreuung in Anspruch zu nehmen, lehnten die Spieler allerdings ab. Miller war nach Rücksprache mit Slomka und 96-Präsident Martin Kind aber in die Öffentlichkeit gegangen. "Sein Entschluss verdient allerhöchsten Respekt", findet Kind. Vertraglich ist Miller bis Sommer 2013 an Hannover 96 gebunden. "Meine Rückkehr heute ist ein besonderer Moment für mich. Ich konnte es kaum erwarten", sagte er bei seiner Rückkehr. Es klang entschlossen.